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Reportage durch die Region: Der Süden

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Reportage durch die Region, Teil 2. Mit dem Zug bis zum südlichsten Punkt, nach Göttingen und Einbeck und zurück nach Hannover.

Eine Woche nach der Fahrt in den Norden und Westen der Region, ist der Süden das Ziel. Abfahrt des ICE ist um 8.04 Uhr in Hannover. Aus dem Zug hat man eine ungetrübte Sicht auf die Marienburg. Wegen der Sanierung der Schnellfahrstrecke zwischen Hannover und Göttingen kommen zur Zeit alle Bahnreisenden an dem Schloss am Rand der Region Hannover vorbei, das der hannoversche König Georg V. als Geschenk an seine Frau Marie 1857 errichten ließ. Die Fahrt über die alte Strecke in die Universitätsstadt Göttingen dauert aber aktuell doppelt so lange wie sonst.

Die Fahrt mit dem ICE 583 startet um 8.04 in Hannover. Foto: Georg Thomas

Ein älterer Herr in Karohemd mit Metallgestellbrille hält mit seiner Digitalkamera das Schloss fest, während seine Frau eines der geschnittenen Apfelstücke aus einer blauen Tupperdose greift: Die verlängerte Fahrzeit scheint die beiden nicht zu stören. Der Zug rollt derweil unter seiner angestammten Strecke hindurch, auf der ein gelber Bauzug und Waggons mit Bahnschwellen stehen. Bis Ende des Jahres soll die 175 Millionen teure Sanierung des Abschnitts bis Göttingen abgeschlossen sein.

Wegen der Sanierung der Bahnstrecke fährt der Zug noch dichter als sonst an der Marienburg vorbei. Foto: Georg Thomas

Die Monitore im ICE verraten die aktuelle Geschwindigkeit: 153 Kilometer pro Stunde, statt der sonst üblichen 250. Wohnhäuser, Sportplätze und Kirchen ziehen Dahin. Und dann gleitet der Zug direkt am Werk von Fagus GreCon in Alfeld vorbei. Aber das Bauhaus-Fabrikgebäude verpasst der ältere Herr zu fotografieren. Kreiensen und der weit sichtbare Schriftzug Salzderhelden am Heldenberg bleiben zurück. Über dem Werk von Contitech in Northeim steigt weißer Dampf auf.

Den Göttinger Hauptbahnhof erreicht der ICE um kurz nach neun Uhr. Die wenigen, die aussteigen, drängen sich durch die vielen, die einsteigen wollen, und lassen dann ihre Rollkoffer über den Bahnsteig rattern.

732 Seelen wohnen in Speele
Weiter zum südlichsten Punkt der IHK-Region. Auf Gleis 5 wartet bereits ein blau-orangefarbener Zug einer Privatbahn auf die Abfahrt Richtung Kassel. Er rollt an Kleingärten vorbei aus der Stadt und ist schnell wieder im Grünen. Ein gepflegter Mittsechziger im Karohemd kramt sein Handy aus der Hosentasche. „Ja, Meyer hier. Ich soll bei ihnen ein Auto abholen. Können Sie mich vom Bahnhof abholen? Ich bin in einer Viertelstunde in Witzenhausen.“

Willkommen in Speele – südlichster Ort der IHK-Region. Foto: Georg Thomas

Nach Friedland, Eichenberg, Gertenbach, Hedemünden und Hann. Münden erreicht die RB 8 um 10 Uhr Speele. Es ist der südlichste Ort der IHK-Region, nur 15 Kilometer Luftlinie entfernt von Kassel. Bis auf das Wartehäuschen und einen Schaukasten, bei dem jemand die Glasscheibe eingeworfen hat, ist der kurze Bahnsteig leer. Durch einen dunklen Durchgang, der mit Sprühereien in Leuchtfarben versehen wurde, geht man in das Dorf hinab. An der Friedenskirche stutzen zwei Männer gerade einige Büsche. Etwas unterhalb fließt die Fulda, in deren Mitte die Landesgrenze zu Hessen verläuft.

Die Friedenskirche im Staufenberger Ortsteil Speele. Foto: Georg Thomas

732 Einwohner wohnen in dem Staufenberger Ortsteil Speele, der seit dem Jahr 1994 auch über einen eigenen Golfplatz etwas oberhalb des Ortes verfügt. Vor bald neun Jahren kaufte der Kasseler Unternehmer Hubert Landefeld, der aus dem Nachbarort Nienhagen kommt, den Golfplatz Gut Wissmannshof, mit dem Ziel die Anlage nicht nur für Golfer weiterzuentwickeln. Auch gerade wird dort wieder gearbeitet.

