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Das Bildungsministerium will die Ausbildung in Deutschland runderneuern. In welche Richtung sollte dies gehen? Ein Essay von Prof. Dr. Günter Hirth, Leiter der Abteilung Berufsbildung bei der IHK Hannover.

Pünktlich zum 50. Bestehen des Berufsbildungsgesetzes (BBiG) 2019 beabsichtigt das Bildungsministerium, die Ausbildung in Deutschland von Grund auf zu erneuen. Für den für Berufsbildung zuständigen IHK-Abteilungsleiter stellen sich bei dieser Absicht drei Fragen:

Erstens: Welche Zukunft hat die Berufliche Bildung in Deutschland langfristig?
Die OECD war ja nahezu Jahrzehnte dahinter her, die Akademikerquote zu erhöhen. Der Weg und der Wert der beruflichen Bildung wurden schlicht verschwiegen.
Wird die Berufsbildung also ein Trostpreis für diejenigen, die kein Studium packen? Warum also „von Grund auf erneuern“? Warum sollte jemand eine Ausbildung machen, wenn er oder sie auch studieren könnte?

Zweitens: Werden Unternehmen auf Dauer eigentlich Mitarbeiter benötigen, die über den beruflichen Bildungsweg gekommen sind? Führt nicht eine Art Digitalisierungsparadoxon dazu, dass auf der einen Seite kundige Informatiker und Ingenieure  und auf der anderen Seite angelernte Hilfskräfte mit digitaler Unterstützung benötigt werden? Werden Fachkräfte im traditionellen Sinne überhaupt noch benötigt?

Drittens: Wie halten Berufsbilder, Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe mit er digitalen Beschleunigung Schritt? Immerhin sollen die jungen Menschen nach der Ausbildung in der Lage sein, Berufe auszuüben und die erforderlichen Veränderungen zu gestalten bzw. mit zu vollziehen?
Die Existenzfrage der beruflichen Bildung als qualitätsgesicherte Garantin des Fachkräftenachwuchses steht im Raum und wird auch offen und unverblümt gestellt.
Zur ersten Frage darf einmal klargestellt werden, dass die Duale Ausbildung an den Lernorten Berufsschule und Unternehmen seit Jahrzehnten etwas leistet,
dem allgemein bildende Schulen und Hochschulen seit 15 Jahren hinterher laufen: Kompetenzbasierte Qualifikation. Wer theoretisch etwas begriffen hat,
das er im Betrieb sofort praktisch umsetzen muss, der hat Handlungskompetenz, die andere Bildungswege mühsam über Praktika, Labore und Simulationen erreichen
müssen. Diese Kompetenz benötigen auch die Betriebe. Insofern muss man eigentlich keine Existenzsorgen für die duale Ausbildung haben. Die betriebliche
Nachfrage nach so Qualifizierten scheint grundsätzlich gesichert. Auch deshalb wird die Ausbildung nicht zur Restgröße verkümmern. Selbst die OECD hat in den
letzten Jahren ihre Wertschätzung für die berufliche Bildung entdeckt. Dies vor allem, weil die Jugendarbeitslosigkeit in Ländern mit dualer Berufsausbildung signifikant
geringer ist als in Ländern ohne dieses Modell.

