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Ein Traum in Grün

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Die Keiko-Biofarm in Kagoshima. Foto: Markus Hastenpflug
Die Keiko-Biofarm in Kagoshima. Foto: Markus Hastenpflug
Anfang der 90er Jahre beginnt Markus Hastenpflug, grünen Tee aus Japan zu importieren. Heute hat Shimodozono International aus Diepholz mit der Marke Keiko einen festen Platz im Biohandel.

Markus Hastenpflug deckt mit ruhiger Hand eine Kyusu– ein japanisches Teekännchen – und zwei Keramikschalen auf den Besprechungstisch im Seminarraumseines Diepholzer Unternehmens Shimodozono International. Die Terrassentüren geben den Blick auf einen japanischen Garten frei. „Tee hat in der japanischen Kultur eine große Bedeutung. Treffen starten häufig mit einem grünen Tee, um die Gesprächspartner in Einklang zu bringen.“ Seit seiner Jugend interessiert sich der heute 55-jährige diplomierte Agraringenieurfür Tee. Besonders für grünen Tee, der in den 80erJahren aber kaum oder meist nur in minderwertiger Qualität in Deutschland erhältlich ist. Inzwischen hat sich der Teemarkt komplett verändert: Aktuell liegt das Verhältnis der Marktanteile von Schwarz- und Grüntee bei 73 zu 27.

Markus und Katharina Hastenpflug bei der Zubereitung von Matcha-Tee in ihrem Tee-Café. Foto: Barbara Dörmer
Markus und Katharina Hastenpflug bei der Zubereitung von Matcha-Tee in ihrem Tee-Café. Foto: Barbara Dörmer

Markus Hastenpflug hat diese Entwicklung mitgeprägt: 1991 fährt er, damals noch Produktmanager für Amaranth beim Biounternehmen Allos, zur Welternährungsmesse Anuga nach Köln, um sich über Trends im Lebensmittelhandel zu informieren. „Ich sollte nicht auf die Messe, weil mein damaliger Chef sagte, da gibt es kein Bio.“ Auf dem japanischen Gemeinschaftsstandtrifft er Hiroshi Shimodozono. Der Inhaber des Teeherstellers Shimodozono Co. Ltd. war aus dem südjapanischen Kagoshimaangereist, um herauszufinden, ob sich die Europäer für grünen Tee interessieren. „Ich war der erste auf der Messe, der nach grünem Tee gefragt hat. Herr Shimodozono war auf eine Verkostung gar nicht vorbereitet. Nach zehn Minuten kam er dann mit einer Schale Grüntee wieder.“ Hastenpflug ist beeindruckt von dem leuchtendgrünen Tee mit dem leicht grasigen Geschmack. Einige Tage später erhält er ein Paket mit Grüntee aus Japan – „in einer Qualität, die hier unbekannt war.“ Er überzeugt seinen Chef davon, grünen Tee aus Japan zu importieren und über die Vertriebswege von Allos zu verkaufen. Mit Erfolg: „In den Naturkostläden kam das Argument gut an, dass die Inhaltsstoffe beim grünen Tee noch gut erhalten sind.“

Ein japanischer Garten nach dem Vorbild des Ryoanji Gartens in Kyoto ist vor dem Firmenglände in Diepholz angelegt.
Ein japanischer Garten nach dem Vorbild des Ryoanji Gartens in Kyoto ist vor dem Firmengelände in Diepholz angelegt. Foto: Barbara Dörmer

1993 reist er mit seiner Frau Katharina nach Japan, um Hiroshi Shimodozono zu besuchen. Biotee ist im Land der aufgehenden Sonne unbekannt. Hastenpflug denkt: „Wenn wir Tee importieren, dann muss dieser bio sein.“ Die Männer kaufen einen zehn Hektar großen Teegarten eines befreundeten Bauern im Ruhestand. „Dann haben wir die Felder umgestellt und den ersten Tee nach EG-Bio-Richtlinie angebaut. Die ganze Teewelt in Japan war aufgebracht“, erinnert sich Hastenpflug. „Heute ist Kagoshima das zweitgrößte Anbaugebiet für Tee und das größte Zentrum für Bio-Anbau in Japan. Wenn ich jetzt in Japan auf eine Messe komme, kennt mich jeder.“ 1997 gründen Shimodozono und Hastenpflug die Shimodozono International GmbH und die Marke Keiko. Und überzeugen andere japanische Teebauern davon, auf Bioanbau umzusteigen.

Auf der Keiko-Biofarm werden heute 14 Teevarietäten angepflanzt und verarbeitet. Der Tee wird mit Netzen (Kabuse) beschattet, denn im Halbschatten bildet er mehr Theanin. Nach der Ernte werden die Blätter mit Wasser bedampft und getrocknet. Ergebnis des Prozesses: eine intensivgrüne Farbe, ein hoher Extraktgehalt des Teeaufgusses und ein weicher Geschmack. Danach werden die Tees unter Schutzatmosphäre abgepackt.

Mehr als 700 handgefertigte Matcha-Schalen aus allen Regionen Japans stehen in den Firmenräumen – darunter auch eine 1500 Jahre alte Grab-Beigabe.
Mehr als 700 handgefertigte Matcha-Schalen aus allen Regionen Japans stehen in den Firmenräumen – darunter auch eine 1500 Jahre alte Grab-Beigabe. Foto: Barbara Dörmer

Die Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 stellt Shimodozono International vor eine große Herausforderung. Die Kunden sind verunsichert, kaufen das KeikoTeelager leer. „Wir haben sofort angefangen, Analysen zu machen und im Internet zu veröffentlichen“, erinnert sich Hastenpflug. Die Verbraucher honorieren das. Bis heute untersucht das Unternehmen jährlich den Boden. „Die Analysen sind teuer. Aber im ganzen Anbaugebiet war und ist nichts drin.“

Einige Jahre später wird Matcha – auch durch Kochsendungen wie der des veganen Kochs Attila Hildmann – populär. „Matcha ist der Espresso vom japanischen Grüntee. Das von Blattstengeln befreite Blattgewebe – Tencha – wird fein vermahlen; man verwertet 100 Prozent der Inhaltsstoffe“, erklärt Hastenpflug. 2013 beginnt Hastenpflug, mit japanischen Mühlen Matcha herzustellen. „Wir sind europaweit der erste Betrieb, der Matcha frisch vermahlt“, so Hastenpflug stolz.

2017 hat Shimodozono International mit 17 festangestellten Mitarbeitern einen Umsatz von rund einer Million Euro erwirtschaftet. Neben 20 Sorten Grüntee und zwei japanischen Schwarztees führt das Unternehmen das europaweit größte Sortiment an japanischer Teekeramik. Und alles, was Teeliebhaberfür die Zubereitung benötigen. Vertrieben werdendie Produkte über den Teefachhandel, Feinkost- und Japangeschäfte und als private Labels. Rund 60 Prozent des Umsatzes werden im Einzelhandel erzielt, etwa ein Drittel im Großhandel – auch in Frankreich oder Belgien – und der Rest mit Endkunden im Versand. Im Tee-Café werden regelmäßig Teetastings angeboten. So auch am 4. November bei der „Herbstzeit“. Dann gehen die Hastenpflugs mit ihren Kunden ins Moor, um die anfliegenden Kraniche zu beobachten. „Letztes Jahr waren es 65 000“, freut sich Hastenpflug.

Mahlproben des feinen Matcha. Foto: Barbara Dörmer
Mahlproben des feinen Matcha. Foto: Barbara Dörmer