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TÜV Nord: Dem Risiko voraus

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Friederike Wiegers und Steffen Schröder aus dem TÜV-Geschäftsbereich Industrie Service zeigen, wie Gutachten mit dem Live Expert System entstehen - und das anschaulich am Lego-Schaufelradbagger.

Zufrieden mit dem vergangenen Geschäftsjahr startet der TÜV Nord ins Jubiläum: Das Prüfunternehmen wird 150, entstand also mitten in der ersten industriellen Revolution – und fühlt sich in der vierten pudelwohl.

Die Digitalisierung der Industrie und des Verkehrs läuft auf vollen Touren, und der TÜV Nord ist mittendrin: Das machte Dr. Dirk Stenkamp, Vorstandschef des weltweit tätigen Prüfunternehmens mit Sitz in Hannover, bei der Bilanzpressekonferenz im April deutlich. Die Themen der Hannover Messe – Industrie 4.0 und damit eng verbunden zum Beispiel Künstliche Intelligenz und Machine Learning, der Mobilfunkstandard 5G, vorausschauende Wartung oder Roboter, die unmittelbar mit Menschen zusammenarbeiten – sind allesamt TÜV-Themen. Ebenso die Entwicklung im Verkehr, beispielsweise beim autonomen Fahren: Auch hier ist der TÜV überall im Boot. Zum Autofahren gehören mittlerweile Daten ebenso wie Motor und Bremsen, und ihr Volumen wächst rasant: Um sicher unterwegs zu sein, muss Fahrzeugsoftware nicht nur richtig funktionieren, sondern sowohl vor Hackern als auch vor nachträglicher Manipulation geschützt sein. Nach 150 Jahren – der TÜV Nord wurde 1869 gegründet – ist für Dirk Stenkamp die Mission, den Menschen vor den Gefahren der Technik zu schützen, nicht minder aktuell als zu Beginn. Der TÜV ist ein Kind der ersten industriellen Revolution und entstand, um den Umgang mit Dampfkesseln sicherer zu machen. Die vierte industrielle Revolution habe den Prüfauftrag sogar noch erweitert, so der TÜV-Chef. Heute gehe es auch darum, die Technik vor dem Menschen, vor unbefugtem Zugriff, zu schützen: „Wir sorgen dafür, dass Industrieroboter, selbstfahrende Autos und die Stromversorgung sicher funktionieren und gegen Cyberangriffe gehörtet sind“, so Stenkamp. Beispiel: Smart Meter Gateways, also digitale Messsysteme zum Beispiel für den Stromverbrauch von Haushalten. Die sind so genau, dass sich auch dem Verbrauchsprofil des Lebensgewohnheiten der Hausbewohner bis zum gerade einschalteten Fernsehprogramm ablesen lassen. Der TÜV Nord sichert bei entsprechend zertifizierten Geräten zu, dass die privaten Daten geschützt sind.

Dr. Dirk Stenkamp, Vorstandsvorsitzender des TÜV Nord.

Industrie 4.0, Internet der Dinge, vernetzte Technik, digitale Transformation: In diesem Umfeld bewegt sich der TÜV wie ein Fisch im Wasser und ist umgeben von neuen, oft äußerst komplexen Aufgaben. Und das in doppelter Hinsicht: Bei der Sicherheitsbeurteilung zunehmend digitalisierter technischer Anlagen und Geräte ebenso wie in der Entwicklung digitaler Instrumente für die eigene Arbeit. Bereits auf der Hannover Messe und auch bei der Bilanzpressekonferenz wurde das so genannte Live Expert System vorgestellt: Ein Gutachter muss nicht mehr vor Ort sein, sondern kann online bei Video eine Beurteilung abgeben – und das gerichtsfest. In einem nächsten Schritt ist der Einsatz künstlicher Intelligenz geplant.

Das System fällt in das größte TÜV-Geschäftsfeld Industrie Service, das gut 45 Prozent zum Umsatz des Unternehmens beisteuert. Mit rund 32 Prozent liegt Mobilität auf Rang zwei. Hinzu kommen mit Rohstoffen, Bildung, IT und Aerospace vier kleinere. Insgesamt setzte der TÜV Nord im vergangenen Jahr knapp 1,23 Mrd. Euro um, ein Plus von 3,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nach einem starken vierten Quartal sprang das Betriebsergebnis (Ebit) auf 80,2 Mio. Euro – „erstmals eine acht vorne“, so Finanzvorstand Jürgen Himmelsbach. Dass der Geschäftsbereich Mobilität 2018 das größte Wachstum verzeichnete, war unter anderem von der neuen Prüfsystematik WLPT bei Neuwagen getrieben. Um den damit verbundenen Aufwand – Stenkamp: „Mehr, als wir uns das alle gedacht haben“ – zu bewältigen, wurden nicht nur weitere Kapazitäten aufgebaut, sondern auch Sonderschichten sogar an Wochenenden gefahren.

Die TÜV-Belegschaft wuchs, gemessen in Vollzeitstellen, um 241 auf 10.780. Um dieses Wachstum zu erreichen, fingen im vergangenen Jahr rund 760 Menschen beim TÜV Nord an – eine Zahl, auf die Personalvorstand Harald Reutter stolz ist und die auch nicht vom Himmel fällt. Der Konzern bietet einen umfangreichen Strauß an Maßnahmen, um für Mitarbeiter interessant zu werden. Unter anderem sollen die Möglichkeiten flexiblen Arbeitens weiter ausgebaut werden. Und im aktuellen Tarifvertrag mit Verdi können Mitglieder der Gewerkschaft die darin vereinbarte Einmalzahlung in bis zu fünf Urlaubstage umwandeln.

Nach den Worten von Finanzvorstand Jürgen Himmelsbach ist der TÜV gut ins Jahr 2019 gestartet. Er geht von einem weiteren Umsatzwachstum aus, ist aber angesichts der konjunkturellen Abkühlung vorsichtig, auch beim Geschäftsergebnis. Bislang habe man allerdings die Planungen nicht zurückgenommen. Klar ist auch, dass der TÜV erneut in deutlichem Umfang investieren will. In diesem Jahr waren es 60 Mio. Euro.

Auch angesichts der Digitalisierungswelle in der Industrie sieht TÜV-Vorstandschef Stenkamp hier kein überproportionales Wachstum. Ziel sei es vielmehr, alle Geschäftsbereiche gleichmäßig zu entwickeln.