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Von der Uni ins Unternehmen

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Ulrike Bitzer mit ihrem Mitarbeiter Michael Wöckener, der in ihrem Unternehmen als Software-Entwickler arbeitet. Foto: Georg Thomas
Ulrike Bitzer mit ihrem Mitarbeiter Michael Wöckener, der in ihrem Unternehmen als Software-Entwickler arbeitet. Foto: Georg Thomas
Vor 23 Jahren wurden die IT-Studiengänge in Hildesheim geschlossen. Die Wirtschaft stemmte sich zusammen mit der Uni erfolgreich gegen diese Entscheidung. Heute profitieren die Unternehmen in der Region von einer guten Zusammenarbeit mit der Hochschule, die auch hilft, dass die Absolventen bei Firmen in der Region landen.

Mit so einem Erfolg hatte selbst die Uni nicht gerechnet. Fast 1800 junge Menschen aus der ganzen Welt haben sich zuletzt für das vor bald drei Jahren gestartete Master-Programm Data Analytics an der Universität Hildesheim beworben. In dem komplett englischsprachigen, zweijährigen Studium befassen sich die Studierenden mit Techniken und Werkzeugen, um Daten zu verarbeiten und nützliche Informationen aus ihnen zu gewinnen. Data Science und Künstliche Intelligenz sind Schlagworte, die Studieninteressierte aus Pakistan, Simbabwe, Nigeria, Brasilien oder dem Iran an die vergleichsweise kleine Hildesheimer Universität geführt haben. „Mein Kollege Lars Schmidt-Thieme hat mit diesem Angebot voll ins Schwarze getroffen“, sagt Professor Dr. Klaus Ambrosi vom Institut für Betriebswirtschaft und Wirtschaftsinformatik. „Die schwierigste Aufgabe ist für sie, die richtigen auszuwählen, denn es gibt pro Semester nur jeweils 30 Plätze.“

An der Stiftungsuniversität Hildesheim studieren heute in den Bachelor- und Master-Studiengängen Informationsmanagement und Informationstechnologie, Angewandte Informatik und Wirtschaftsinformatik sowie im Masterprogramm Data Analytics rund 800 junge Menschen. „Angesichts des heutigen Mangels an gut ausgebildeten IT-Fachkräften kann man es sich kaum vorstellen, dass die Informatik-Ausbildung hier Mitte der neunziger Jahre vom Land einfach dicht gemacht wurde“, sagt Ambrosi. Dass es heute in Hildesheim wieder IT-Studiengänge gibt, ist dem besonderen Einsatz mehrerer Akteure zu verdanken. Stellvertretend für die Wirtschaft setzte sich der frühere Leiter der IHK-Geschäftsstelle Hildesheim, Gerald Frank, mit dem damaligen Kanzler der Universität, Dr. Christian Grahl, für den Erhalt der Informatik-Studiengänge ein. Die beiden riefen 1998 den Arbeitskreis IT ins Leben, in dem sich die IT-Unternehmen aus der Region regelmäßig in der Uni trafen. Als das Land zur Einführung eines IT-Studiengangs eine finanzielle Beteiligung der Wirtschaft verlangte, sammelte Frank von großen und kleinen Unternehmen Geldbeträge ein. So konnte im Oktober des Jahres 2000 das IT-Studium an der Uni wieder starten. Aus den 17 Partnerunternehmen, die die Universität unterstützen, sind inzwischen knapp 40 geworden. Sie kommen nicht nur aus dem Raum Hildesheim, sondern auch aus Hannover, Wolfsburg und Holzminden. In seiner Rede beim regionalen Jahresempfang der IHK in Hildesheim lobte IHK-Vizepräsident Jens Koch ausdrücklich die gute Zusammenarbeit zwischen der Uni und der Wirtschaft, die inzwischen drei Stiftungsprofessuren im IT-Bereich finanziert.

