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Straßen: Von angebunden bis abgeschnitten

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Der Hemminger Ortsteil Arnum ist vom Verkehr auf der Bundesstraße 3 derzeit stark belastet. Anwohner und Gewerbetreibende freuen sich auf die Ortsumgehung und die Möglichkeiten, die sich für eine Neugestaltung des Ortskerns ergeben. Foto: Georg Thomas
Der Hemminger Ortsteil Arnum ist vom Verkehr auf der Bundesstraße 3 derzeit stark belastet. Anwohner und Gewerbetreibende freuen sich auf die Ortsumgehung und die Möglichkeiten, die sich für eine Neugestaltung des Ortskerns ergeben. Foto: Georg Thomas
Eine gute Verkehrsanbindung ist ein entscheidender Faktor für Unternehmen, egal ob sie sich in Gewerbegebieten oder Innenstädten ansiedeln. Zu viel Verkehr, Baustellen oder Sperrungen belasten die Wirtschaft. Die Hoffnung ist groß, wenn neue Lebensadern entstehen.

Anfang Oktober ist es soweit: Dann soll die Ortsumgehung von Hemmingen fertig sein, die den Durchgangsverkehr auf der Bundesstraße 3 zwischen Hannover und südlich gelegenen Städten an Hemmingen und den Ortsteilen Westerfeld und Arnum vorbeiführt. Endlich, werden viele sagen. Seit Jahrzehnten hatte die Gemeinde für die neue Straße gekämpft. Der Verkehr mit seinem Lärm und Schmutz sollte raus aus dem Ort – und wieder besser fließen können. „Die Bürger wollten die Ortsumgehung, vor allem um eine Entlastung zu erreichen“, sagt Hemmingens Bürgermeister Claus-Dieter Schacht-Gaida, den das Thema seit seinem Amtsantritt im Jahr 1997 begleitet.

„Die Wirtschaft war in den Diskussionen nie Thema“, sagt er heute. Für ihn als Bürgermeister spielten wirtschaftliche Aspekte im Hinblick auf die neue Straße aber trotzdem eine ganz entscheidende Rolle. So hat er lange, bevor überhaupt fest stand, dass die Umgehung wirklich gebaut wird, ein Gewerbegebiet erweitert, das bald noch direkter als heute an die B3 angeschlossen ist. „Wir haben dort zum Beispiel mit Rindt & Gaida Deutschlands besten Skoda-Händler und einen der stärksten Real-Supermärkte des Landes“. Innerhalb von zwei Jahren seien damals alle Flächen in dem Gebiet verkauft worden. Erweiterungen wird es nicht mehr geben, denn Hemmingen hat keinen Raum dafür. Und dabei sei die Nachfrage von Unternehmen nach Gewerbeflächen groß. „Wir müssen daher den Bestand optimieren“, sagt Schacht-Gaida. Andere würden vielleicht sagen, da kann man als Stadt wenig machen. Für den Hemminger Rathauschef aber ist die Weiterentwicklung „eine hochreizvolle Aufgabe.“ Ihm kommt allerdings auch entgegen, dass sich durch die Ortsumgehung eine Eigendynamik ergibt, die noch dadurch verstärkt werden dürfte, dass Hemmingen bis zum Jahr 2023 auch an das Stadtbahnnetz Hannovers angeschlossen wird. Und dann gibt es auch noch konkrete Pläne eines Investors, auf einer bisher bislang wenig attraktiv gestalteten Gewerbefläche im großen Stil Büroräume und Wohnungen zu bauen. Der Entwurf stammt vom Schweizer Architekten Max Dudler. Laut den Plänen könnte neben der alten B3 am neuen Endpunkt der Stadtbahn ein Gebäudekomplex mit bis zu elf Stockwerken entstehen. Hemmingen würde ein ganz neues Gesicht bekommen. Kritiker befürchten allerdings, dass der Bau für eine zu hohe Verkehrsbelastung sorgen könnte, die die Infrastruktur überfordern könnte.

