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Scanblue: In geheimer Mission

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Norbert Zimmermann, Scanblue
Gründer und Inhaber von Scanblue Norbert Zimmermann in seinem Büro in Rehren. Foto: Barbara Dörmer
Ob Schuhe, Staubsauger oder historische Schreiben: Scanblue aus Auetal hat sich auf die Digitalisierung physischer Objekte in 3D spezialisiert. Das von Nobert Zimmermann gegründete Unternehmen sieht sich heute als Weltmarktführer in diesem Bereich.

Ein Möbelstück mit Handy und App im eigenen Wohnzimmer platzieren. Im Online-Shop demonstrieren, wie ein Staubsaugerroboter funktioniert. Ein Kunstwerk dreidimensional im Word Wide Web präsentieren. Ein in Asien produziertes Produkt vor der Auslieferung nach Deutschland aus allen Blickrichtungen ansehen. Alles Zukunftsmusik? Keineswegs! Die Scanblue Engineering AG aus Auetal hat sich auf das dreidimensionale Digitalisieren physischer Produkte spezialisiert. Das 1997 in Hameln gegründete Unternehmen ist nach eigenen Angaben heute Vorreiter und Technologieführer in den Bereichen 3D, Augmented Reality und Virtual Reality. „Bei uns erhalten Sie alles, was Sie brauchen, um Ihre Produkte in die dritte Dimension zu bringen: sei es in Online-Shops, auf Websites, bei Ebay, Amazon, Alibaba und allen anderen, mit Augmented-Reality-Apps oder für 3D-Brillen“, wirbt das Unternehmen in seiner Firmenbroschüre. „Gestochen scharf in HD-Fotoqualität und animiert. Bei gleichzeitig minimalen Datenvolumina.“

Die Firmenzentrale von Scanblue in Auetal
Die 2017 bezogene Firmenzentrale von Scanblue in Auetal. Foto: Scanblue

Gründer von Scanblue ist Norbert Zimmermann. Der diplomierte Architekt, der vor seiner Zeit als Unternehmer Kranken-, Geschäfts- und Hochhäuser baute, hatte die Idee dafür, als er einen Raumteiler auf den Markt bringen wollte. Damals ärgerte sich der heute 61-Jährige, dass er seinem Kunden nicht zeigen konnte, wie das Produkt im Raum aussieht und brütete selbst an einer Lösung. Schließlich gründete er Scanbull, den Vorläufer von
Scanblue. Heute beschäftigt die Scanblue-Gruppe, zu der neben der Scanblue Engineering AG auch die Scanblue Software GmbH gehört, rund 260 Mitarbeiter. Zimmermann steht als alleiniger Vorstand der AG und als alleiniger Geschäftsführer der GmbH an der Spitze. Vor zwei Jahren bezog Scanblue seinen neugebauten Firmensitz nahe der A2 in Rehren. Architekt des modernen Komplexes, in dem rund 60 Mitarbeiter arbeiten, ist der Firmenchef selbst. Im Showroom im Erdgeschoss können Kunden erleben, wie digitale 3D-Scans eingesetzt werden können. Mit dem Handy lassen sich beispielsweise Möbel, Leuchten oder Elektronikartikel an eine beliebige Stelle im Showroom platzieren und in jedem Detail aus der Nähe betrachten. Mit VR-Brille und Handschuhen ausgestattet, können in einem virtuellen Raum Gegenstände anvisiert, gegriffen und gedreht werden. Damit haben die Showroom-Kunden dem Firmenchef eine Erfahrung voraus. „Ich habe nie eine VR-Brille aufgehabt und werde es auch nie tun“, so Zimmermann. „Dafür gibt es auch eine ganz einfache Erklärung: Ich würde mein Hirn damit komplett verseuchen. Ich würde Kleinigkeiten toll finden, würde mich darauf konzentrieren, würde sagen, das ist das Nonplusultra und würde andere Sachen außer Acht lassen.“

