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IHK-Präsident hält Bürgerpredigt in der Marktkirche in Hannover

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Dr. Christian Hinsch. Präsident der IHK Hannover, hat am 28. Juli in der Marktkirche die Bürgerpredigt gehalten.
Dr. Christian Hinsch. Präsident der IHK Hannover, hat am 28. Juli in der Marktkirche die Bürgerpredigt gehalten. Foto: IHK

IHK-Präsident Dr. Christian Hinsch in der Marktkirche in Hannover: Zweimal im Jahr sprechen dort Menschen, die in herausgehobenen Positionen tätig sind – einer der ersten war Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder. Als langjähriger Manager des Industrieversicherers HDI Global setzte sich Christian Hinsch mit dem Verhältnis pragmatischen Tuns und kontemplativer Ruhe auseinander. Handeln oder zuhören? Man braucht beides, sagte Hinsch, und berichtete in diesem Zusammenhang auch von Erfahrungen aus der Zeit, als der HDI die Gerling-Gruppe übernahm. Wir dokumentieren hier die Bürgerpredigt vom 28. Juli 2019.

Ich freue mich, dass ich heute hier die Bürgerrede halten darf und empfinde das als große Ehre.

1.

„Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.“
Das ist die heutige Tageslosung.

Dieser Satz strahlt auf mich eine große Ruhe, eine Gelassenheit, und auch eine bestimmte Zuversicht aus.

Das liegt, glaube ich, auch daran, dass die Situation so wohltuend einfach ist.
Einer redet: Jesus.
Eine hört zu: Maria.
Mehr nicht. Ganz einfach.

Aber steht diese Situation nicht in krassem Gegensatz zu der Welt, die wir heute erleben? Auf einer Vielzahl von Kanälen strömt täglich neu eine bunte Flut von Informationen, Stimmen und Meinungen auf uns ein. Im Wettbewerb um unsere Ohren und Augen werden die Botschaften dabei immer lauter und schriller. Ist die christliche Botschaft in diesem Geschrei überhaupt noch zu hören?

Kann man die Tageslosung daher so verstehen, dass wir nur zum Ursprung zurückkehren müssen, damit sich die christliche Botschaft durchsetzt? Das hieße: Die Kirche konzentriert und beschränkt sich in der Nachfolge Jesu allein auf das Wort, auf die reine Predigt.
Und wir Christen und Gemeindemitglieder müssen nur gut zuhören.
Dann wird schon alles gut?

Nein, so einfach ist die Sache natürlich nicht.
Die Kirche muss bei der Art und Form, wie sie ihre Botschaft übermittelt, mit der
Zeit gehen, auch wenn das nicht jedem gefällt.
Jesus würde das auch so machen.

Ebenso wäre es zu kurz gedacht, aus der Tageslosung abzuleiten, dass wir Christen nur gut genug zuhören oder die Bibel nur gut genug studieren müssen, dann wird sich schon alles zum Guten wenden.

So ist der Satz
„Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.“
auch nicht gemeint.

Das zeigt der Kontext, den wir im heutigen Evangelium gehört haben.

Dort wird berichtet, wie Jesus auf seinem Weg nach Jerusalem im Haus
von Marta einkehrt. Über Marta heißt es dann im Evangelium:
„Marta machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen.“
während ihre Schwester Maria, die auch in dem Haus wohnte,
„sich dem Herrn zu Füßen setzte und seiner Rede zuhörte.“

Als Marta dann Jesus fragt, warum er nicht zu Maria sagt, dass sie ihr beim Dienen helfen solle, antwortet Jesus:
„Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.“

Marta war also die pragmatische Macherin, während Maria die kontemplative Zuhörerin war. Beide gehörten bereits zu dieser Zeit zu seinen Anhängern und haben später nach Jesus Tod als seine Jüngerinnen die christliche Botschaft weiterverbreitet.

Ich glaube, wir alle können uns die beiden unterschiedlichen Charaktere gut
vorstellen. Und mancher fragt sich vielleicht:
Wer von den beiden bin ich?
Wer handelt besser, wessen Beitrag ist wertvoller oder wichtiger?

