Start Unternehmen Dicht Dran Aus für die Cebit: Die Digitalisierung frisst ihre Kinder

Aus für die Cebit: Die Digitalisierung frisst ihre Kinder

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Es gab schon einen Termin, doch der ist jetzt hinfällig: Die Messe hat das Aus für die Cebit beschlossen.
Die Deutsche Messe AG hat das Aus für die Cebit bekannt gegeben. Die einstmals größte Computermesse der Welt wird eingestellt und bereits 2019 nicht mehr stattfinden. Die Cebit hat den Höhenflug der Branche begleitet und ist damit groß geworden. Jetzt ist die Digitalisierung allgegenwärtig und selbstverständlicher Teil des Alltags in jeder Hinsicht. Entsprechend werden die Digitalthemen der Cebit in der Hannover Messe weitergeführt.

Sie haben alles versucht. Die, wie heute bekannt wurde, letzte Cebit im Juni dieses Jahres brachte nochmal einen völlig neuen Ansatz, gegenüber dem bisherigen so disruptiv wie die Digitalisierung selbst: Nicht mehr nur als klassische Ausstellung plus Konferenzprogramm, sondern mit Unterhaltung und Show sollte die Cebit ihre Branche nach Hannover holen – flexibel zwischen Job und Freizeit pendelnd, hoch motiviert und kreativ arbeitend, einfach, weil man Spaß dabei hat, so stellten sich die Messemacher ihre Besucher vor. Die Cebit darf auch Spaß machen, schrieb eine große Computerzeitschrift. Als Ort, wo sich die Digitalisierung feiert. Bei der Eröffnung der Cebit in diesem Sommer hatte Wirtschaftsminister Peter Altmaier noch für die IT-Messe geworben: Sie sei ein Geschenk, das es zu bewahren und auszubauen gelte.

Am 28. November 2018 stand dann aber Historisches fest: Die Cebit wird das nächste Jahr nicht mehr erleben, es gibt keine zweite Veranstaltung in dieser neuen Form. Die zuletzt veröffentlichten Pläne – ein etwas geänderter Zuschnitt des Ausstellungskonzepts, vor allem aber wieder fünf volle Ausstellungstage nach lediglich dreieinhalb in diesem Jahr – sind Makulatur. Cebit-Chef und Messevorstand Oliver Frese, der sich beim Neuauftritt weit aus dem Fenster gelehnt hatte, muss Ende des Jahres gehen. „Ein großes Schritt ins Neuland“, titelte die Niedersächsische Wirtschaft noch im Juli nach der Premiere. Jetzt ist klar: Es war der letzte Schritt ins Niemandsland.

Nochmal die Fakten. In diesem Sommer kamen 120.000 Besucher. Davon waren aber nach Presseberichten vor einigen Wochen noch deutlich weniger in den Messehallten. 2800 Aussteller kamen nach Hannover. Weit entfernt von den legendären Höchstständen mit 800.000 Besuchern oder rund 8000 Ausstellern: Diese Zahlen, vor allem ausgelöst durch die Boomphase des PCs, als die neue Technik längst nicht mehr allein für Unternehmen, sondern auch für Privatleute interessant war, erwiesen sich als ständige Hypothek für die Cebit und ihre Macher. Sie konnten noch so oft betonen, dass es um solche Rekorde nicht geht, sondern um die Zufriedenheit von Besuchern und Ausstellern – in der Öffentlichkeit stand immer der Vergleich mit den Rekorden an erster Stelle. Dabei hatte die Messe in den Spitzenjahren mit der letztlich gescheiterten Cebit Home sogar versucht, die Besucherströme anders zu verteilen.

Das neue Konzept mit Showbühne unter dem Wahrzeichen eines Riesenrads stieß zwar auf viel Sympathie. Aber nach Medienberichten lag der Buchungsstand für 2019 bei einem Drittel gegenüber dem Vergleichszeitpunkt 2017. An dieser Stelle zog dann die Messe die Reißleine.