Und was ist mit den Unternehmen, die direkt an der Straße liegen? Verlieren sie Kunden, wenn plötzlich weniger Verkehr vor der Tür entlangfährt?

Die Hemminger Buchhandlung beispielsweise hat viele Stammkunden, von denen einige auch aus den nahen Stadtteilen Hannovers kommen. Inhaber Stefan Koß glaubt, dass sie ihm treu bleiben, auch wenn in wenigen Monaten, die – wie er findet – „überdimensionierte“ Ortsumgehung fertig ist. Wichtiger ist ihm, dass sein Geschäft gut erreichbar bleibt, auch wenn in ein paar Jahren die Stadtbahnhaltestelle vor seiner Tür gebaut wird. Das Geschäft laufe zwar gut, aber größere Einbußen abfedern könne er nicht. Was eine Baustelle mit Läden anrichten kann, habe er vor einigen Jahren bereits auf dem Ricklinger Stadtweg in Hannover erlebt. Die Sorgen der Unternehmer habe damals niemand so recht ernst genommen, sagt er.

Claus-Dieter Schacht-Gaida Bürgermeister Hemmingen, zum Projekt Ortsumgehung. Foto: Stadt Hemmingen
Claus-Dieter Schacht-Gaida Bürgermeister Hemmingen, zum Projekt Ortsumgehung. Foto: Stadt Hemmingen

Umgehung schafft Platz für Neues
Vor dem Buchladen verläuft die B3 derzeit vierspurig, etwa 25 000 Fahrzeuge sind hier täglich unterwegs, im südlichen Ortsteil Arnum ist sie nur zweispurig, dort sind es rund 17 000. Aber auch hier werden sich durch die Verlegung der Bundesstraße nach außen große Veränderungen ergeben. Das Arnumer Gewerbegebiet am Hohen Holzweg ist bislang eine Sackgasse, die von der B3 abknickt. Es wird jetzt als Zubringer dienen und somit direkt an die Ortsumgehung angeschlossen. „Das steigert die Attraktivität des Gebiets enorm. Da wird sich in den nächsten Jahren einiges bewegen“, ist sich Bürgermeister Schacht-Gaida sicher.

Der langjährige Verwaltungschef möchte Arnum ein neues Gesicht geben und den alten Straßenverlauf so umgestalten, dass man sich gern dorthin hinbegibt. „Wir schaffen Aufenthaltsqualität.“ Die Straße soll schmaler werden. Zudem seien mehr Pflanzen, Aufpflasterungen und Ruhezonen angedacht. Die Stadt bewirbt sich derzeit um die Aufnahme in ein Förderprogramm, das von Bund und Land getragen wird. „Wenn wir angenommen werden, können wir auf rund 7 Mio. Euro Förderung hoffen, rund 3 Mio. Euro müsste die Stadt aufbringen.“ Bei einer ersten Vorstellung der möglichen Ideen war die Reaktion der Bürger zurückhaltend, weil auf sie auch ein kleiner Teil der Kosten, etwa 400 000 Euro, anteilig umgelegt werden soll. Aus Sicht des Bürgermeisters ist eine Umgestaltung der Orte nach dem Bau der Ortsumgehung unbedingt notwendig Man müsse der Grundskepsis und den bei manchen vorhandenen Ängsten vor negativen Auswirkungen der Verlagerung des Verkehrs auch etwas positives Neues entgegen setzen. „Es gibt viele Orte, in denen das nicht gut gemacht wurde“, findet Schacht-Gaida. Die Veränderung löse zudem auch private Investitionen aus. So wird der Wennigser Händler Stefan Ladage einen neuen Edeka-Markt mit rund 1800 Quadratmeter in Arnums Mitte bauen. An der Baustelle fließen heute noch täglich tausende Fahrzeuge vorbei, zur Eröffnung wird ein Großteil des Verkehrs bereits einen Bogen um den Ort machen. Geschäftsführer Steffen Döring weiß um die Gefahr, dass es zu ruhig wird. Allerdings kennt er auch aus Wenigsen die Vorzüge einer vergleichsweise ruhigen Lage. Dort führt Döring ein Geschäft im Zentrum des Orts, das trotz wenig Durchgangsverkehrs gut laufe. „Wichtig ist aber, dass man erreichbar bleibt. Eine Straße ist die Lebensader für ein Geschäft.“ Und auch eine ausreichende Zahl an Parkplätzen sei wichtig.

