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Weiterbildung: Auf dem Laufenden bleiben

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Foto: istockphoto.com/stellalevi
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Wir können nicht warten, hört man aus Unternehmen. Warten, bis angesichts der sich schnell ändernden Arbeitswelt wunschgemäß qualifizierter Nachwuchs Schule, Ausbildung oder Hochschule durchlaufen hat. Und man muss gar nicht mehr eigens darauf hinweisen, dass die Digitalisierung ein Treibsatz dieser Entwicklung ist: Weiterbildung für den Wandel ist unverzichtbar. Aber passiert ausreichend viel ausreichend schnell? Nicht leicht zu beurteilen bei einem so facettenreichen Thema.

Der Befund ist eindeutig: Fachwirte, Meister oder andere Weiterbildungsabschlüsse werden aktuell am häufigsten genannt, wenn man Unternehmen in Niedersachsen die Frage stellt, welche Qualifikationen sie gerade suchen. Das kam bei der Herbst-Konjunkturumfrage der niedersächsischen Industrie- und Handelskammern heraus. Im Zweijahresvergleich ist der Anteil der Nennungen noch einmal um zwei Prozentpunkte gestiegen. Damit sind die Weiterbildungsabschlüsse erstmals an der Dualen Berufsausbildung als meistgenannter Wunschqualifikation für neue Mitarbeiter vorbeigezogen.

Fachwirte und Industriemeister, die in der Frage konkret genannt wurden, sind Abschlüsse im Rahmen der so genannten Aufstiegsfortbildung. Sie bauen auf der Dualen Berufsbildung auf – wer Fachwirt oder Industriemeister werden will, muss vorher eine Ausbildung abgeschlossen haben. Daher spricht man auch vom System der Höheren Berufsbildung. Und was Absolventen der Aufstiegsfortbildung wissen oder können müssen, steht in den jeweiligen Prüfungsordnungen, an deren Entstehung beispielsweise das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), die zuständigen Ministerien, Fachverbände, Gewerkschaften und die Industrie- und Handelskammern beteiligt sind. Und außer den Fachwirten und Industriemeistern gibt es weitere vergleichbare Abschlüsse, die zu denen gehören, die von Unternehmen derzeit besonders häufig gesucht werden.

Aufstiegsfortbildung ist nur ein Teil des großen Bereichs Weiterbildung. Darüber hinaus gibt es eine Fülle weiterer Angebote vom Lehrgang bis zum Seminar – auch die sind wichtig, wenn es darum geht, dass Unternehmen und ihre Mitarbeiter auf dem Laufenden bleiben. Hier die streng reglementierte Aufstiegsfortbildung, dort Seminare in unterschiedlichster Form: Beides gehört zur Weiterbildung – der Begriff steht eben für verschiedenste Angebote und wird oft wenig trennscharf benutzt.

Noch ein Befund: Bei den Qualifikationen, die sich Unternehmen derzeit wünschen, werden heute – und das galt bereits für die gleichlautende Umfrage vor zwei Jahren – sowohl die Duale Berufsausbildung als auch die Weiterbildungsabschlüsse häufiger genannt als akademische Qualifikationen. Auch, als noch intensiv vor einem drohenden Ingenieurmangel gewarnt wurde, wies die IHK Hannover bereits darauf hin, dass ebenfalls oder sogar stärker noch im Bereich der Dualen Ausbildung und bei der Höheren Berufsbildung eine Lücke droht. Diese Prognose hat uns jetzt offenbar eingeholt.

Allerdings liegt das nicht unbedingt an einer zu geringen Weiterbildungsbereitschaft. Als die Bertelsmann-Stiftung vor einigen Wochen ihren Weiterbildungsatlas veröffentlichte, wurde aus den Zahlen schnell dieser Vorwurf herausgelesen. Allerdings stützt sich die Studie auf nicht ganz taufrische Werte und vergleicht im Bund und nach Bundesländern die Teilnahmequoten von 2015 mit 2014: Damals sagten 12,2 Prozent der Bevölkerung, sie hätten an Weiterbildungen teilgenommen – etwas mehr als im Jahr zuvor. Allerdings lässt sich angesichts des breit gefächerten Bereichs mit unterschiedlichsten Abschlüssen, Anbietern und Trägern kaum erfassen, welche Formen der Weiterbildung tatsächlich genutzt wurden.

