Es geht längst nicht mehr darum, die Konjunktur zu retten, sondern die Unternehmen: Innerhalb kürzester Zeit hat das Coronavirus die Wirtschaft in Niedersachsen wie auch in ganz Deutschland in diese Situation gebracht.

Was das Virus in Niedersachsens Wirtschaft anrichtet, dürfte in der zweiten Aprilhälfte erstmals in aller Deutlichkeit sichtbar werden. Dann veröffentlichen die Industrie- und Handelskammern die Ergebnisse ihrer turnusmäßigen Frühjahrs-Konjunkturumfrage. Zur Erinnerung: Nach sieben Quartalen, in denen der IHK -Konjunkturklimaindikator jeweils gesunken war, gab es Ende 2019 einen Hoffnungsschimmer mit einer leichten Aufwärtsbewegung und einer Mini-Stabilisierung des Indikators bei 102 Punkten. Diesen positiven Trend hat Corona weggewischt.
Nach dem Platzen der Internet-Blase Anfang des Jahrtausends und in der Finanz- und Wirtschaftskrise nach 2008 stürzte der Konjunkturklimaindikator jeweils auf etwa 70 Punkte ab. Und die Corona-Krise? Nach den Ergebnissen zweier Ad-hoc-Befragungen von Unternehmen durch die Industrie- und Handelskammern im März zeigt sich bereits jetzt ein düsteres Bild: In ganz Niedersachsen rechnen drei Viertel der befragten Unternehmen mit einem Umsatzrückgang von mehr als 10 Prozent. Fast jedes vierte Unternehmen befürchtet sogar eine Halbierung des Umsatzes in diesem Jahr. Im Bereich der IHK Hannover sieht die Situation kaum besser aus: Über 40 Prozent der Unternehmen sehen ihr Geschäft teilweise oder komplett stillgelegt. Aufträge storniert, Lieferketten unterbrochen, Ausfall von Mitarbeitern. Die Mehrheit will zwar mit der Stammbelegschaft durch die Krise kommen, aber jedes dritte Unternehmen in der IHK-Region Hannover rechnet damit, Personal abbauen zu müssen. Und in Niedersachsen stufte sich Ende März bereits jedes sechste Unternehmen als insolvenzgefährdet ein. Die schlechten Nachrichten ließen sich fortsetzen. Dr. Horst Schrage, Hauptgeschäftsführer der IHK Hannover, erwartet eine tiefe Wirtschaftskrise, „auch in unserer Region.“ Die Zahl der Unternehmen, die nicht betroffen sind oder sogar einen Umsatzanstieg erwarten, fällt dagegen nicht ins Gewicht.

Keine gute Ausgangsposition
Dabei erwischt die Corona-Krise die Wirtschaft in einer konjunkturell keineswegs guten Verfassung. Die Industrie steckte bereits zuvor in einer Rezession fest. Aber die Prognosen für die Gesamtwirtschaft gingen noch im Januar immerhin von einem leichten Plus in diesem Jahr aus. Klar wurde aber bereits damals: Die Situation ist fragil, jeder Schock hätte die Kraft, das irgendwo zwischen 0,5 und 1 Prozent geschätzte Wachstum aufzufressen. Suchte man nach solchen negativen Faktoren, tauchten in den Szenarien die Eskalation internationaler Handelskonflikte oder die Aussicht auf einen doch noch harten Brexit im kommenden Dezember auf. Mit der Corona-Pandemie überrollt aber nun eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes die Wirtschaft.
Zunächst traf es Anfang März Messen und Veranstaltungen und mit den Absagen die Organisatoren, die Messebauer, die Gastronomie und das Catering, Dienstleister und Freiberufler. In der Messestadt Hannover war das noch stärker zu spüren als in Niedersachsen insgesamt: In einer noch frühen Phase der Corona-Ausbreitung befragten die Industrie- und Handelskammern deutschlandweit erstmals Anfang März die Unternehmen nach einer ersten Einschätzung der Lage. Danach erwartete im Bereich der IHK Hannover bereits mehr als jedes zweite Unternehmen für das laufende Jahr weniger Umsatz, fast ein Viertel sogar in einer Größenordnung von mehr als 10 Prozent. Im Raum Hannover stand als Grund für die Umsatzeinbußen die Absage von Messen und Veranstaltungen ganz oben.