„Für digitale Abbilder physischer Objekte sind wir Weltmarktführer. Wir erzeugen die Daten und entwickeln die Anlagen dazu“, erklärt Dr. Ulrich Clemens, Leiter der Unternehmenskommunikation bei Scanblue. Die Produkte werden mit einem Selbstentwickelten fotooptischen 3D-Scanverfahren digital erfasst. Aus diesen Daten wird ein 3D-Modell erzeugt. Die riesigen Datenmengen werden dabei durch Algorithmen aufbereitet und so minimiert, dass sie im Internet oder als App nutzbar sind. Am Ende der Pipeline liefert Scanblue die Daten über eine Cloud-Lösung aus. Damit stehen die Daten für Augmented Reality (AR), Virtual Reality (VR) und 3D-Anwendungen mit wenigen Klicks zur Verfügung. „Das besondere an unseren Technologien ist, dass einmal gescannte Schuhe oder beliebige andere Produkte in jeder nur erdenklichen Augmented und Virtual Reality-Umgebung nutzbar sind. Das fängt bei der AR-App für Smartphones und Tablets an und endet noch lange nicht bei nahezu allen aktuellen 3D-Brillen für Augmented Reality, Virtual Reality oder VR-Spielekonsolen“, so Clemens weiter.

Der Goldene Brief aus dem Jahr 1756.
Der Goldene Brief aus dem Jahr 1756 wurde vom Scanblue in 3D digitalisiert. Foto: Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek.

Am aktivsten ist Scanblue im Bereich Retail. „Die wissen, dass es ohne digitale Abbildungen ihrer Produkte nicht weitergehen wird. Wir haben für MediaMarktSaturn das gesamte Grundsortiment für einen VR-Shop digitalisiert“, so Clemens. Auch Medion, Samsung oder Lloyd zählen zu den Kunden von Scanblue. Aber nicht nur Handel und Industrie interessieren sich für die digitalen 3D-Scans. Im Jahr 2013 hat Scanblue den Goldenen Brief – ein handschriftliches Dokument, das der birmanische König Alaungphaya 1756 aufsetzen ließ und an den britischen König Georg
II. nach London sandte – mit Unterstützung des Auswärtigen Amts und der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in 3D digitalisiert. Der digitale Zwilling des Schreibens soll als „moderne kulturelle Brücke“ zwischen den beiden Ländern dienen. 2015 hat die Unesco den Brief, der im Original in der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover verwahrt wird, in das Weltregister des Dokumentenerbes aufgenommen. Ganz andere Bereiche, in dem Technologien von Scanblue eingesetzt werden, sind Schulungen für neue Waffen oder Waffensysteme sowie der militärische Bereich. Und nicht zu vergessen: die Gaming-Branche. Ob öffentliche Hand oder Wirtschaft – in vielen Fällen ist Scanblue zur Geheimhaltung verpflichtet. Daher sind weite Teile des Gebäudes für Besucher tabu.

Beispielbild von Scanblue
Per App lässt sich ein Möbelstück im Raum platzieren. Foto: Scanblue

Seit 1997 hat Scanblue rund 50 000 Scansysteme verkauft. Inzwischen hat das Unternehmen über 80 Patente. Seit einigen Jahren konzentriert sich Scanblue ausschließlich auf den B2B-Bereich. „Wir scannen Objekte für Kunden oder verkaufen dem Kunden Scan-Anlagen, mit denen er selbst scannen kann“, so Clemens. Die Bezahlung erfolgt pro Scan – ähnlich dem Bezahlsystem vieler Anbieter von Kopiergeräten. Die Nachfrage bei Scanblue ist groß. „Wir schaffen vielleicht sechs bis acht Prozent von dem, was Kunden von uns wollen“, berichtet Zimmermann. „Unser Unternehmenswachstum ist exorbitant. Das muss ich organisieren können.
Ich kann nicht anorganisch – weil ich organisch besser finde.“

Scanblue ist aktuell in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Spanien und Großbritannien tätig. Gerade steht der Schritt über den großen Teich an: Die Niedersachsen wollen in den USA zeigen, was sie können.