Blick auf das Sport- und Golf-Resort Gut Wissmannhof: Es wird gearbeitet. Foto: Georg Thomas

Um 10.59 Uhr geht es mit dem Zug zurück Richtung Göttingen, zu Fuß auf der Goethe-Allee in die Innenstadt. Junge Menschen in kurzen Hosen, Röcken, mit Kopfhörer und Rucksäcken dominieren die Szenerie in der 120 000-Einwohner-Stadt. Hinter Gebhards Hotel und der Goethe-Apotheke kommt eine Frau im Hosenanzug mit einer Gruppe Asiaten entgegen. Vor einer Kneipe bleibt sie stehen: „There you can have many different beers“, stellt sie die Monster Bar vor, die für ihre große Bierauswahl in der Stadt bekannt ist. Die Stadt bemüht sich seit Jahren, aber keinesfalls nur gastronomisch darum, die vielen internationalen Gäste willkommen zu heißen.

Straße mit Fußgängern: Der Anfang der Göttinger Goethe-Allee. Foto: Georg Thomas

Unter den rund 31 000 Studierende der Georg-August-Universität Göttingen sind mehr als 4100 internationale Studierende. Aufgrund ihrer langen Tradition als älteste noch existierende Universität Niedersachsens, der Exzellenzförderung bis 2012 und ihrer guten Platzierungen in Rankings genießt die Göttinger Uni auch im Ausland einen ausgezeichneten Ruf.

Auch viele Bücher für junge Leser gehören zum Sortiment des Antiquariats ExLibris.

Im Antiquariat ExLibris beklagt sich eine Kundin gerade über die junge Generation, die „den Wert von Büchern überhaupt nicht mehr zu schätzen weiß“. Ihr Gesprächspartner windet sich etwas um eine klare Zustimmung: „Es war zumindest noch nie so günstig, sich eine gute Bibliothek einzurichten“. An einem Straßenkünstler, der aus Sand und Wasser einen Hund nachformt, geht es mitten durch die Innenstadt, vorbei an einem Taco-Restaurant und Göttingens erster Craft-Beer-Brauerei über die Obere Karspüle Richtung Albanikirche.

Auf den Hund gekommen: In Göttingens Innenstadt ist auch Platz für diesen Straßenkünstler. Foto: Georg Thomas

Berufsschule vergibt Arnoldipreis
Etwas außerhalb der Innenstadt liegt die Arnoldischule, eine Berufsschule für das Berufsfeld Wirtschaft, Verwaltung und Gesundheit, zu der aber auch ein berufliches Gymnasium und weitere Vollzeitschulformen gehören, die sich vor allem an Haupt- und Realschüler richten. Etwa 2100 Schülerinnen und Schüler, davon rund 1500 an der Berufschule, werden hier unterrichtet. Die Schule wurde nach Ernst Wilhelm Arnoldi, dem Gründer der Gothaer Versicherung benannt, der sich zudem sehr für die Entwicklung des Berufschulwesens in Deutschland eingesetzt hat. Seit 1977 vergibt die Schule den von der Gothaer Versicherung gestifteten Arnoldipreis an Schülerinnen und Schüler, die sich in besonderer Weise durch Leistung, aber auch durch soziales Engagement hervorgetan haben.

Etwa 2100 Schülerinnen und Schüler besuchen die Göttinger Arnoldischule. Foto: Georg Thomas

Bis zum Jahr 2004 hatte die Gothaer Lebensversicherung sogar ihren Sitz in der Universitätsstadt. Auch heute noch ist Göttingen Versicherungsstandort, wenn auch deutlich kleiner als Hannover, das im bundesweiten Ranking immerhin an Platz drei liegt.

Auf der Fahrt durch die Region fehlt jetzt nur noch der östlichste Punkt Bad Sachsa. Die alle zwei Stunden fahrende durchgängige Regionalbahn in den Kurort im Südharz ist aber gerade weg. Die 58 Minuten dorthin wären noch machbar. Aber für die Rückfahrt nach Hannover müsste man dort dann zwei Stunden und zwanzig Minuten einplanen. Da die Fahrt nach Holzminden und Hameln auch mindestens anderthalb Stunden dauern würde, geht es um 14.09 Uhr mit dem Metronom weiter nach Einbeck. Zunächst muss man aber in Salzderhelden umsteigen. Morgens und nachmittags gibt es eigentlich durchgehende Züge. Sie sind aber wegen der Bauarbeiten auf der ICE-Strecke ausgesetzt.

