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Mut. Zu purer Kraft

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Pure Kraft: Die Weineck-Cobra von vorn.
In einem Familienunternehmen in Bad Gandersheim wird ein Sportwagen gebaut, der sich an einem klassischen Vorbild orientiert, aber bei der Leistung an die Grenzen geht. Ein Besuch in der Automanufaktur der Weinecks.
Lässt die Herzen von Fans US-amerikanischer Autos höher schlagen: Blick in die Weineck-Werkstatt.

Dass die beiden Poster schon länger in der Weineck-Werkstatt hängen, sieht man ihnen an. Eins zeigt alle Baureihen der Corvette. Und daneben das gleiche für den Ford Mustang. Beide sind Ikonen aus der Riege amerikanischer Sportwagen. Als Königin dieser Autos aber gilt vielen die Shelby Cobra – eine Kreuzung aus britischer Sportwagentradition und amerikanischem V8-Motor, entstanden Anfang der 60er Jahre.
Hier, in der Weineck-Werkstatt im Bad Gandersheimer Ortsteil Ackenhausen, stehen gleich fünf Cobras. Keine Shelby-Originale, sondern Weineck-Cobras. Eine, schwarz und vergleichsweise zahm, glänzt unmittelbar vor den beiden Postern. Eine andere jedoch, ebenfalls schwarz, aber mit den typischen weißen Rennstreifen, ist richtig giftig: „Genau 1282,7 PS“, stellt Christian Weineck nüchtern fest und blickt auf das Leistungsdiagramm des Motors. 16 Liter Hubraum kann eine Weineck-Cobra haben. Keine 1000 Kilo ist der Wagen schwer. Von null auf hundert in nicht einmal drei Sekunden. Im ersten Gang bis 160, im zweiten über 200. Furcht einflößende Werte. Vor vier Jahren wählte eine Automobilzeitschrift die Weineck-Cobra auf Platz 14 der 50 besten Sportwagen weltweit, verbunden mit dem Hinweis: „Nur für ganz Mutige.“

Die Brüder Benjamin (rechts) und Christian Weineck.

Das Auto fordert Respekt – immer

Ein Auto, das Mut erfordert? Oder sogar Angst macht? Das ist eine schwierige Sache – schon, weil die Weineck-Cobras eine Straßenzulassung haben. Die Straße aber ist kein Ort für Mutproben. Oder für Übermut. Also ist das richtige Wort: Respekt. „Man muss Respekt haben“, meint Benjamin, der jüngere der Weineck-Brüder. Immer. Und man merkt dem 30-Jährigen den Ernst an, mit dem er das sagt. Denn es ist nicht allein die Geschwindigkeit, sondern vielleicht mehr noch die schiere Kraft, die man bändigen muss.
Das ist Angelegenheit seines Bruders. Er fährt den Wagen, und er fährt ihn auch aus. Das Revier der Cobra ist dabei vorzugsweise eine Rennstrecke oder ein Flugplatz. Dort treffen sich ab und an Besitzer der rund 30 in Deutschland fahrenden Boliden aus Bad Gandersheim.

Kraftpaket: Der Motor der Weineck-Cobra. Foto: Insa Hagemann

Keine Chance für Fahranfänger

Vorzugsweise nicht an einem regnerischen Tag wie heute. Der Himmel ist grau über dem Bad Gandersheimer Ortsteil Ackenhausen. Kein Cobra-Wetter. Zwar hat der offene Sportwagen so etwas wie Druckknöpfe, an denen man ein Verdeck befestigen kann. Und Scheibenwischer, die aber eher Wischerchen sind. Also keine Chance auf eine Probefahrt unter tief hängenden Wolken. Auch nicht auf wenigstens eine Hörprobe des Weineck-Motors: Nur kurz zu laufen mag der genauso wenig wie die Cobra Regen.
Wer für rund 300 000 Euro eine Weineck-Cobra kauft, ist kein Fahranfänger. Darauf legen die Brüder wert. Sie wissen: Ihr Kunde – ja, es sind ausschließlich Männer – ist in der Regel bereits älter und hat Erfahrung, Autos auch jenseits der Leistungsklasse eines Ferraris zu bewegen. Und viele der künftigen Cobra-Halter bringen bereits eine Rennlizenz für den Motorsport mit nach Ackenhausen.

