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Werben für Europa – Kanzlerin diskutiert bei Conti mit Jugendlichen

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Bürgerdialog bei Continental - Bundeskanzlerin Angela Merkel im Gespräch mit jungen Erwachsenen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel diskutierte bei Continental in Hannover mit jungen Menschen. Die rund 40 Teilnehmer kamen aus einem Europa-Projekt des Unternehmens.

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Eine Steilvorlage: „Ich kannte Europa nicht“, erzählt ein junger Mann der Bundeskanzlerin. Jedenfalls, bevor er von Continental nach Rumänien und Ungarn geschickt wurde. Alt sei alles dort, und schlimm, habe er gedacht, um dann festzustellen: Ist ja gar nicht so. Und jetzt kritisiert er, dass Europa zu wenig Präsenz habe. Auch in der Schule.

Angela Merkel nimmt die Vorlage auf: „Es geht nichts über hinfahren.“ Die Kanzlerin ist nach Hannover gekommen, um mit Jugendlichen über Europa zu sprechen. Nein, eigentlich: um für Europa zu werben. Dazu passt eins zu eins zu Experiencing Europe, einem Projekt, das Continental angeschoben hat. Ursprünglich hieß das We L.O.V.E. Europe, und Continental schickte darüber Arbeit suchende junge Leute zwischen 18 und 25 zweimal zwei Wochen zu Praktika an europäische Standorte. Dieser Initiative haben sich inzwischen weitere Unternehmen angeschlossen, der größte Continental-Aktionär Schaeffler beispielsweise, DHL oder Schmitz Cargobull oder Vapiano. Aber es sollen noch mehr werden. Da kann kaum etwas Besseres passieren als der Besuch der Bundeskanzlerin.

Merkel legt Wert darauf, mit den jungen Leuten direkt ins Gespräch zu kommen. Jetzt müssten die aber ran, befindet sie, nachdem die erste Frage noch vom Caritas-Verantwortlichen für das Projekt kam. Die Wohlfahrtsorganisation ist mit im Boot, Karl-Hans Kern ist Ansprechpartner für das Projekt und fragte, wie die Kanzlerin das Projekt denn einschätzt. Toll finde sie es, sagt Merkel. Und deshalb habe sie ja auch die Diskussion bei Continental zur Station der Bürgerdialog-Reihe gemacht, bei der zurzeit in ganz Europa Politiker auf Tuchfühlung mit der Bevölkerung gehen. Aber nun doch bitte die Fragen der Jugendlichen.

Viele drehen sich um den Lebensstandard in anderen europäischen Ländern. Ja, da müsse man ansetzen, den Versuch unternehmen, alle heranzuführen: „Wir wollen durch die europäische Unterstützung Hilfe geben, dass die anderen Länder aufholen können“, sagt die Kanzlerin staatsmännisch. Aber schließlich gebe es selbst in Deutschland Unterschiede. Aber dann sind da auch die gegenteiligen Erfahrungen: In Rumänien, sagt ein junger Mann, gebe es eine 4G-Netzabdeckung von 90 bis 95 Prozent. Ja, sagt Merkel, und vergleicht das Netzangebot in Köln und Düsseldorf mit ihrer Heimat, der Uckermark: „Manchmal denkt man, wir sind überall besser.“ Aber wenn man nach Estland blicke, was da in Sachen Digitalisierung so passiere …

Es ist bereits die zweite Frage des schlanken jungen Mannes, wie Merkel anmerkt. Und Moderator Daniel Bröckerhoff kurzerhand vorgibt, wen er jetzt drannehmen soll. Die Kanzlerin geht immer wieder auf die Jugendlichen zu, nicht nur im übertragenen Sinn, sondern auch tatsächlich. Dreht den Spieß um, fragt selbst nach: „Wo haben Sie gewohnt?“ Vor allem Sprachen sind ihr wichtig. Rumänisch? Ungarisch? „Sprachen, die man auf Anhieb versteht“, sagt Merkel augenzwinkernd.