Bei der Aufstiegsfortbildung jedenfalls ist die IHK Hannover mit der Entwicklung der Prüfungszahlen bei Fachwirten und Industriemeistern in den vergangenen Jahren zufrieden. Und das gilt noch mehr für die Ausbildereignung: Die AEVO-Prüfung gehört zwar nicht nicht zur Aufstiegsfortbildung, ist aber in der Regel Voraussetzung dafür und oft ein erster Schritt zur Weiterqualifikation; hier gab es in den vergangenen Jahren ein deutliches Plus. Auch im gewerblichen Bereich – also bei den Industriemeistern – verzeichnet die IHK eine stetige Zunahme. Und bei Fachwirten haben sich die Zahlen zumindest stabilisiert (Grafik oben). Unabhängig davon setzen sich aber die Industrie- und Handelskammern dafür ein, dass Industriemeister und Fachwirte bei der Förderung genauso gefördert werden wie Handwerksmeister.

Die Bertelsmann-Zahlen kann man, und so sind sie wohl auch gedacht, als „Wachrüttler“ verstehen. Dabei geht es weniger um die Frage, ob nun eine Weiterbildungsmüdigkeit festzustellen ist. Sondern eher darum, wovon Weiterbildung abhängt. Und da spielt der Wohnort offenbar eine wesentliche Rolle. In Niedersachsen insgesamt haben 2015 mit 11,4 Prozent etwas weniger Menschen als im Bundesdurchschnitt an einer Weiterbildung teilgenommen. Im Weiterbildungsatlas zeigt sich aber auch ein Nord-Süd-Gefälle, und Spitzenreiter ist Baden-Württemberg mit einer Teilnahmequote von 15,3 Prozent. Dagegen hätten im Saarland nur 7,8 Prozent der Menschen angegeben, im vergangenen Jahr an einer Weiterbildung teilgenommen zu haben. Zu häufig, so Stiftungsvorstand Jörg Dräger, entscheiden Wohnort und lokale Wirtschaftskraft darüber, ob sich jemand weiterbildet. Im Bereich der IHK Hannover lagen laut Studie die Landkreise Schaumburg und Hameln-Pyrmont unten, während die höchsten Teilnahmequoten in der Region Hannover und im Landkreis Northeim ermittelt wurden. Außerdem, auch darauf weist die Bertelsmann-Studie hin, bilden sich Geringqualifizierte selten weiter – und das, obwohl sie zumindest in der Theorie davon besonders profitieren könnten. Interessant am Bertelsmann-Weiterbildungsatlas ist aber auch das Konstrukt eines Weiterbildungspotenzials: Ausgehend von den wirtschaftlichen und soziostrukturellen Daten der verschiedenen Kreise und kreisfreien Städte haben die Forscher dabei berechnet, wie hoch die Weiterbildungsbeteiligung in einer Region im Deutschlandvergleich eigentlich sein müsste. Regionen, in denen die Menschen einen geringeren Bildungsstand haben und die Wirtschaftsstruktur schwächer ist, haben demnach ein geringeres Potenzial als jene mit vielen Akademikern und einer brummenden Wirtschaft. Das wird dann verglichen mit der tatsächlichen Weiterbildungsquote. Und danach bilden sich in Baden-Württemberg rund 20 Prozent mehr Menschen fort, als zu erwarten wäre. In Berlin aber bleibt die Weiterbildungsbeteiligung um 23 Prozent hinter den Möglichkeiten zurück. In Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise bilden sich im Bundesvergleich wenige Menschen weiter, doch das Bundesland schöpft sein Potenzial voll aus. Hamburg und Brandenburg hingegen bleiben recht deutlich hinter den Erwartungen. Professor Josef Schrader, Direktor des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung, das den Weiterbildungsatlas erarbeitete: „Wenn man in Rechnung stellt, was mit der jeweiligen Bevölkerung und Wirtschaftskraft möglich wäre, zeigt sich der ungenutzte Handlungsspielraum.“ Niedersachsen scheint sein Potenzial auszuschöpfen: Die Weiterbildungsbeteiligung entspricht laut Weiterbildungsatlas etwa dem, was nach Bildungsquote und Wirtschaftskraft zu erwarten wäre.