Jesus Antwort auf diese naheliegende Frage lautet:
„Maria hat das gute Teil erwählt. Das soll ihr nicht genommen werden.“
Er sagt also: Lass sie gewähren. Es ist ihre Entscheidung, nur zuhören zu wollen. Auf das Wort zu hören ist wichtig.
Ebenso sagt er aber auch zu Marta – und das klingt, finde ich, sehr
wertschätzend:
„Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.“

Ich verstehe Jesus im Ergebnis so, dass er sagt:
Beides ist wichtig, Hören UND (danach) Handeln.
Es ist gut so, dass jede von beiden das macht, was sie gut kann, und damit beide ihren Beitrag für die gemeinsame Sache leisten.

So finden sich auch beide Tätigkeiten wieder in der Ordensregel der
Benediktiner: ora et labora.
Die Schlussfolgerung zu der Tageslosung lautet also: Beides ist wichtig: Zuhören und danach Handeln.
Ob wir unseren Beitrag mehr als praktisch veranlagte Marta oder mehr als zuhörende und mitdenkende Maria leisten, ist egal. Wichtig ist, dass wir uns, jeder nach seinen Fähigkeiten, gemeinsam für den guten Zweck engagieren. Denn gemeinsam sind wir stärker als jeder einzelne. Das gilt im beruflichen Umfeld genauso wie im privaten, und besonders im Ehrenamt.

2.

Liebe Gemeinde,

genau das tun ganz viele von Ihnen, Sie engagieren sich gemeinsam mit anderen ehrenamtlich für einen guten Zweck
⁃ in der Kirche
⁃ im Sportverein
⁃ in der Schule
⁃ in wohltätigen Organisationen
⁃ im Chor
⁃ in den Stadt- und Gemeinderäten
⁃ oder in einer Partei, Gewerkschaft oder im Verband.

Und ich engagiere mich ehrenamtlich in der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover als deren Präsident. Zusammen mit 200 Hauptamtlichen und 7000 anderen Ehrenamtlichen setzen wir uns für eine gute Berufsausbildung ein, die EIN Unternehmen allein so nicht organisieren könnte.

Im Ehrenamt sind wir Deutschen, wir Niedersachsen, wir Hannoveraner Spitze.

Allerdings gibt es nach meinem Eindruck in unserer Gesellschaft inzwischen zu viele, die nur genau wissen, wie es nicht geht. Zu viele, die an der Seitenlinie stehen, und lautstark kritisieren, was andere falsch machen. Zu viele, die nur immer neue Missstände finden wollen.
Und zu wenige, die die Dinge selbst anpacken, die etwas aufbauen und gestalten wollen, und dabei auch bereit sind, selbst ins Risiko zu gehen. Viele möchten mitreden, gefragt werden, wenige sind bereit aktiv voranzugehen. Das erlebe ich in meinem Ehrenamt, das konnten wir im Herbst 2017 bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin erleben, das erleben Sie vielleicht in Ihren Vereinen, Verbänden, in der Schule.
Und wir alle erleben es täglich in den Medien.

Von Hass, Häme und Hetze, die im Schutz der Anonymität des Netzes täglich kübelweise verbreitet werden, ganz zu schweigen.
Mehr Toleranz, gerade gegenüber denjenigen, die sich tatkräftig mit hohem persönlichen Einsatz für eine Sache engagieren, insbesondere im Ehrenamt, würde ich mir wünschen.

Und tatsächlich mehr Zuhören. Anstatt kommentieren, genüsslich kritisieren und besserwissen.
Leider sind wir auch darin Spitze in Deutschland.
So verstehe ich auch Jesus Antwort an Marta. Er sagt:
Respektiere doch den Beitrag von Maria zur gemeinsamen Sache.
Respektieren und akzeptieren also auch wir, liebe Gemeinde, dass andere ihren Beitrag zur Gemeinschaft anders leisten als wir.
Und hören wir Ihnen vor allem vorher erst einmal richtig zu.
In vielen Talkshows geschieht genau das nicht. Zu viel Show, zu wenig Talk, könnte man sagen. Aber zum Glück gibt es ja auch den Aus-Knopf.

3.

Mancher von Ihnen denkt jetzt vielleicht: Kann dieser Laienprediger aus der Wirtschaft das überhaupt beurteilen? Er redet von Respekt und Toleranz und auch von seinem Ehrenamt. Aber wie sieht es denn in der Wirtschaft wirklich aus? Geht es dort nicht immer nur um das eine? Ums Geld? Spielen christliche Werte, Zuhören, Respekt und Toleranz dort überhaupt eine Rolle?

