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Mut. Braucht man.

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Angst wäre ein schlechter Begleiter: Ein Taucher von Bitek steigt in einem Strömungsschutzrohr auf den Grund der Weser hinab, um einen Verdachtspunkt zu untersuchen. Auch in Flüssen lagern noch große Mengen Weltkriegsmunition. Foto: Bitek.
Angst wäre ein schlechter Begleiter: Ein Taucher von Bitek steigt in einem Strömungsschutzrohr auf den Grund der Weser hinab, um einen Verdachtspunkt zu untersuchen. Auch in Flüssen lagern noch große Mengen Weltkriegsmunition. Foto: Bitek
Bomben sind ein wesentlicher Teil des Geschäfts der Bitek Bergungsdienst GmbH aus Syke. Das Unternehmen sucht und findet Sprengkörper und bereitet sie zur Entschärfung vor. Und das nicht nur an Land, sondern auch in Meeren und Flüssen.

Die Sicht geht gegen Null. Unter Wasser. In der einen Hand eine Sonde, in der anderen ein Werkzeug zum Spülen oder Saugen des Schlicks, der mit jedem Schritt aufgewirbelt wird. Und das alles mit dem Wissen, hier in der Nähe liegt möglicherweise eine jahrzehntealte, stark verrostete Seemine, die bei einer falschen Berührung explodieren könnte. Zumindest haben Voruntersuchungen des Grunds ein Verdachtsobjekt angezeigt. „Ich würde mir das nicht zutrauen, dort runterzugehen“, sagt Carsten Caschera. Ohne Frage, hier ist Mut gefragt, auch wenn es der erfahrene Betriebsleiter der Bitek Bergungsdienst GmbH so nicht ausdrücken würde. Aber in so einem Fall gebe es schließlich immer ein Restrisiko. Eine seltene Situation, aber sie kommt vor im Alltag des Syker Unternehmens, das sich auf die Bergung von Kampfmitteln, sprich Bomben und Munition, spezialisiert hat. Zu Wasser und auch an Land. Bitek arbeitet eng mit dem Kampfmittelbeseitigungsdienst zusammen. Nur die Kollegen der Landeseinrichtung dürfen die Bomben entschärfen oder sprengen.

Überall wo gebaut wird, müssen Bauherren laut Gesetz nachweisen, dass auf ihrem Grund keine alte Bombe mehr liegt. Dann wertet der Kampfmittelbeseitigungsdienst zunächst Luftbilder aus. Ergeben sich mögliche Verdachtspunkte, kann Bitek damit beauftragt werden, die Fläche genauer zu untersuchen. Mithilfe von Sonden wird der Boden dann nach Metall durchsucht. Ergeben sich auffällige Stellen, die nicht etwa durch die Bodenbeschaffenheit zu erklären sind, wird gegraben. Bombenfunde sind dabei eher die Ausnahme. „Wir finden zu 80 Prozent Zivilschrott.“, sagt Dirk Wache. Deswegen würden sie auch immer mal wieder als „teuerste Schrottsammler des Landes“ bezeichnet.