Umsatzrückgänge als Folge der Pandemie: Was Niedersächsische Unternehmen erwarten. Quelle: IHK-Umfrage, Stand Ende März

Wie ein Crashtest in Zeitlupe
Diese erste Umfrage hatte aber nur eine kurze Halbwertszeit: Das zeigte die erneute Umfrage Ende vergangenen Monats. Zu diesem Zeitpunkt waren auch schon Zahlen des Ifo-Instituts in der Welt, das Mitte März im schlechtesten Fall einen Wachstumseinbruch um gut 20 Prozent errechnet hatte. Galt vor etwa vier Wochen die schwankende, mittlerweile ganz abgesagte Hannover Messe noch als Zäsur, so war das aus heutiger Sicht mehr die erste Sturmböe vor einem Orkan. Denn was danach passierte, wirkt rückblickend wie die Zeitlupe eines Autoaufpralls bei einem Crashtest.
Mit den auch in Deutschland rasend steigenden Corona-Fallzahlen wurde der Schutz der Gesundheit alternativlos. In schneller Folge wurden Geschäfte erst teilweise, dann bis auf Ausnahmen wie insbesondere der Lebensmittelhandel per Allgemeinverfügung geschlossen. Herunterfahren von Wirtschaft und Gesellschaft wurde das genannt. Vielleicht trifft eher ein anderes Wort zu: zuklappen. Die einzelnen Schritte folgten oft so schnell aufeinander, dass kaum die Zeit blieb, Zweifelsfragen zu klären: Innerhalb kürzester Frist mussten auch viele der Geschäfte schließen, die zunächst noch nicht betroffen waren. Oder sich nicht betroffen glaubten: Viele Unternehmen suchten Beratung, ob und in welcher Form sie ihren Geschäftsbetrieb fortführen durften. Zum Teil wurde beispielsweise im Handel versucht, wenigstens ein Teil des Geschäfts aufrecht zu erhalten. Die Unternehmen reagierten – auch mit Spendenaktionen, zum Beispiel für Schutzausrüstung. Es wurden sogar spontan Schutzmasken oder Desinfektionsmittel produziert.

Von allen Seiten unter Druck
Gegen die Wand: Wurden zunächst noch konjunkturelle Einbrüche in wichtigen internationalen Märkten, allen voran China, als Problem gesehen, wuchsen die Probleme dann zusehends. Die Sorge um Lieferketten stieg, nach den Messe- und Veranstaltungsabsagen folgten Geschäftsschließungen, dann Produktionseinstellungen und Kurzarbeit. Für Ökonomen bedeutete das: Die Wirtschaft gerät sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite unter Druck. Produktionsausfälle durch fehlende Zulieferung, weil die Menschen bei der Arbeit nicht den nötigen Abstand halten können oder im schlimmsten Fall wegen Quarantänemaßnahmen. Gleichzeitig geschlossene Geschäfte, ein Verbot bestimmter personenbezogener Dienstleistungen, Zurückhaltung bei Aufträgen zum Beispiel an Handwerker oder ebenso bei langfristigen Konsumentscheidungen: Der Autoabsatz in China ist schon vor Wochen massiv eingebrochen.
Wie sehr zum Beispiel Handelsunternehmen zwischen Hammer und Amboss geraten, zeigte die Textilbranche: Die Frühjahrskollektion liegt in geschlossenen Geschäften. Wann, und das ist für die gesamte Wirtschaft die entscheidende Frage, angesichts der Infektionszahlen die massiven Einschränkungen wieder gelockert werden können, war Ende März noch völlig offen.
Je nach Branche können Unternehmen aber unterschiedlich betroffen sein. Ein Blick auf die großen niedersächsischen Konzerne macht das deutlich. VW hielt die Produktion an, verlängerte den ersten Stopp noch während dieser Pause. Gemessen an der Wertschöpfung folgen auf den Riesen aus Wolfsburg in Niedersachsen die drei hannoverschen Konzerne Continental, TUI und Talanx.
Das weltgrößte Touristik-Unternehmen TUI stoppte Mitte März alle Reisen, die noch im Februar veröffentlichte Prognose für das laufende Geschäftsjahr wurde zurückgezogen. Eine neue gibt es nicht. Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe liefen Verhandlungen über Staatsgarantien. Den Autozulieferer Continental treffen die vom Coronavirus ausgelösten Schockwellen in einer Phase, die auch ohne Pandemie herausfordernd genug wäre: neue Antriebe, autonomes Fahren, Nachhaltigkeit. Gerade erst hat der hannoversche Konzern die Zahlen für 2019 vorgelegt und weist einen Verlust von mehr als 1 Mrd. Euro aus. Die Auswirkungen der Pandemie seien noch nicht abschätzbar, hieß es bei der Bilanzpressekonferenz. Und nur wenige Tage später veröffentlichte die Talanx ihre Geschäftszahlen. Der Versicherungskonzern sandte allerdings eher ein Stabilitätssignal und sah sich vom Coronavirus nicht so weit betroffen, dass der Ausblick für 2020 im März nach unten korrigiert werden müsste.

