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Techtide (3): Der menschliche Faktor

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TECHTIDE - Konferenz zur Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft

Letzten Endes dreht sich die Digitalisierung um den Menschen. Die Frage ist nur, ob der sich schnell genug mitdrehen kann. Das war in verschiedener Hinsicht ein Thema der Techtide.

Kapitel 3: Mensch

Und plötzlich steht auch in der Techtide-Diskussionsrunde um die Zukunft der Industrie der Mensch im Mittelpunkt. Bei der Digitalisierung, meint der Hamburger Unternehmensberater Thorsten Ramus, werde zu viel über Technik gesprochen, zu wenig über die Menschen. Alles beschleunigt sich: Deshalb werde es „ein Riesenthema, Menschen produktiv zu halten.“ Ein Denken, das sich um einen Begriff wie „Bundesweiterbildungsgesetz“ oder das in einem lapidaren „Mach mal ‘ne Schulung“ endet, hält er für obsolet. Die Digitalisierung erfordere, viel mehr in die Menschen zu investieren.

Wenn man welche findet: Lenze-Vorstand Frank Maier, Techniker von Hause aus, hatte bereits in der Techtide-Eröffnungsrunde Zahlen in den Raum gestellt: „Let’s face the facts.“ Über 120.000 unbesetzte IT-Stellen, mehr als doppelt so viele wie noch vor zwei Jahren: „Gehen Sie um Gottes Willen nicht davon aus, dass Sie Ihren IT-Fachkräftebedarf gedeckt kriegen. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Kernkompetenz, und suchen Sie sich für den Rest Partner.“ Maier sieht die Notwendigkeit, künftig völlig anders zusammenzuarbeiten – Lösungen teilen, wo es möglich ist. Deshalb beteiligt sich Lenze zum Beispiel bei It’s OWL. Die hat ihr Pendant im Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum in Hannover, das auch unter dem Name „Mit uns digital“ bekannt ist. Überflüssig zu sagen, dass das Kompetenzzentrum zu den Techtide-Ausstellern gehörte. Auch die Digitalagentur Niedersachsen sprach Lenze-Vorstand Maier an. Überhaupt: Netzwerk, das ist „der ewige Schlüssel.“

Ira Diethelm, die sich als Professorin in Oldenburg mit der Vermittlung von Informatik beschäftigt, brachte den Begriff der digitalen Souveränität ins Spiel als Gegenteil von Fremdbestimmung. Das gelte umfassend, für ein ganzes Land genauso wie für jeden Einzelnen.

Digitale Souveränität: Da schwingt schon das Wort Datenschutz mit. Und das war ein zentrales Thema in der Expertenrunde, die sich mit dieser These befasste: „Auch der Westen wird nicht an einem Social Credit System vorbeikommen.“ Einigermaßen überraschend ging es aber zunächst nicht um gesellschaftspolitische oder ökonomische Fragen, sondern um – Versicherungen. Die IT-Sicherheitsexperten Peter Leppelt und Wulf Bolte begannen ihre Überlegungen bei verhaltensbasierten Policen: Die machen den Preis einer Versicherung vom digital erfassten Verhalten abhängig. Das hat Konsequenzen, manche sagen: Gefahren. Denn im Kern lässt man sein Handeln überwachen und wird dafür belohnt, mit niedrigeren Beiträgen. Das aber freiwillig, was einen wesentlichen Unterschied zu einem staatlich verordneten Social Scoring ausmacht. Und hier kommt die digitale Souveränität ins Spiel: Man muss wissen, was man preisgibt, so die Expertenrunde bei der Techtide. Aber, wie schon in der Eröffnungsrunde der Techtide betont wurde, fehlt es an digitaler Kompetenz. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass über dezentrales Datensammeln ein dem Social Scoring vergleichbares System entsteht.

Natürlich tauchte auch die DSGVO in der Diskussion auf, kurz gesagt mit einem doppelten Ergebnis: Das Ziel, persönliche Daten zu schützen, wurde angesichts der Forderung nach digitaler Souveränität bekräftigt – und gleichzeitig wurden die vielen Unzulänglichkeiten aufgezählt. Der Rechtsanwalt Dr. Paul Klimpel beispielsweise sieht die großen Tech-Unternehmen durch die DSGVO eher bestärkt und die Ehrenamtlichen in den ebenfalls erfassten Vereinen unter Druck: „Ein Problem für die Zivilgesellschaft.“ Viele, insbesondere kleinere Unternehmen werden diesen Druck nachvollziehen können. Georg Nold vom Heise-Verlag sprach vom European Way of Life, den es zu erhalten gelte. Und Peter Leppelt wies auf den Rückstand hin, den aus seiner Sicht die Juristen aufholen müssen: Sie sind nicht auf dem Stand der digitalen Technik, oder anders gesagt: Code is law, die Software ist das Gesetz. Meint Leppelt und sieht eine Verschiebung von der Jurisdiktion in den Algorithmus. Das Mittel dagegen lässt sich in zwei Worten zusammenfassen: digitale Souveränität.