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Fachkräfte-Projekt Adelante: Positive Bilanz

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Aus Spanien in den Süden Niedersachsens: Sara Garcia González de Aspuru arbeitet noch immer bei der Excor GmbH in Hann. Münden. Foto: ExcorGmbH
Nach acht Jahren kann die IHK Hannover eine positive Zwischenbilanz des Fachkräfteprojekts Adelante! ziehen. Von den spanischen Jugendlichen, die eine Ausbildung oder Anpassungsqualifizierung in Niedersachsen abgeschlossen haben, sind 86 Prozent als Fachkraft in ihrem Beruf tätig.

Seit 2013 sind über das IHK-Fachkräfteprojekt Adelante! (auf Deutsch: vorwärts, voran!) mehr als 300 junge Menschen aus Spanien nach Niedersachsen in den Bereich der IHK Hannover gekommen, um hier ins Berufsleben zu starten. War das Ziel anfänglich, spanischen Jugendlichen durch die Aufnahme einer Berufsausbildung in niedersächsischen Unternehmen berufliche Perspektiven zu bieten, steht seit 2017 die betriebliche Qualifizierung zur Fachkraft im Rahmen des Berufsanerkennungsgesetzes im Vordergrund des Projekts.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Von den 255 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die ihre Ausbildung oder Anpassungsqualifizierung abgeschlossen haben, arbeiten heute 86 Prozent als Fachkraft in ihrem Beruf. Davon sind 78 Prozent in Niedersachsen geblieben und 22 Prozent arbeiten oder studieren in Spanien oder einem anderen Land. Die zum Projektstart erwünschte „Win-Win-Situation“ für die jungen Spanier und die deutschen Unternehmen ist eingetreten. Das verdeutlichen auch die Lebensläufe der Spanierinnen und Spanier, die Adelante! nach Niedersachsen führte.

Angekommen in Hannover: Alberto

Alberto Martínez Martin kam 2013 mit der ersten Gruppe des Projekts
Adelante! aus Andalusien nach Hannover. Bei der Daume GmbH machte er eine Ausbildung als Anlagenmechaniker, wo er noch heute arbeitet.

Alberto Martínez Martin ist seit 2013 in Hannover. Er kam mit der ersten Adelante-Gruppe aus Andalusien nach Niedersachsen. Er hat bei der Daume GmbH in Hannover eine Ausbildung als Anlagenmechaniker mit dem Schwerpunkt Rohrsystemtechnik erfolgreich beendet. Durch die guten Leistungen von Alberto wurde ihm bereits lange Zeit vor Ausbildungsende ein Job in Aussicht gestellt. „Für uns ist das Projekt Adelante! durchweg erfolgreich gewesen. Am Anfang bestand zunächst Skepsis, ob alles so funktioniert wie geplant. Jedoch stellte sich schnell heraus, dass es die richtige Entscheidung war. Beide Bewerber, die über das Projekt zu uns gekommen sind, haben wir sehr gern übernommen“, sagt Florian Kleemann, Ausbilder bei der Daume GmbH. Im August sind es bereits fünf Jahre, die Alberto für das Unternehmen im Einsatz ist. Er ist dort inzwischen zum Bauleiter der Monteure aufgestiegen. Alberto ist angekommen in Hannover. „Meine zweite Heimat ist jetzt Spanien“, sagt er selbst. Schon kurz nach Abschluss seiner Ausbildung hat er mit seiner Freundin ein Haus in Hannover gekauft. Seit September 2019 ist er stolzer Vater eines Sohnes. Im Fußballverein ist er auch. „Ich habe in Deutschland die Stabilität und Sicherheit gefunden, die es mir ermöglicht hat, mir meinen Traum zu erfüllen: eine Familie zu gründen und für sie sorgen zu können. Diese Sicherheiten gab es damals in Andalusien, als ich 2013 nach Deutschland ging, nicht. Adelante! war für mich ein Glücksfall“, sagt Alberto heute.

Auch in Südniedersachsen haben im März 2013 die ersten jungen Leute aus Spanien ihre ersten Schritte in die deutschen Unternehmen gewagt. Der größte Teil kam aus dem Baskenland im Norden Spaniens. Darunter auch Sara Garcia González de Aspuru aus Vitoria, der Hauptstadt des Baskenlandes. Von März bis Juni 2013 absolvierte Sara zunächst ein Praktikum bei der Excor GmbH in Hann. Münden. Ab August 2013 folgte die Ausbildung bei der Muttergesellschaft, der Knüppel Verpackung GmbH & Co. KG, als Kauffrau im Groß- und Außenhandel, die Sara im Juli 2015 mit Erfolg abschloss. Sara wurde nach der Ausbildung gleich in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen, wechselte in der Zwischenzeit auch wieder zurück zur Excor GmbH, wo sie auch ihre muttersprachlichen Kenntnisse zum Vorteil des Unternehmens mit einbringen kann. „Für uns ist Sara ein wirklicher Glücksgriff“, meint Monika Winkelbach, die bei Knüppel in der Personalabteilung arbeitet. „Sie ist eine sehr akribisch arbeitende junge Frau, aufgeschlossen und intelligent.“ Inzwischen hat das Unternehmen drei spanische Mitarbeiter auf diesem Wege integrieren könne.