Sprachbarrieren, auch ein Thema in Deutschland. Ein Sudanese, seit eineinhalb Jahren im Land, nutzt die Gelegenheit: Er habe Deutsch im Alltag gelernt, bei der Arbeit – kein passendes Sprachkurs-Angebot. Hätte er aber eigentlich bekommen müssen, sagt Merkel, wobei im Gespräch nicht ganz klar wird, an welcher Stelle des Anerkennungsverfahrens der Mann aus dem Sudan gerade steht. Sprachbarrieren eben.

Möglichst unbürokratische Hilfen für Azubis, wenn sie hunderte Kilometer von zu Hause entfernt eine Lehre machen. Oder wie wär’s mit einem kostenlosen ÖPNV-Ticket für Jugendliche im Studium oder in der Ausbildung? Auch das haben die Teilnehmer des Programms in anderen Ländern kennengelernt. Die Bundeskanzlerin nennt verschiedene Angebote, die es zum europäischen Austausch gibt: Erasmus und – für die Azubis – Erasmus plus, damit das nicht nur auf die Akademiker beschränkt sei. Den Plan für ein europaweites Interrail-Ticket für alle Jugendlichen. („Hat Conti gestellt“, kommt es von den Teilnehmern.) Sie weist auf die Bedeutung der Kulturhauptstädte hin – in Hannover, wo im Rathaus wenige Kilometer entfernt gerade die Bewerbung vorbereitet wird. Und wo der nächste Konkurrent im Hildesheim auch fast in Sichtweite ist. Aber über allem steht Merkels Europa-Credo: Keine Stereotype aufkommen lassen, Vorurteile abbauen, Länder und Leute kennenlernen, reden: „Man muss ins Gespräch kommen.“ Nichts geht über Hinfahren: „Ich bin total froh, in den Ländern gewesen zu sein“, sagt der junge Mann, der zuvor erklärte, Europa gar nicht gekannt zu haben.

Hinfahren, kennenlernen: Wie wichtig das ist, macht Merkel gleich zu Beginn der Veranstaltung mit eigenen Erfahrungen deutlich. Sie will Brücken schlagen zu den rund 40 jungen Leuten, berichtet von ihren eigenen Reisen, früher, im „sozialistischen Weltsystem.“ Paddeln in Masuren, freies Zelten in Ungarn. Und Tütensuppen, weil das Geld nach dem Zwangsumtausch für nichts anderes ausreichte. Westdevisen schmuggeln sei schwierig gewesen, der Zoll streng – und baut damit gleich noch eine andere Brücke, die zu ihrem Europa-Bild. In Bulgarien war damals die aus der DDR erreichbare Welt zu Ende, sie habe über die Grenze nach Griechenland geblickt, um eine Ahnung davon bekommen, wie es dort aussieht. Später wird Ariane Reinhart, die als Personalchefin von Continental das Europa-Projekt angestoßen hat, Merkel nach den europäischen Werten fragen. Freiheit, sagt die Kanzlerin als erstes: der Meinung, des Glaubens, der Wahl des Wohnsitzes.

Gleich danach: Demokratie. Die sei mehr als nur zur Wahl gehen, dazu gehöre auch eine unabhängige Justiz und eine freie Presse. Aber der Brexit mit dem knappen Ergebnis des Referendums habe gezeigt, wie wichtig jede Stimme bei einer Wahl sei, und greift einen geflüsterten Satz von Ariane Reinhart auf: „Die erste Pflicht.“

Die Continental-Managerin hatte Experiencing Europa im vergangenen Jahr mit deutlich politischen Untertönen auf die Spur gebracht: Wenn Europa anfängt zu bröckeln, sagte sie, sei es eine Herzensangelegentheit, dagegen etwas zu tun. Und, so steht es in der ursprünglichen Broschüre zum Projekt, „führen rechtspopulistische Tendenzen innerhalb der Länder zur Abschottung von Kulturen und Isolation von Menschen.“ Kurz gesagt: Ein internationales Unternehmen wie Continental mit über 240.000 Mitarbeitern weltweit braucht Offenheit. Und Nachwuchs: Auch dazu dient das Programm. Continental will Studienabbrecher oder Geflüchtete ansprechen. Und auch Arbeitssuchende: So ist Experiencing Europe vor einem Jahr entstanden, über 60 junge Leute haben Praktika gemacht. Fast 200 warten noch.

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Klaus Pohlmann

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