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Industrie 4.0 – Feststellungen zur Digitalisierung

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Digitalisierung mit Spaß: Digitalstaatssekretär Stefan Muhle, Wirtschaftsminister Dr. Bernd Althusmann, IHK-Chef Dr. Horst Schrage und Dr. Andreas Sennheiser (v.l.) beim Praxisforum. Foto: Klaus Pohlmann
Die Anfänge waren tastend, als 2011 der Begriff Industrie 4.0 geboren wurde: Was ist damit gemeint? Was gehört dazu? Nach sieben Jahren haben sich Trends und grundsätzliche Entwicklungen herauskristallisiert. Das zeigte sich auch beim Praxisforum der IHK. Aber Definitionen gibt es nicht. Und das ist auch gut so.

Klar umrissen ist weder, was der Begriff Industrie 4.0, der 2011 in Hannover in die Welt gesetzt wurde, genau umfasst. Noch steht fest, wohin die digitale Transformation schließlich führt. Gerade diese Offenheit ist aber entscheidend: Jeder muss sich mit Industrie 4.0, mit der Digitalisierung auseinandersetzen. Das war beim Praxisforum Industrie 4.0, das die IHK Hannover gemeinsam mit Partnern im August beim Audiospezialisten Sennheiser in der Wedemark veranstaltete, immer wieder zu hören. Niemand kann sich entziehen. Aber bei aller Offenheit des Begriffs: Jede Veranstaltung, jede neue Studie festigt derzeit einige grundlegende Trends. Was beim Praxisforum deutlich wurde, stellen wir hier fest.

Feststellung Nr. 1: Industrie 4.0 ist ansteckend.

Was mit einzelnen, vielleicht isolierten Projekten anfängt, dehnt sich schnell aus. Und Wucht entsteht so richtig erst dann, wenn Digitalisierung auf das ganze Unternehmen ausgeweitet und alles vernetzt wird. „Verheiratet“, sagte Sören Adam aus der Geschäftsleitung der Rehm Dichtungen Ehlers GmbH in Peine. Er stellte beim Praxisforum ein Projekt vor, bei dem eine Wasserstrahlschneideanlage, auf der Gummidichtungen hergestellt werden, mit Sensoren nachgerüstet wurde, um überhaupt Produktionsdaten gewinnen zu können. Retrofit nennt man das: Ältere Maschinen für die Digitalisierung tauglich machen. Mit im Boot bei diesem Projekt war das Industrie 4.0-Kompetenzzentrum, das auch beim IHK-Praxisforum als Partner dabei war. Die Daten zeigten, dass die tatsächliche Auslastung der Maschine weit geringer war als die bislang gefühlte. Die Analyse der Daten erlaubt jetzt die Optimierung. Aber das Projekt dehnt sich aus: Künftig sollen nicht nur alle Maschinen Daten liefern – sie sollen auch mit dem Warenwirtschaftssystem vernetzt werden. Problem nur im Mittelstand: Wer soll’s machen? Ziel: So schnell wie möglich, sagte Sören Adam. Aber es geht nur Schritt für Schritt. Nicht ohne Grund hatte IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Horst Schrage zu Beginn des Praxisforums auf die Fachkräfteproblematik hingewiesen und da Unterstützung gefordert.

Sören Adam beim Praxisforum Industrie 4.0. Foto: Klaus Pohlmann

Feststellung Nr. 2: Industrie 4.0 ist nicht in erster Linie eine Frage der Technik, sondern der Köpfe.