Sara landet in Südniedersachsen
Der Anfang allerdings war hart. Die Vollzeitausbildung, die Schule, dreimal in der Woche zusätzlicher Deutschunterricht und der Ehrgeiz, auch noch den Führerschein zu machen, verlangten ihr viel ab. In dieser Zeit blieben kurze Momente, in denen sie sich in die Heimat zurückwünschte, natürlich nicht aus. Alles neu, fremd und schwer zu bewältigen. Das Unternehmen mit Sitz in Hann. Münden – Sara wollte aber in Göttingen wohnen, mit den anderen Projektteilnehmern in der Nähe. Pendeln mit dem Zug mit hohem Zeitaufwand kam also hinzu, bis der Führerschein endlich geschafft war. Der Unterricht in der Berufsschule in Hann. Münden war eine besondere Herausforderung, da das Lerntempo nicht gedrosselt wurde und die mündliche Beteiligung durch die Sprachschwierigkeiten anfangs nicht möglich war. Gemeinsam mit dem Träger (VHS Göttingen), der sich den Teilnehmern vom ersten Tag annahm und mit Rat und Tat auch Sara zur Seite stand, konnte sie diese anfänglichen Hürden überwinden. Heute ist sie 29 Jahre alt und fühlt sich in Südniedersachsen wohl. Sie hat Freunde gefunden, geht ins Fitnessstudio, ist zufrieden mit ihrer Arbeit und hat sich eine gemütliche Wohnung eingerichtet. Sie ist hier zu Hause. Sie hegt zur Zeit keine Pläne, die Region wieder zu verlassen, woran sicher ihr deutscher Lebensgefährte nicht ganz unschuldig ist.
Seit zwei Jahren funktioniert das Projekt Adelante etwas anders: Die Spanierinnen und Spanier kommen nun bereits mit einer guten Ausbildung, viele auch mit bereits ersten Berufserfahrungen und erweiterten Deutschkenntnissen (Sprachniveau B1). Ihre Ausbildungen werden anerkannt. Und in den Unternehmen absolvieren sie Anpassungsqualifizierungen, eine meist einjährige Praxisphase. Mit diesem Modell hat das Gehrdener Unternehmen PromStahl gute Erfahrungen gemacht: „Unser Adelante!-Teilnehmer (jetzt Mitarbeiter) Abdel und die durch ihn ein Jahr später vermittelte Kollegin Melissa, die zuvor in einem weiteren am Projekt teilnehmenden Unternehmen ihre Qualifizierung absolviert hat, sind für unsere Export-Abteilung und das gesamte Unternehmen wie ein ,Sechser im Lotto‘“, sagt Martina Witzel, Export-Managerin der Firma.

Das Gehrdener Unternehmen PromStahl ist froh, über Adelante! Melissa und Abdel als neue gut qualifizierte Fachkräfte gewonnen zu haben. Foto: Torsten Temmeyer
Das Gehrdener Unternehmen PromStahl ist froh, über Adelante! Melissa und Abdel als neue gut qualifizierte Fachkräfte gewonnen zu haben. Foto: Torsten Temmeyer

PromStahl hat durch das Projekt qualifizierte Mitarbeiter gewonnen und sich damit auch als Firma auf eine Reise begeben: Die Beschäftigten haben ihre Offenheit und Flexibilität bewiesen, indem sie auf die neuen Kollegen zugegangen sind, sie mit offenen Armen aufgenommen haben und ihnen in der täglichen Arbeit mit Rat und Tat zur Seite standen. Das ist jedoch keine Einbahnstraße: „Wir lernen alle voneinander“, betont Martina Witzel. Das Projekt sei aus ihrer Sicht für das Unternehmen und die jungen Fachkräfte aus Spanien eine echte Win-Win-Situation.

Dem HDI treu geblieben – in Madrid
Aber auch in die andere Richtung ist es für einige Teilnehmer des Projekts gegangen. Nämlich zurück in Ihre Heimat. Einer von ihnen ist Pedro Pancorbo Parras. Er tauschte mit Adelante! eine unsichere berufliche Zukunft in seiner Heimat Andalusien gegen die Ausbildung zum Kaufmann für Versicherungen und Finanzen bei der HDI Global SE in Hannover. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung 2018 erhielt er vom HDI das Angebot rin seiner Heimat, in Madrid für seinen deutschen Arbeitgeber als Underwriter im Bereich Property bei der HDI Global SE zu arbeiten. „Unsere Bilanz zum Programm Adelante ist sehr positiv. Wir freuen uns, Jahr für Jahr neue ‚Adelantis‘ aufnehmen zu können und ihnen somit die Chance auf eine berufliche Perspektive hier in Deutschland oder auch im Anschluss in ihrer Heimat geben zu können – wie es bei Pedro Pancorbo Parras erfolgreich gelungen ist“, erklärt Leonie Heverhagen aus dem Bereich Learning & Development bei der HDI-Gruppe. Inzwischen ist Pedro 28 Jahre alt, verheiratet und stolzer Vater eines Sohnes. Auf die Frage, ob es im Nachhinein für ihn die richtige Entscheidung gewesen war nach Deutschland zu gehen, antwortete Pedro: „Ohne Zweifel. Es war die beste Entscheidung in meinem Leben. Ich habe in Deutschland drei meiner besten Jahre gelebt. Ich kann mir gut vorstellen, eines Tages nach Deutschland zurück zu kehren, um dort zu leben und zu arbeiten.“

