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Auf jeden Fall Gewinner

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Foto: Campus Motorsport
Foto: Campus Motorsport
Mehr als nur ein Konstruktionswettbewerb, in dem Hochschulteams mit selbstentwickelten Autos gegeneinander antreten: Es geht in der Formula Student nicht allein um praktische Anwendung theoretischen Technikwissens. Sondern auch um Marketing und Unternehmenskonzepte. Und um die ganz persönliche Entwicklung.

Es gibt sie überall auf der Welt, an Universitäten und Hochschulen rund um den Globus. Für den August haben sich außer den vielen deutschen auch Teams aus Wien und Karachi, Patras und Delft, Melbourne, Quebec oder Tallin angemeldet: Dann trifft sich in Hockenheim die Formula Student Germany.

Die Aufgabe, vor der die Teilnehmer der Formula Student stehen, lässt sich in einem Satz beschreiben: Baut, finanziert und vermarktet einen einsitzigen Rennwagen und tretet damit gegen die anderen Teams an. Die Idee entstand Anfang der 80er Jahre in den USA, kam gut 15 Jahre später in Europa an, und seit 2006 gibt es die Formula Student Germany. Hinter der Rennserie stehen der Verein Deutscher Ingenieure und außerdem so ziemlich alles, was im deutschen Automobilbau Rang und Namen hat. Hinzu kommen bei den einzelnen Teams als Unterstützer viele weitere Unternehmen aus den jeweiligen Regionen.

In Autoland Niedersachsen gibt es an etwa zehn Hochschulstandorten Formula-Student-Teams, davon vier im Bereich der IHK Hannover. An der Hochschule Hannover reicht die Rennwagen-Tradition bis 2007 zurück, zwei Jahre später fuhr das erste Auto. Campus Motorsport Hannover heißt das Team, das mit einem Verbrennerauto antritt. Die Vorgabe: Ein Viertakter mit höchstens 710 Kubikzentimetern Hubraum darf den Wagen antreiben. In Hockenheim sind aktuell rund 60 Teams in der Formula Student Combustion – FSC – registriert. In der FSE, der Formula Student Electric, sind es derzeit etwa 40, aber die Warteliste ist länger.

Ziel in diesem Jahr: An die Leistung 2018 mit dem Gesamtsieg in den Niederlanden trotz eines völlig neuen Konzepts so gut wie möglich anzuknüpfen. In Hockenheim dagegen tritt Campus Motorsport Jahr nicht an. Dafür haben sie wenige Tage vor dem deutschen Großereignis die Formula Student Austria in Spielberg eingeplant. Rund 40 Mitglieder zählt das Team: Die Formula Student ist immer auch eine Auseinandersetzung mit den vorhandenen Möglichkeiten. Der Umstieg auf Elektroantrieb ist für Campus Motorsport ein Thema, aber sehr aufwändig. Die Ursprünge des Teams liegen beim Verbrenner, gerade erst hat man sich für einen neuen Motor entschieden.

Die Fomula Student ist keinesfalls ein reiner Schrauberwettbewerb. Bewertet werden neben Fahrleistungen auch der Business Plan. Marketing ist wichtig, allein um Sponsoren zu gewinnen, ohne die nichts geht. Aber die Studierenden lernen noch ganz andere Dinge: Teamarbeit, klar. Aber auch den Umgang mit Rückschlägen. Stress und Druck auszuhalten, nicht nur bei den Rennen, sondern auch vorher: Von Mitte Mai bis Anfang Juni sind bei allen Mannschaften die Rollout-Termine für die neuen Autos geplant. Die muss man erstmal einhalten.

Ein weiterer wesentlicher Punkt: Wissensweitergabe. Hier ist Selbstorganisation gefragt, damit das in Jahren erarbeitete Knowhow auch erhalten bleibt, wenn die Mitglieder wechseln. Das gilt für alle Teams, aber vielleicht in besonderem Maße für Deefholt Dynamics. Der Teamname kommt vom plattdeutschen Namen für Diepholz – damit wäre die Heimat des studentischen Rennstalls geklärt. Die Mitglieder des Teams studieren an der PHWT, der Privaten Hochschule für Wirtschaft und Technik. Die Hochschule wird getragen unter anderem von der Ulderup-Stiftung – und der Name Ulderup steht seit langem für die Förderung des Ingenieurnachwuchses. Die Autogalerie von Deefholt Dynamics reicht bis 2006 zurück. Der Rennwagenbau ist ein Projekt für Studierende vom fünften bis zum siebten Trimester, also von Januar bis Dezember. Und jedes Jahr wechselt das Team komplett. Erschwerte Bedingungen für die rund 50 Teammitglieder, die sich wie ihre Vorgänger komplett neu einarbeiten mussten, um bis Anfang Juni den Elektro-Boliden auf die Räder zu stellen. Denn dann findet das ZF-Racecamp statt. Die vom Autozulieferer unterstützten Teams kommen vor der Rennsaison zum Erfahrungsaustausch zusammen und werden mit Knowhow unterstützt. Das gilt nicht anders für die Continental: Auch das hannoversche Unternehmen bietet dem Konstrukteursnachwuchs zum Beispiel Seminare an. Für Deefholt Dynymics geht es nach dem Race Camp dann nach Ungarn und Spanien – und das Team erwartet dort wieder eine Atmosphäre gegenseitiger Unterstützung: Konkurrenzkampf ja, aber bei allem auch Kameradschaft, Kommunikation und gegenseitige Hilfe.