Bei Temperaturen um die 30 Grad wird die Schlange vor dem „Eisfieber“ in Göttingen immer länger. Foto: Georg Thomas

Der Zug nach Einbeck soll in Salzderhelden auf Gleis 4 stehen. Allerdings gibt es auf den blauen Wegweisern keine „4“. So läuft man einfach der Masse hinterher und ist froh, auf einem Gleis einen einzelnen roten Triebwagen zu sehen. Es ist die RB 86 nach Einbeck-Mitte. „Die paar Minuten kannst du jetzt auch noch stehen“, sagt eine Frau zu einem Kind, das neben ihr vergeblich nach einem Sitzplatz Ausschau hält. Die Sitzplätze sind belegt, wenige Fahrgäste stehen.

Seit Dezember 2018 halten wieder Züge in Einbeck. Foto: Georg Thomas

Ganz langsam fährt der dieselbetriebene Zug auf der für 9 Mio. Euro sanierte Strecke, die im Dezember 2018 reaktiviert wurde. Der 4,4 Kilometer lange Abschnitt, der seit 1984 nicht mehr von Personenzügen genutzt wurde, besteht im Prinzip nur aus einer langen Kurve und einer Brücke. Dann geraten schon einige kleine weiße Gewächshäuser und die Hallen von KWS Saat in Einbeck in den Blick. KWS gehört zu den weltweit führenden Pflanzenzüchtern und Saatgutherstellern. Von den mehr als 5150 Beschäftigten weltweit arbeiten rund 1400 am Stammsitz in der Fachwerkstadt. Für die Mitarbeiter von KWS aus Göttingen bringt der Zug einen großen Vorteil. Am frühen Nachmittag sind es vor allem junge Menschen, die den Zug nutzen, aber auch ein älteres Ehepaar mit Jutebeuteln über dem Arm macht sich vom Bahnhof auf den Weg Richtung Stadtmitte. Auf den schattigen Plätzen der Cafés auf dem Marktplatz genießen die Menschen an diesem Nachmittag die Atmosphäre zwischen den Fachwerkhäusern und der Marktkirche St. Jakobi. Vor einer Baulücke hängt ein pinkfarbenes Banner, das auf die Einbecker Street Art Meile Ende August hinweist.

Fachwerkhäuser rund um die Einbecker Maktkirche st. Jakobi. Foto: Georg Thomas

Mit rund 32000 Einwohnern ist Einbeck die größte Stadt im Landkreis Northeim, der wie viele andere Regionen in Niedersachsen Einwohner verliert. So soll Einbeck laut einer Prognose der Bertelsmann-Stiftung bis 2030 um 13,8 Prozent schrumpfen.

Umsteigen für Sechs-Minuten-Fahrt
Sechs Minuten dauert die Fahrt bis Salzderhelden. Genug Zeit für die Fahrkartenkontrolle. Kaum hat man sein Ticket gezeigt, erklärt die Ansage von DB Regio. „Dieser Zug endet hier.“ Im Metronom Richtung Uelzen geht es zurück Richtung Hannover. Es ist die gleiche Strecke wie am Morgen im ICE. Kurz vor der geplanten Ankunft um 16.27 Uhr bleibt der Doppelstockzug kurz vor dem Ziel stehen. Die Weiterfahrt verzögert sich „aufgrund belegter Gleise“. Es sind nur drei Minuten, bis der Zug dann doch an einem gut gefüllten Bahnsteig hält. Zurück zur IHK. Über die Königstraße, die noch immer durch eine Brückenbaustelle von der City abgetrennt ist. Auf dem Cityring vor der IHK läuft der Verkehr ungewöhnlich ruhig. Üblicherweise staut es sich hier – so wie auch an vielen anderen Orten in der IHK-Region in den Stoßzeiten.

Weiterlesen? Der erste Teil der Reportage durch die IHK-Region: Der Norden und Westen

Die Ankunft am hannoverschen Hauptbahnhof verzögerte sich, weil alle Gleise belegt waren. Foto: Georg Thomas