In Ackenhausen am Rande Bad Gandersheim wird die Weineck-Cobra gebaut. Foto: Insa Hagemann

Cobra-Nest am Ortsrand

Ianz am Ortsrand liegt die Werkstatt der Weinecks, in einem Gebäude, das früher vom Antennenhersteller Fuba genutzt wurde. Daneben weiden Schafe. Die Kulisse bildet der Höhenzug des Hebers mit dem etwas über 300 Meter messenden Mechtshäuser Berg: überregional eher wenig bekannt. Hierher führt der Weg aus, sagen wir, New York, wenn man sich eine Cobra bauen lassen will. Tatsächlich geht jetzt ein Wagen an den East River. Zwei oder vielleicht drei Autos entstehen hier pro Jahr, der weiteste Exportweg führte nach Malaysia.
Christian Weineck ist mit seinen 36 Jahren der Chef des kleinen Unternehmens, in dem außer seinem Bruder auch seine Schwester Nicole und sein Onkel arbeiten. Und der Chef begrüßt in Arbeitskluft, Harley-Davidson-T-Shirt und Latzhose: Wir sind nicht in der Welt automobiler Hochglanzkataloge. Hier geht es nicht um Schein, sondern um Leistung. Der Showroom ist die Werkstatt – und umgekehrt. Und nicht nur für Cobras. Hinter der Eingangstür schlängelt man sich an einem Ford Mercury vorbei weiter zu einem Dodge im schwarz-weißen Gewand der Highway Patrol. Ein himmelblauer Ford Fairlane steht neben einem VW Buggy. In einer Ecke ein De Tomaso Pantera, und auch die Autos der Wandposter fehlen nicht: Die riesige weiße Corvette in einer Ecke der Werkstatt und ein Mustang, an dem gerade gearbeitet wird. Und eine entkernte Mustang-Karosserie wartet darauf, im Winter wieder aufgebaut zu werden. Es riecht nach Benzin. „Das kommt, weil das alles hier Vergaser-Motoren sind“, sagt Christian Weineck. „Ich liebe das.“
Für die Kundengespräche gibt es eine Leder-Sitzecke. Ein Tresen, auf dem ein kleines Aquarium steht. Davor ein V8-Motor, „nur zusammengesteckt“, erklärt Benjamin Weineck, bloß Deko. Ins Auge fällt Spielzeug, und an der Wand säuberlich in ihren Verpackungen gestapelte Modellautos: Gehört alles dem Neffen der Weineck-Brüder. Auch die beiden tummelten sich von Kindesbeinen an in der Werkstatt ihres Vaters. Claus Weineck starb im Alter von 54 vor acht Jahren. Ein von Motoren Besessener – egal ob für schnelle Autos oder schnelle Boote. Früh, da war er höchstens 20, baute er einen Wagen um, der noch heute in der Bad Gandersheimer Werkstatt steht. Dass die Basis ein Ford Capri ist, sieht man nicht auf den ersten Blick. Das liegt weniger an der blauen Metallic-Speziallackierung und den Airbrush-Bildern auf den Türen. Sondern am Motor, der weit aus der Kühlerhaube ragt, und an den für die breiten Reifen enorm vergrößerten Radkästen. Benjamin Weineck schält sich aus dem Auto: „Da ist ein kompletter Käfig drin.“ Aus gutem Grund: Sein Bruder Christian schätzt den Motor auf 2000 PS.

Rund 600 davon liefert eine Lachgaseinspritzung – die blaue Druckflasche ist direkt hinter dem Feuerlöscher montiert. Kampfflugzeuge des 2. Weltkriegs nutzten diese Technik, um kurzfristig die Leistung zu steigern. Wenn die Cobra schon Mut, zumindest ständigen Respekt verlangt, was gehört dann dazu, sich in diesen Wagen zu zwängen? Gebaut für 400-Meter-Rennen. Mit anderen Worten: Ein Dragster für die Viertelmeile. Dessen Motor für Dauerbelastung standfest zu machen, war der Traum, den Claus Weineck nicht nur träumte: Es war der Ursprung des Cobra-Motors.
Heute kann man sich in Bad Gandersheim einen Motor wie aus dem Baukasten zusammenstellen. Nicht nur für die Cobra. Nach Wunsch 500 oder 700 oder über 1000 PS. Betrieben mit Super, Super plus oder Rennbenzin. Die Motorblöcke lassen sich die Weinecks in den USA gießen. Der Motor ist brachial, und er wirkt auch so, allein durch die breiten Schweißnähte. Die Karosserie aus einem speziellen Glas- und Kohlefaser-Verbundstoff entsteht in Handarbeit und stammt aus eigenen Formen. Mut zum eigenen Weg: Was Claus Weineck mit seinem Motorenherz begonnen hat, setzt seine Familie fort: Das hätte er auch so gewollt, sagt Benjamin, der Sohn.
Mut auch zu einem Weg gegen jeden Auto-Trend. Radio? Hört man sowieso nicht. Elektronische Hilfen? Kameras? Gar Digitalisierung? Pah – die Cobra aus Bad Gandersheim ist eine Fahrmaschine, sonst nichts. „Käfer-Technik“, sagen die Weinecks. Was locker einen Bogen schlägt in das 100 Kilometer entfernte Wolfsburg. Niedersachsen hat eben nicht nur den größten Autohersteller weltweit, sondern mit Weineck auch einen der kleinsten.