Aber mehr geht immer, wie das Beispiel des Spitzenreiters Baden-Württemberg zeigt. Um das zu ermöglichen, bietet die IHK Hannover ihren Mitgliedsunternehmen Unterstützung: Seit 2016 gibt es den Weiterbildungsfonds der IHK. Unter bestimmten, allerdings weit gefassten Voraussetzungen können Weiterbildungen für Mitarbeiter daraus gefördert werden. Und in Niedersachsen gibt es darüber hinaus eine ganze Reihe von Förderangeboten.

Foto: istockphoto.com/scyther5
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Da ist aber noch mehr in der Pipeline. Mitte Oktober hat der Bundestag in erster Lesung über das Qualifizierungschancengesetz debattiert. „Wenn sich Berufe langsamer ändern als die potenziellen Einsatzmöglichkeiten neuer Technologien, entscheidet die Qualifikation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in immer stärkerem Maße über Arbeitsmarkt- und Beschäftigungschancen“, heißt es zur Begründung des Gesetzes, was man so übersetzen könnte: Insbesondere getrieben von der Digitalisierung wandelt sich die Arbeitswelt so schnell, dass Arbeitnehmer nur mit Weiterbildung Schritt halten können. Das könnte künftig über das Gesetz mit staatlicher Unterstützung gehen. Allerdings sind die Einzelheiten noch umstritten. Dr. Ariane Reinhart, Personalvorstand bei Continental, meldete sich im Handelsblatt mit Kritik daran, dass nur Weiterbildungen gefördert werden sollen, die länger als vier Wochen dauern und außerhalb des Unternehmens stattfinden. Sie setzt dagegen auf Lernen im Betrieb als effizientere Möglichkeit. Auch Weiterbildungsträger haben sich in die Diskussion um das neue Gesetz eingeschaltet – Fortsetzung folgt.

„Lebenslanges Lernen ist der Schlüssel zu anhaltender Chancengerechtigkeit“, schreibt die Bertelsmann-Stiftung zum Weiterbildungsatlas. Das Thema jedenfalls ist in voller Breite angekommen.

Überblick über die Höhere Berufsbildung
Die Industrie- und Handelskammern haben auf der Grundlage des Berufsbildungsgesetzes für die berufliche Weiterbildung ein dreistufiges System der Höheren Berufsbildung (auch „Aufstiegsfortbildung“ genannt) konzipiert. Eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung bildet grundsätzlich die Basis für die Höhere Berufsbildung. In bestimmten Fällen eröffnen die  Prüfungsordnungen aber auch einen Quereinstieg. Absolventen mit einer kaufmännischen Ausbildung können sich zum/zur Fachwirt/-in oder Fachkaufmann/-kauffrau weiterbilden.

  • Fachwirte sind Generalisten. Sie kennen alle Aufgabengebiete einer Branche. Es gibt sie in fast allen Branchen der Wirtschaft, wie zum Beispiel Banken, Handel, Industrie, Versicherungen, Verkehr.
  • Fachkaufleute sind Spezialisten innerhalb eines besonderen Funktionsbereichs des Unternehmens, wie zum Beispiel Bilanzbuchhaltung, Personalwesen. Darauf aufbauend kann eine Fortbildung zum/zur Betriebswirt/-in (IHK) erfolgen.Fachkräfte mit einer gewerblich-technischen Ausbildung haben die Möglichkeit, sich zum/zur Meister/-in fortzubilden. Meister/-innen üben Leitungsfunktionen in fast allen technischen Produktionen aus und sorgen für den reibungslosen Ablauf innerhalb eines Betriebs.

Die Fortbildungsprüfung zum/zur Technischen Betriebswirt/-in ebnet Meistern/-innen den Weg, als technische Führungskraft die Nahtstelle zwischen Management und Produktion wahrzunehmen.

Der Technische Fachwirt bildet die Schnittstelle zwischen dem  kaufmännischen und dem technischen Unternehmensbereich.