Frappierend ist aber doch, dass genau das, was die Cebit in ihren Spitzenzeiten zur größten und weltweit wichtigsten IT-Messe machte, auf der sich die Größten der Branche und Spitzenpolitiker aus aller Welt die Klinke in den Hand gaben, jetzt ihr Ende besiegelt: die Digitalisierung. Computer und Telekommunikation – das war einmal etwas für Spezialisten. Für die, denen schon die Einführung von Windows suspekt war, weil das technische Verständnis für den PC gleichzeitig mit dem Abschied von der DOS-Oberfläche verlorenging. Heute versteht jeder digitale Technik, und das meist intuitiv, soweit sie im Beruf oder im Privaten genutzt wird. Unter dieser dünnen Oberfläche beschäftigen sich im Wesentlichen Spezialisten damit. Aber wichtiger noch: Heute überrollt die Digitalisierung alles, sie ist omnipräsent, Teil nahezu jeder gesellschaftlichen Entwicklung und spiegelt sich damit nicht mehr in einer einzigen, darauf konzentrierten Messe wider. Auch Ministerpräsident Stephan Weil – dem Land Niedersachen gehört neben der Stadt Hannover die Deutsche Messe AG – betonte in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, der digitale Wandel finde inzwischen überall statt, auch auf allen anderen Messen. Vor einigen Jahren brachte Bundeskanzlerin Angela Merkel offenbar eher unabsichtlich ins Gespräch, die Cebit und die Hannover Messe wieder zusammenzuführen. Damals für die Messe überhaupt kein Thema. Mit der heutigen Entscheidung ist aber sehr wohl verbunden, die industrienahen Digitalthemen der Cebit in der Hannover Messe (aus der die Computerschau 1986 als eigenständige Veranstaltung hervorging) weiterzuführen. Für die übrigen Themenfelder der Cebit sollen, wie es heißt „inhaltlich spitze Fachveranstaltungen“ entwickelt werden, die sich gezielt an Entscheider ausgewählter Branchen richten.

Schade allerdings, dass damit eine Rolle, die der Cebit zugedacht war, zunächst jedenfalls nicht fortgeschrieben wird: Die nämlich als zentrale Plattform, auf der die Digitalisierung und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen diskutiert werden.

Cebit-Chef Oliver Frese bei der Abschluss-Pressekonferenz der Cebit 2018 - es wird die letzte sein.

Das Ende kommt als eigenständige Messe kommt für die Cebit nach 32 Jahre. 1986 hatten die Messevorstände Klaus E. Goehrmann und Hubert Lange gewagt, die werdende Computerschau aus dem Verbund der Industriemesse herauszulösen. Den Namen Cebit – eine Abkürzung, die neben Centrum in verschiedenen Zusammenstellung die Begriffe Büro, Informationstechnik und Telekommunikation umfasste – gibt es aber schon seit 1970. Damals standen Büromöbel oder Schreibmaschinen im Mittelpunkt. Die letzten Aussteller, die diesem traditionellen Bereich angehörten, verließen die Messe erst in den 90er Jahren. Damals brauchte man den Platz längst für andere Themen: Computer, Drucker und sonstige Peripheriegeräte (wie man früher sagte), Handys und Smartphone, später immer mehr Software und Dienstleistungen. Die eigenständige Cebit fand immer rund einen Monat vor ihrer Mutter, der heutigen Hannover Messe statt. Und zeitweise war sie auch größer – sowohl was die Zahlen, als auch was die Wahrnehmung angeht.

Nicht nur, dass die Eröffnung immer Sache des Bundeskanzlers oder der Bundeskanzlerin war: Als Eröffnungsprecher legendär wurde zum Beispiel Scott McNealy, damals Chef von Sun Microsystems, der nicht nur über die Krawattenträger beim Cebit-Auftakt spöttelte, sondern auch über weit verbreitete PC-Software aus Redmond/Washington. Steve Ballmer, seinerzeit Chef von Microsoft, war dann später in Hannover, ebenso wie die einstige HP-Chefin Carly Fiorina oder Ron Sommer. In diesem Jahr kam Ginni Rometti, die Frau an der Spitze von IBM – ein Unternehmen, das die Cebit über viele Jahr mit geprägt hat. Doch das sind alles Auftritte von gestern – wie die Cebit auch.