Pedro Pancorbo Parras und seine Kolleginnen und Kollegen in Madrid: Foto. HDI Global SE.
Pedro Pancorbo Parras und seine Kolleginnen und Kollegen in Madrid: Foto: HDI Global SE.

Die Zufriedenheit aller Beteiligten ist auch ein Verdienst der beteiligten Träger wie der Caritas in Hannover oder der Beschäftigungsförderung in Göttingen. Sie stehen den Spaniern und den Unternehmen bei allen aufkommenden Fragen und kulturellen Herausforderungen zur Seite – bei der Unterkunftssuche genauso wie bei Arztbesuchen oder ähnlichem.

Fachkenntnisse werden in Deutschland anerkannt
Die Erfahrungen der ersten beiden Durchgänge mit der Durchführung von Anpassungsqualifikationen (AQ, 12-monatige Praktika) haben gezeigt, dass es richtig war, die bereits absolvierten Ausbildungen, die die jungen Leute aus Spanien bereits mitbringen, anzuerkennen. Somit stehen seit 2017 im Rahmen von Adelante! nur noch die betrieblichen Qualifizierungen im Vordergrund. Im Fokus steht die zeitnahe Versorgung der Unternehmen mit jungen Fachkräften, die über eine AQ, die betriebliche Praxis vermittelt bekommen und darüber, nach durchschnittlich 12-monatiger Praxisphase, den Unternehmen als Fachkraft zur Verfügung stehen. Die Beispiele von Abdellatif Lahrichi Belahnech und Melissa Mateo haben gezeigt, dass dieser Weg möglich und richtig ist.

Für alle Spanier gilt: Sie kommen mit einer guten Ausbildung, viele auch bereits mit ersten Berufserfahrungen und erweiterten Deutschkenntnissen (Sprachniveau B1). Für eine weitere Adelante! Runde in Niedersachsen 2021 wurden bereits von Unternehmen Wünsche nach Vermittlung von weiteren jungen Fachkräften aus Spanien geäußert und die entsprechenden Angebote an die IHK übermittelt. Ab sofort können sich interessierte Unternehmen aus der Region Hannover, dem Landkreis Hildesheim, dem Landkreis Diepholz oder dem Süden Niedersachsens melden, die 2021 offene Stellen besetzen möchten.

Ansprechpartner bei der IHK Hannover ist:
Torsten Temmeyer,
Tel.: 0511/3107 507
temmeyer@hannover.ihk.de

Informationen zum Projekt Adelante! auf der IHK-Website 

Anpassungsqualifizierung  – was heißt das?

Die Anpassungsqualifizierung (AQ) dient als Maßnahme zur Integration in den Arbeitsmarkt und zur Erlangung der vollen Gleichwertigkeit der ausländischen Berufsabschlüsse nach der Vorgabe des BQFG (Gesetz über die Feststellung der Gleichwertigkeit von Berufsqualifikationen). Bei einer AQ legt die Anerkennungsstelle der IHK Hannover die Lerninhalte und Laufzeiten der betrieblichen Praxisphase auf Grundlage der eingereichten Unterlagen (Berufsabschlüsse und Nachweise über Berufserfahrungen) des Kandidaten fest, die für eine volle Gleichwertigkeit des Berufsabschlusses notwendig sind. Die Inhalte einer AQ resultieren aus der jeweiligen Ausbildungsverordnung. Für diese Art Praktika gilt die Ausnahme vom Mindestlohn.

Die Finanzierung des Projekts

Finanziert werden einzelne Teile des Programm durch Mittel eines Förderprogramms der katalonischen Landesregierung, der Handelskammer Barcelona, der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit sowie aus Töpfen der regionalen Fachkräftebündnisse in Niedersachsen. Ein Anerkennungszuschuss für die Kosten des Anerkennungsverfahrens gibt es vom Bund. Die Unternehmen, in denen die Jugendlichen qualifiziert und arbeiten werden, zahlen eine monatliche Vergütung von mindestens 1150 Euro brutto. So kann der Lebensunterhalt der Teilnehmer gesichert werden. Hinzu kommt eine Projektbeteiligung in Höhe von 100 Euro pro Monat als Eigenanteil der Unternehmen.