Foto: Deefholt Dynamics
Foto: Deefholt Dynamics

Während Deefholt Dynamics nahezu seit den Anfängen der Formula Student Germany dabei ist, gibt es das Team Blue Flash der HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen erst seit 2015. Den Namen des Autos liefert die Hochschule selbst: Der neue Wagen wird den E-HAWK18 der Vorsaison ablösen. Das Team, in Göttingen zu Hause, setzt auf Niederspannungstechnologie und schaffte bei der besonders umkämpften Formula Student Germany auf dem Hockenheimring 2018 einen 11. Platz in der Gesamtwertung. Auch in diesem Jahr ist der Hockenheimring wieder eingeplant. Die Qualifikation läuft wie bei den meisten Formula-Student-Events über ein Quiz, bei dem Reglement und technisches Wissen abgefragt werden. Blue Flash steht auf Platz drei der Warteliste. Sollte klappen.

Autorennen: Sinnloses Im-Kreis-Herumfahren? Das geht auf Niki Lauda zurück, Aber genau so werden Erfolge in der Formula Student eben nicht erzielt. Es gibt ein ganzes Tableau unterschiedlicher Wertungen. Design, Finanzplanung und Teammarketing gehören dazu. Bei der Wirtschaftlichkeit zum Beispiel wird eine Produktion von 1000 Autos angenommen und der Preis des Prototyps beurteilt. Dieser statische Vergleich macht etwa ein Drittel der Punktzahl aus, die ein Team erreichen kann. Nach der technischen Prüfung geht es auf die Strecke. Aber auch hier statt Rennfahrten im Kreis ganz verschiedene Vorgaben: Beschleunigung auf 75 Metern, Handhabung des Wagens beim zweifachen Durchfahren einer Acht. Als Königsdisziplin gilt die Ausdauerleistung: Regelmäßig schafft nur die Hälfte der Fahrzeuge die 22 Kilometer. Die Höchstgeschwindigkeit von rund 120 Stundenkilometern ist hier nicht gefragt, sondern das Durchhaltevermögen: Die Teams bangen mit: Der Wagen fährt und fährt, während andere von der Strecke geschoben werde, und dann die riesige Erleichterung, wenn das eigene Auto über die Ziellinie rollt. Das gibt dann auch die meisten Punkte – alle Kategorien werden einzeln bewertet und prämiert, Gesamtsieger ist das Team mit den meisten Punkten.

Foto: Formula Student Germany/Elena Schulz
Blue Flash. Foto: Formula Student Germany/Elena Schulz

Angesichts der engen Verbindung zur Automobilindustrie verwundert es kaum, dass der studentische Konstruktionswettbewerb die großen Trends aufnimmt. Die Elektroklasse gibt es seit 2010. HorsePower Hannover, das Team der Leibniz-Universität, wechselte nach zwei Verbrennerjahren 2009 und 2010 zum E-Antrieb. In einer anderen, noch jüngeren Kategorie hat es HorsePower vor zwei Jahren aber auf einen sechsten Platz gebracht. Das Team stellte sich der Herausforderung, ihren Rennwagen autonom fahren zu lassen. Das Auto aus der Vorsaison wurde modifiziert, mit einem entwickelten autonomen System ausgestattet und in der neuen Klasse Formula Student Driverless an den Start geschickt. Warum diese zusätzliche Aufgabe zu einem Zeitpunkt, als die Team nach Erfolgen zum Beispiel 2010 mit dem Sieg in Spanien mit Rückschlägen zu kämpfen. Eigentlich ganz einfach: Sie wollten es. Es gab einfach motivierte Leute, die das Thema angehen wollten. Im Übrigen muss sich jedes Formula-Student-Team künftig damit auseinandersetzen: Das Reglement sieht ab 2021 vor, dass der Beschleunigungswettbewerb autonom gefahren werden muss.

Auch bei den Sponsoren kommt autonomes Fahren derzeit gut an. Und die Unterstützer aus der Wirtschaft sind für die Formula Student entscheidend. Das gilt nicht nur für den Bau der Autos, sondern auch für die Teilnahme an den Rennveranstaltungen. Die 35-köpfige HorsePower-Mannschaft hat sich für die Veranstaltungen in Ungarn, Tschechien, Spanien, Österreich und den Niederlanden qualifiziert – an drei davon wollen die Hannoveraner teilnehmen. Nur mit dem Hockenheimring und der Formula Student Germany wird es 2019 auch beim hannoverschen Uni-Team wohl nichts.

Ach ja, und wer fährt eigentlich? Bei Campus Motorsport gibt es kein festes Fahrerteam. Wer sich engagiert, kommt ins Cockpit. Und wer sich da geschickt anstellt, fährt beim Wettbewerb. Auch das ist ein Teil der Formula Student, dieses einzigartigen Hobbys: Denn das ist es letzten Endes, so steht es in der HorsePower-Sponsorenbroschüre. Aber gleichzeitig ein Mammutprojekt, wenn man – wie Deefholt Dynamcis – jedes Jahr mit einem neuen Team in wenigen Monaten ein rennfertiges Auto bauen muss. Und wenn noch eine Frage offen geblieben ist: Das HAWK-Team Blue Flash wird in diesem Jahr erstmals von einer Frau geleitet.

Horsepower Hannover. Foto: Steffen Leuenbergerr
Horsepower Hannover. Foto: Steffen Leuenbergerr