In den IT-Studiengängen an der Universität Hildesheim studieren zurzeit rund 800 junge Menschen. Foto: Universität Hildesheim
In den IT-Studiengängen an der Universität Hildesheim studieren zurzeit rund 800 junge Menschen. Foto: Universität Hildesheim

Kern der Partnerschaft sind studentische Praktika, die zentraler und verpflichtender Bestandteil in den beiden Bachelor-Studiengängen sind. Die zehnwöchigen Praktika werden meist nach dem vierten Semester in den Partnerunternehmen absolviert, wenn die Studierenden bereits über Grundlagenkenntnisse in BWL, Informatik und Programmiersprachen verfügen, sodass sie in den Firmen bereits in konkreten IT-Projekten eingesetzt werden können. „Für die Unternehmen ist das natürlich interessant, in dieser Phase bereits Kontakt zu den Absolventen von morgen zu haben“, erläutert Klaus Ambrosi.

Zu den Partnerunternehmen gehört auch die Bitzer Wiegetechnik GmbH aus Hildesheim, die Waagen für Industrie und Agrarwirtschaft inklusive passender Softwarelösungen herstellt. Die Technik aus Hildesheim kommt deutschlandweit zum Einsatz, zum Beispiel bei Zuckerfabriken. „Wir sind eines der wenigen Unternehmen in diesem Bereich, die auch die Software selbst entwickeln und mit der Technik zusammenbringen“, sagt Ulrike Bitzer, die das schon 1948 gegründete Unternehmen seit acht Jahren zusammen mit ihrer Schwester Karin führt. Den Einstieg in den Bereich Software hat bereits ihr Vater in den 1980er Jahren vollzogen.

In den letzten Jahren sind die Produkte von Bitzer immer digitaler und intelligenter geworden. So übergeben die Waagen zum Beispiel selbstverständlich die Gewichtswerte direkt in das System des Kunden. Mit Hilfe von Kameras, Sensoren und Bedienbildschirmen übernehmen die Hildesheimer die komplette Steuerung im Bereich der Warenanlieferung, beispielsweise im Getreidehandel. Zudem bietet Bitzer auch sogenannte Laborautomaten zur Qualitätsprüfung an, die beispielsweise die Feuchtigkeit von Getreide bestimmen können und dann dem Fahrer des Lastwagens mitteilt, in welchem Bereich er seine Ladung abliefern soll.

Bitzer kann auch Software
Derzeit beschäftigt Bitzer einen Werkstudenten von der Hildesheimer Uni, der über ein Praktikum zum Unternehmen stieß und seitdem in die Neuentwicklung webbasierter Wiegeprogramme involviert ist. „Für uns als kleinere Firma ergeben sich aus dem engen Kontakt zum Informatik-Bereich der Uni viele Chancen. Es ist allein viel wert, dass wir uns im Kreis der Studierenden als Arbeitgeber bekannt machen können“, sagt Ulrike Bitzer. Von den 40 Beschäftigten des Unternehmens in Hildesheim arbeiten fünf im Bereich Softwareentwicklung. „Dass sich eine Uni so um den Kontakt zur Wirtschaft bemüht, ist sicher nicht selbstverständlich“, findet sie. Auch das vor einigen Jahren nach einer Idee von Marc Diederich, dem Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Hildesheim, eingeführte IT-Speed-Dating lobt die Unternehmerin. Bei der jüngsten Veranstaltung im Januar trafen 40 Unternehmen auf über 40 Studierende, die einen Platz für das Pflichtpraktikum suchten. Bei dem Format finden 80 Prozent der Teilnehmer das passende Unternehmen.

Prof. Dr. Julia Rieck ist die Nachfolgerin von Prof. Dr. Klaus Ambrosi. Foto: Uni Hildesheim
Prof. Dr. Julia Rieck ist die Nachfolgerin von Prof. Dr. Klaus Ambrosi. Foto: Uni Hildesheim
Dr. Felix Hahne betreut als wissenschaftlicher Mitarbeiter den Arbeitskreis IT. Foto: Uni Hildesheim
Dr. Felix Hahne betreut als wissenschaftlicher Mitarbeiter den Arbeitskreis IT. Foto: Uni Hildesheim
Prof. Dr. Klaus Ambrosi wird auch im Ruhestand noch an der Uni mitwirken. Foto: Uni Hildesheim
Prof. Dr. Klaus Ambrosi wird auch im Ruhestand noch an der Uni mitwirken. Foto: Uni Hildesheim