Welche Auswirkungen hat das Corona-Virus auf Niedersächsische Unternehmen?
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Maßnahmen in Unternehmen
Viele Unternehmen haben mit zunehmender Ausbreitung des Virus selbst eine Reihe von Maßnahmen ergriffen. Neben der Beschaffung von Hygienematerial standen die Einschränkung bei Reisen oder die Absage von Veranstaltungs- oder Messeteilnahmen ganz oben auf der Liste. Auch diese Maßnahmen wurden von den Industrie- und Handelskammern in ihrer ersten Umfrage erfasst. Hoch im Kurs: Home Office. Tatsächlich wurde das in den vergangenen Wochen in vielen Bereichen zu einem Massenphänomen. Man kann im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nicht von positiven Aspekten sprechen. Aber Home Office oder auch Digitalisierung werden, so die vorherrschende Meinung, einen Schub bekommen.
Um die Risiken im Fall einer nachgewiesenen Corona-Infektion zu minimieren und die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, setzen Unternehmen außerdem auf Maßnahmen wie getrennte Teams und zeitversetztes Arbeiten, um gegebenenfalls einen Teil des Unternehmens handlungsfähig zu halten. Die Nord/LB zum Beispiel trennte ihre Teams in zwei Gruppen, die sich auch nicht begegnen sollten. Auf dem gleichen Weg war auch Sennheiser unterwegs. Und für Home-Office-Lösungen sei man technisch sehr gut aufgestellt, erklärt Unternehmenschef Dr. Andreas Sennheiser. Aber auch das Traditionsunternehmen in der Wedemark reihte sich dann die in Unternehmen ein, die Kurzarbeit anmeldeten: Dieses in der Krise nach 2008 erprobte Instrument wurde von der öffentlichen Hand vergleichsweise schnell wieder funktionsfähig gemacht.
Der Maßnahmenkatalog deckt sich ziemlich genau mit den Ergebnissen der IHK-Umfrage zu den organisatorischen Maßnahmen gegen das Virus. Ziel: das Ansteckungsrisiko für die Beschäftigten zu reduzieren und den Betrieb im Ernstfall so weit als möglich aufrechtzuerhalten. Ralph Blome, Geschäftsführer der Innovista Software GmbH aus Hannover hat zusammen mit seinem 14-köpfigen Team entschieden, nicht von vornherein auf die Arbeit im Home Office umzusteigen, bereitete sich aber mit einem Notfallplan vor.

Im Zentrum: Die Hilfe vom Staat
Um die Folgen der Virusausbreitung abzufedern, hofft aktuell mehr als die Hälfte der Unternehmen auf eine unbürokratische staatliche Unterstützung. Gerade für die besonders betroffenen Branchen fordert IHK -Hauptgeschäftsführer Horst Schrage schnell wirkende Maßnahmen, neben Kurzarbeitergeld einen problemlosen Zugang zu Liquiditätsmitteln oder die Stundung von Steuern oder Sozialabgaben.

Welche der bisherigen Unterstützungsmaßnahmen sind aus Sicht
Niedersächsischer Unternehmen von besonderer Relevanz?
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Hilfsprogramme angelaufen
Dass Hilfen des Staates erforderlich sind, war zu keinem Zeitpunkt umstritten. In der zweiten Märzhälfte wurden auf allen Ebenen Unterstützungspakete in historischer Dimension geschnürt. Zum Teil waren sie in der Entstehung noch schwer überschaubar, zur Monatswende wurden aber die Maßnahmen klarer. Sowohl Bund und Land als auch einzelne Kommunen unterstützen die Wirtschaft. In Hannover scheiterte allerdings im ersten Anlauf coronabedingt die Verabschiedung eines 10-Millionen-Hilfspakets. Dass der Internet-Server der NBank unter der Last der Anfragen zusammenbrach, nachdem am 26. März Online-Anträge möglich waren, zeigt nur, wie notwendig die Hilfe ist. Entsprechend wurde das Verfahren umgestellt. Und noch Ende März wurde klar, dass bei den Hilfspaketen auch noch nachgesteuert werden muss, damit sie alle durch Corona in Not geratenen Unternehmen auch erreicht.

Die IHK Hannover bietet auf ihrer Website zahlreiche aktuelle Informationen für Unternehmen in Sachen Coronavirus: www.hannover.ihk.de/corona.

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