Ja, es gibt Raubtier-Kapitalismus, es gibt übertriebene Gier und Rücksichtslosigkeit in der Wirtschaft. Insbesondere dort, wo Entscheidungen sehr anonym, intransparent und weit entfernt von den betroffenen Menschen fallen.
Weniger dort, wo Handlungen und Entscheidungen konkret einzelnen Menschen zugeordnet werden können.
Gegenbeispiele für verantwortungsvolles Handeln finden sich deshalb insbesondere bei eigentümergeführten Mittelstandsunternehmen. Insofern ist es in der Wirtschaft genauso wie in anderen Teilen der Gesellschaft, es gibt verantwortliches und es gibt unverantwortliches Handeln.

4.

Dazu möchte ich zum Schluss von einer ganz persönlichen Erfahrung berichten. In meinem Berufsleben stand ich wiederholt vor schwierigen Entscheidungen. So habe ich oft über sehr hohe Geldbeträge entscheiden müssen, aber am schwierigsten waren immer die Entscheidungen, in denen es um Menschen ging. So mussten 2006, nachdem mein Unternehmen, der HDI in Hannover, die Gerling-Versicherung in Köln gekauft hatte, innerhalb von wenigen Wochen hunderte von Personalentscheidungen getroffen werden, denn alle Führungspositionen im Vorstand und in der ersten Führungsebene waren nach der Fusion doppelt besetzt.
Und es musste über Standorte entschieden werden. 8.000 Menschen warteten auf diese Entscheidungen.
Der Vorstandskollege, mit dem zusammen ich diese Entscheidungen treffen wollte und der das Integrationsprojekt leiten sollte, fiel eine Woche nach Vollzug des Kaufes mit einem Herzinfarkt aus, so dass ich als Vorstandsvorsitzender ziemlich einsam dastand.
Ich wusste: jede Entscheidung für eine Führungskraft war gleichzeitig eine Entscheidung gegen eine andere.
Jede Entscheidung für einen Standort war gleichzeitig die Entscheidung gegen den anderen Standort, und die dortigen Menschen und ihre Familien.
Die Fusion ist zwar aus heutiger Sicht in der Rückschau gelungen.
Aber konnte ich damals allen Menschen gerecht werden? Nein.
Habe ich alles richtig entschieden? Auch nicht.
Bei den Personalentscheidungen habe ich zwar immer versucht, jenseits der fachlichen Qualitäten möglichst viel über den einzelnen Menschen herauszubekommen: wie ist sein Werte-System, sein Charakter, seine Teamfähigkeit.
Dennoch war ich manchmal angesichts der schieren Zahl und der Dimension der in kürzester Zeit notwendigen Entscheidungen wirklich ratlos und regelrecht blockiert.
Wenn ich wieder einmal nicht weiter wusste, bin ich dann kurzentschlossen in den Kölner Dom gegangen. Der lag nicht weit von meinem Kölner Büro entfernt.
Dort habe ich mich an einem normalen Werktag außerhalb der Gottesdienstzeiten in eine Bank gesetzt und habe den Raum und das dortige Treiben einfach auf mich wirken lassen, habe (wie Maria) einfach zugehört.

Um mich herum waren fröhliche Menschen, traurige Menschen, lärmende Touristen, andächtige Gläubige und fromme Mönche.
Und da war dieses gewaltige Kirchenschiff.
Ich habe an den hohen Säulen heraufgeschaut, habe an die Jahrhunderte gedacht, die dieses Gebäude schon hier steht, daran wie viele Menschen in all den Jahrhunderten schon ihre kleinen und großen Sorgen und Nöte hierher getragen haben.
Meine Probleme wurden dabei immer kleiner und kleiner und ich wurde gelassener.
Und ich spürte, wie dieser besondere Raum und der besondere Geist darin mir Mut und Kraft gab. Er gab mir Mut und Kraft, auf meinen inneren Kompass zu hören, mich von meiner Intuition leiten zu lassen, von den christlichen Werten der Fairness, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit und nicht davon, wer am lautesten schreit oder den größten Druck macht.
Ich spürte, wie Kraft und Zuversicht in mir wuchsen, und fühlte mich regelrecht befreit, als ich den Dom wieder verließ. Befreit, um unter Besinnung auf die christlichen Werte die notwendigen Entscheidungen zu treffen.
Durch Zuhören, durch In-mich-hineinhören, durch Hören auf den Geist dieses besonderen Raumes wurde mein Handeln gelenkt und ich habe das gespürt, was in dem anderen Teil der heutigen Tageslosung in Psalm 69 gesagt ist:

„Die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf.“