Wenn Bitek etwa beim Bau großer Offshore-Windparks mit der Suche von Sprengkörpern beauftragt ist. kommen für die Auftraggeber schnell große Summen zusammen. „Allein die Miete für ein 50 Meter Arbeitsschiff mit Besatzung beläuft sich auf mehrere tausend Euro am Tag.“ Fast ein Dreivierteljahr hatte Bitek mit dem Park Nordergründe zu tun, für den auch die Trasse für das Stromkabel frei von Bomben sein muss. Es seien wohl an die 300 Verdachtspunkte gewesen, an denen sie auch vielfach fündig wurden, sagt Wache. Experten gehen davon aus, dass rund 1,3 Millionen Tonnen Sprengsätze allein am Grund der Nordsee vor sich hin rosten. Aber auch allein der logistische Aufwand sei bei einem solchen Einsatz hoch: Angefangen vom Mannschaftswechsel alle zwei Wochen bis zur Tatsache, dass offshore aufgrund der starken Strömung und Wetterverhältnisse meist nur ein bis drei Stunden einer Zwölfstundenschicht gearbeitet werden dürfe. Um hier effizienter arbeiten zu können, hat Bitek sogar ein Schiffsmodell entwickelt, das längere Einsätze ermöglichen soll – und es patentieren lassen. Für die Arbeit in Flüssen hat Bitek ein Strömungsschutzrohr entwickelt, das ein Abtreiben des Tauchers verhindert. Auch Roboter setzt Bitek ein. Mit Drohnen, die mit Sonden ausgestattet sind, laufen derzeit Erprobungen. „Der technische Fortschritt hat unsere Arbeit in den letzten Jahren an vielen Stellen erleichtert“, sagt Wache. Und da werde sicher noch einiges kommen. Denn die Arbeit wird ihnen nicht ausgehen. „Auch in den nächsten Jahrzehnten werden wir noch viele Bomben räumen müssen – es waren einfach sehr viele.“

Transportfähige Bomben ohne Zünder kann Bitek selbst bergen. Foto:
Transportfähige Bomben ohne Zünder kann Bitek selbst bergen. Foto:

Einsatzgebiet von der Nordsee bis zum Bodensee

Seit 1996 birgt das vom Tauchermeister Brian Coll gegründete Unternehmen Blindgänger aus dem Wasser. Zum Leistungsspektrum von Bitek, was übrigens aus Bau, Industrie, Tauchen, Erkunden und Kampfmittel zusammengesetzt ist, gehören neben der Kampfmittelräumung an Land auch Taucherarbeiten. Etwa die Hälfte des Umsatzes von 3,5 Mio. Euro im Jahr erwirtschaftet die Firma durch Aufträge im Wasser, 35 Prozent entfallen auf die Bergung an Land und die restlichen 15 Prozent auf das Bautauchen. Das Einsatzgebiet reicht von der Nordsee über Weser und Main bis zum Bodensee. Unter den 20 Mitarbeitern des Unternehmens sind fünf Berufstaucher, von denen drei auch die sogenannte Befähigung nach Paragraf 20 des Sprengstoffgesetzes besitzen. Sie haben in einem speziellen Lehrgang die Qualifikation als „Feuerwerker“ erworben. Sie und vier weitere Kollegen dürfen mit explosionsgefährdeten Stoffen arbeiten. Die übrigen Mitarbeiter übernehmen etwa Bautätigkeiten wie das Baggern oder führen die Sondenmessungen durch.

„Laut Arbeitsschutzgesetz machen wir ausschließlich ,gefährliche Arbeiten‘“, sagt Wache. Der 49-Jährige gelernte Kaufmann verantwortet als Geschäftsführer auch das vor mehr als zehn Jahren eingeführte Arbeitsschutz- und Qualitätsmanagement des Unternehmens. Bevor sein Team aktiv wird, analysiert er mögliche Gefährdungen. Zum Beispiel werden Pläne und Karten untersucht, Leitungsverläufe geprüft sowie Abläufe für Notfälle erstellt. Die Vorgaben hält Wache für richtig und sinnvoll. Als Geschäftsführer trägt er die Verantwortung. „Wenn ich weiß, dass meine Leute da unten sind, bin ich auch angespannt, bis der Einsatz vorbei ist.“ Damit muss man umgehen können. Deswegen habe er vor vier Jahren auch länger überlegt, ob er das Angebot seines Chefs annimmt, und mit in die Geschäftsführung einsteigt. Für ihn war es ein mutiger Schritt.

Dirk Wache und links neben ihm sein Betriebsleiter Carsten Caschera in einem Überwachungsbereich eines Tauchcontainers. Foto: Georg Thomas
Dirk Wache und links neben ihm sein Betriebsleiter Carsten Caschera in einem Überwachungsbereich eines Tauchcontainers. Foto: Georg Thomas