Brainware statt Hardware, brachte es zum Beispiel Wolfgang Bülow von der Lüneburger Bionic Production AG, einem Spezialisten für 3D-Druck insbesondere mit Titan als Werkstoff, beim Praxisforum auf den Punkt. Das gilt für die Führungsebene genauso wie für die Mitarbeiter. Wie man die mitnimmt, wurde beim Praxisforum diskutiert: Datensammeln in der Produktion bedeutet, dass auch die menschliche Arbeit transparenter wird. Im Gegenzug, so die Erfahrung von Rehm-Geschäftsführer Sören Adam, müsse es für die Mitarbeiter immer auch einen persönlichen Vorteil geben – wenn etwa zunehmender Transparenz klare Arbeitserleichterungen gegenüberstehen. Dann fielen, so Rehm, in den meisten Fällen Vorbehalte weg. Wie Innovation ein Unternehmen insgesamt prägt, zeigte der Gastgeber des Praxisforums, Dr. Andreas Sennheiser: Er sprach vom Forscher-Gen, das sein Großvater und dessen Mitstreiter ins Unternehmen gepflanzt hätten, das jetzt in dritter Generation den Audiospezialisten antreibt. Und das auch durch die Digitalisierung getragen hat: Denn die hat Sennheiser früh erfasst. Und bis auf den Unternehmenskern – vereinfacht gesagt: Hören als Erlebnis – das ganze Unternehmen verändert, sagt Andreas Sennheiser – bis in die Kundenkommunikation über Soziale Netzwerke.

Dr. Andreas Sennheiser. Foto: Klaus Pohlmann

Feststellung Nr. 3: Industrie 4.0 zielt auf Geschäftsmodelle.

Und deutlicher als Wolfgang Bülow kann man das kaum machen. Was der Bionic-Production-Chef, sagte, lässt sich so zusammenfassen: Wenn man versucht, bislang durch andere Verfahren hergestellte Bauteile einfach nur unverändert zu drucken, bringt das nichts, auch angesichts der noch vorhandenen technischen Grenzen, Aber das wird sich ändern, 3D-Druck wird billiger werden, wobei der Wettbewerbsdruck aus den USA kommt. Und umso mehr gilt dann: Man muss neu denken – die neue, digitale Technik ermöglicht völlig neue Bauteile, leichter, völlig anders geformt, mit ergänzenden Funktionen. Bülows Firma setzt dabei auf Vorbilder aus der Natur, deshalb auch der Name Bionic Production. Entstanden ist so beispielsweise ein Bremssattel für ein Luxusauto, der nur etwas mehr als halb so schwer ist wie der Vorgänger. Schon das kann man disruptiv nennen. Aber mehr noch: Bülow berichtete, dass sich Paketdienste für 3D-Druck interessieren. Warum Teile über weite Strecken versenden, wenn man sie in der Nähe des Empfängers ausdrucken kann und nur noch über die letzten Meilen oder Kilometer versenden muss?

Wolfgang Bülow. Foto: Klaus Pohlmann

Feststellung Nr. 4: Hannover liegt mitten in einer Top-Region der Digitalisierung der Industrie.

Gemeint ist das Netzwerk von Unternehmen, Forschung und Fördereinrichtungen. Betont wird das eher selten. Aber im nördlichen Teil Deutschlands soll die Zurückhaltung ja zum Naturell gehören. Dr. Dominik Rohrmus vom Labs Network Industrie 4.0 e.V. (LNI) in Berlin blickt mit bundesweiter Perspektive von außen auf die Region. Und er sagt: Der Korridor von Bielefeld nach Hannover und von dort weiter in Richtung Braunschweig und Wolfsburg (wobei wir Göttingen nicht vergessen sollten), gehört zu den Top-Regionen Deutschlands bei der Digitalisierung. Rohrmus war eigens zum Praxisforum Industrie 4.0 der IHK und ihrer Partner angereist, weil er von der Stärke der Region und dem Netzwerkcharakter der Veranstaltung, die inzwischen zum dritten Mal standfand, überzeugt ist: „Labs Network Industrie 4.0 ist ein vorwettbewerblicher Netzwerkverein für kleine und mittlere Unternehmen. Gerade die IHK Hannover und das Kompetenzzentrum 4.0 in Hannover bilden einen Industrie-4.0-Schmelztiegel – ein Geschenk für mittelständische Unternehmen und eine der ersten Adressen für LNI und ihre Mitglieder.“

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