Welche Kompetenzen?
Schwieriger zu beantworten ist die Frage, welche Inhalte und welche Arten von Kompetenzen in der digitalen Welt erworben werden müssen, um beruflich
„aufwärtskompatibel“ zu sein. Unbestritten und auf dem Weg sind Grundkompetenzen im Umgang mit Daten und Informationen. Hier geht es gleichermaßen um die Fähigkeit, Informationen zielgerichtet auszuwerten wie auch um den Rechtsrahmen im Umgang mit Daten, insbesondere sensiblen Daten. Diese Kompetenzen werden schon jetzt Zug um Zug bei Novellierungen von Ausbildungsberufen „eingebaut“. Die Lernkompetenz Jugendlicher in digitalen Umgebungen scheint inzwischen die Lehrkompetenz der Lehrenden in Unternehmen Schulen und Hochschulen bei weitem zu übersteigen. Jugendliche sind gewohnt, sich gut portioniert und mit unmittelbarem Feedback seitens der Maschine fachliche Inhalte anzueignen. Lehrkräfte fremdeln mehrheitlich offensichtlich mit Formaten wie blendet learning, die Schulen anderer Länder oder auch an deutschen Hochschulen seit 15 Jahren etabliert sind. Hier wird der Heimvorteil der Generationen Y und Z gegenüber den Lehrenden und den Ausbildern offensichtlich: Sie sind in der digitalen Welt aufgewachsen und zu Hause. Das ist die Herausforderung, für die die Akteure der beruflichen Bildung eine zeitgemäße Antwort finden müssen. Mit der technischen Aufrüstung muss zwingend die fachdidaktische Entwicklung Schritt halten.
Lehrkräfte werden Lernbegleiter in  ohnehin schon stark heterogenen Klassen und Kursen. Spezialisierte Inhalte müssen nicht an bundesweit hunderten Standorten
parallel angeboten werden. Diese schon bisher vorhandenen Engpässe werden mit Lehrvideos, Simulationen, Webinaren und gemeinsamen standortübergreifenden
Projekten beseitigt. Keine Scheu, möchte man den Lehrenden zurufen, denn die Generationen Y und Z lernen schon auf solchen Wegen Inhalte, die sie
privat interessieren. Die neue und vernetzte Technologie macht zudem einen Qualitätssprung der Ausbildung möglich: Was bisher mehr oder weniger strikt getrennt war, lässt sich jetzt mit den Schnittstellen und Abhängigkeiten  zeigen. Kaufmännische Azubis sehen dann, wie ihre Beschaffungsaspekte und die Logistik in die Produktion bzw. Leistungserstellung hinein wirken. Gewerblich-technische Azubis können dann einschätzen, welche kaufmännischen Voraussetzungen und Auswirkungen ihre Tätigkeit hat. Das Voneinander-Wissen bricht bisherige isolierte Wissens-Silos auf und hilft auf dem Weg zu hoch effizienten betrieblichen Prozessen. Damit ist die eingangs gestellte Frage, ob Unternehmen auch in Zukunft Mitarbeiter benötigen, die aus der Beruflichen Bildung kommen, klar mit „ja“ zu beantworten. Diese genannten anspruchsvollen Änderungen sichern auf der einen Seite die Zukunft der Beruflichen Bildung. Auf der anderen Seite gibt es auch eine Art Aufwärtsspirale der fachlichen Anforderungen: Die Azubis lernen mehr und sie lernen vernetzter. Die Illusion des einen Jobs bis zur Rente ist bei Jugendlichen heute ohnehin nicht mehr vorhanden. Die Herausforderung dieser meines Erachtens unabwendbaren Entwicklung liegt darin, Lernschwächere nicht abzuhängen
und das System der dualen Berufsausbildung „nach unten anschlussfähig machen“. Es kann ja nicht im Interesse der Gesellschaft sein, noch mehr als bisher
nicht formal qualifizierte Bildungsverlierer zu produzieren, die mit jedem konjunkturellen Abschwung als erste in die sozialen Sicherungssysteme entlassen
werden. Noch sind etwa 14 Prozent der Bevölkerung ohne eine abgeschlossene Ausbildung. Dieser Anteil muss deutlich reduziert werden, schon um den Betroffenen
auch im Abschwung und bei Änderungen von beruflichen Anforderungen eine Perspektive zu bieten. Wie können also diese Menschen so
qualifiziert werden, dass sie in der Lage sind, zunächst beispielweise eine zweijährige Ausbildung zu absolvieren? Darauf kann dann bruchlos und unter voller Anerkennung aufgesattelt werden. Ein ganzer Instrumentenkasten an Einstiegs- und Förderprogrammen steht schon jetzt bereit: Einstiegsqualifizierungen sind lange
Praktika, die zu einem Ausbildungsvertrag  führen sollen und dies oft auch tun. Teilqualifikationen führen Menschen oberhalb des klassischen Ausbildungsalters
Schritt für Schritt zur Externenprüfung in anerkannten Ausbildungsberufen. Unterstützungssysteme wie die assistierte Ausbildung und ausbildungsbegleitende
Hilfen stehen ebenfalls zur Verfügung. Die Erfahrung zeigt schon jetzt, dass viele früher lernschwächere Jugendliche im Verlauf der Ausbildung Tritt fassen und
sich dann weiterbilden.

Mehr erkennbare Struktur nötig
Die konsequente Fortentwicklung der Beruflichen Fortbildung, die seit einiger Zeit auch als Höhere Berufsbildung bezeichnet wird, steht an: Dabei muss analog zu den Bachelor- und Master-Abschlüssen der Hochschulen ein klares und transparentes System auch in den Begrifflichkeiten gefunden werden. Die Vorschläge der Bundesbildungsministerin weisen genau in diese Richtung: Spezialisten, Berufsbachelor und Berufsmaster ersetzen dann Begriffe, die zwar in den Unternehmen bestens etabliert und bekannt, aber für junge Berufstätige vergleichsweise weniger attraktiv sind. Der Ansatz, mehr erkennbare Struktur in die berufliche Fortbildung zu bringen, verdient volle Unterstützung. Allerdings muss im Detail abgewogen werden, ob der bewährte Meistertitel tatsächlich dem Berufsbachelor geopfert werden sollte. Für leistungsstarke Jugendliche kann die Berufliche Bildung durch Zusatzqualifikationen nach oben geöffnet werden. Im Sinne von bereits bewährten so genannten Abiturientenmodellen können dann Teile der Fortbildung schon während der Ausbildung erarbeitet werden. In einigen Berufen können das auch akkreditierte Hochschulmodule sein, die dann ein (berufsbegleitendes) Studium verkürzen. Damit kann die Berufliche Bildung in den Aus- und Fortbildungsaspekten mit der eingangs angesprochenen digitalen Beschleunigung Schritt halten. In der Summe geht es also darum, die aktuell erforderlichen Kompetenzen zu vermitteln und damit gleichzeitig
den Schulabgängern einen beruflichen Einstieg zu bieten, der alle Chancen der Weiterentwicklung bietet; und dies ohne Sackgassen und Umwege. Dabei muss
und wird die Berufliche Bildung schneller werden. Systemgrenzen zwischen Ausund Weiterbildung sowie zwischen Beruflicher Bildung und Akademischer Bildung
müssen mit klaren, guten Schnittstellen versehen werden. Die Berufliche Bildung wird dort Zukunft haben, wo sie mit den Erfordernissen der Wirtschaft Schritt
hält. Dort, wo sie im Status quo verharrt, wird es schwer.

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