Burkhard Stenzel von Jacques‘ Weindepot in Arnum befürchtet nicht, dass sein Geschäft darunter leiden wird, wenn der Durchgangsverkehr bald am Ort - und an seinem Laden - vorbeifließt. Foto: Georg Thomas
Burkhard Stenzel von Jacques‘ Weindepot in Arnum befürchtet nicht, dass sein Geschäft darunter leiden wird, wenn der Durchgangsverkehr bald am Ort - und an seinem Laden - vorbeifließt. Foto: Georg Thomas

Keine Angst in Arnum
Auch eine überlastete Straße, wie die heutige B3 in Arnum, ist für Einzelhändler nicht unproblematisch. Schwierig wird es immer dann, wenn Kunden wegbleiben, weil sie wissen, dass man ein Geschäft nur schwer erreichen kann. „Einige unserer älteren Kunden nehmen heute bereits Umwege in Kauf, weil sie von unserem Parkplatz nicht mehr nach links auf die B3 abbiegen können“, sagt Burkhard Stenzel, Inhaber der Filiale von Jacques‘ Weindepot in Arnum. Regelmäßig höre er von Kunden von langen Fahrzeiten aufgrund von Staus. Deswegen blickt der Unternehmer eher zuversichtlich in die Zukunft, auch wenn er bald nicht mehr direkt an der von vielen Pendlern befahrenen B3 liegt. „Die meisten Kunden kommen gezielt zu uns. Und dafür werden sie einen kleinen Umweg sicherlich in Kauf nehmen.“ Außerdem gebe es auch keinen Wettbewerber in den Nachbarorten. Wassilios Fournaris vom griechischen Restaurant Bacchus hofft, dass die Gäste, wenn die Ortsumgehung da ist, direkt bei ihm vor der Tür parken können. „Die Straße ist ja breit genug“, sagt der junge Inhaber des Restaurants, das sein Vater Jannis 1973 in Arnum eröffnete. Mit Negativfolgen rechnet er nicht. Die B3 vor der Tür bringe ihm heute kaum Zulauf, zu ihm kämen zu 90 Prozent Stammgäste.

Wie die alte B3 in den Orten aussehen wird, dürfen die Bürger der Orte mitentscheiden. Bürgermeister Schacht-Gaida hofft, dass sich die Wut über die angekündigte finanzielle Beteiligung noch legt und die angedachte Partizipation zu guten Ergebnissen führt. Vor allem ist er aber auch froh, dass Hemmingen die Ortsumgehung überhaupt noch bekommen hat. „Heute wäre das nicht mehr zu schaffen. Der Protestwille ist heute ausgeprägter als der Gestaltungswille“, sagt er. Er habe manchmal den Eindruck, als sei es vorgegeben, gegen jegliche Veränderung zu sein. Dass sich mit der Ortsumgehung alle Probleme lösen, glaubt der Bürgermeister allerdings auch nicht. Sicherlich werde spannend sein, wie viele Menschen am Ende auf die Stadtbahn umsteigen werden. Aber aufgrund ihrer dichten Besiedlung und der Nähe zu Hannover ist sich Schacht-Gaida sicher: „Wir werden immer verkehrsbelastet sein“. Aber mit der Ortsumgehung gewinnt die Stadt viel Raum für neue Entwicklungsmöglichkeiten.