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Die Zukunft ist digital. Das ist einfach. Aber wie kommt man dort hin? Und wie geht man die Digitalisierung richtig an? Wo stehen wir? Das Land hat einen Masterplan Digitalisierung angekündigt. Viele Unternehmen klagen, dass ihnen Zeit und Geld für das Entwickeln digitaler Geschäfte fehlt. Und was aus Sicht der Wirtschaft zu tun ist, haben die niedersächsischen Kammern in einem Positionspapier festgehalten.

Keine Zeit für die Digitalisierung: Fast ein Drittel der befragten Unternehmerinnen und Unternehmer sagte in einer aktuellen Umfrage des IT-Branchenverbands Bitkom, dass ihnen die Zeit fehlt, um sich mit neuen Technologien zu befassen. Auch aufgrund der guten Geschäftslage konzentrieren sich die Unternehmen auf ihr Alltagsgeschäft.

Doch die Geschwindigkeit ist ein entscheidender Faktor bei der Digitalisierung, die sich sprunghaft und nicht gleichförmig entwickelt. „Wer spät anfängt, hat also eine extrem steile Kurve vor sich“, warnte Bitkom-Präsident Achim Berg bei der Eröffnung der Cebit in Hannover Mitte Juni. „Irgendwann ist es zu spät.“ Das Geschäft von morgen müsse gerade jetzt in der Phase der wirtschaftlichen Hochkonjunktur vorbereitet werden.

Bei vielen Unternehmen ist diese Erkenntnis bereits angekommen: So zeigten sich die meisten in der Bitkom-Befragung sehr offen gegenüber der Digitalisierung. Auch die Zahl der Firmen, die eine Digitalstrategie verfolgt, ist innerhalb eines Jahres zumindest auf 37 Prozent angewachsen. Doch gleichzeitig sehen sich die meisten der 604 Befragten als Nachzügler in Sachen Digitalisierung (58 %) und nur 35 Prozent sehen sich als Vorreiter. Die eigene Einschätzung fällt also eher schlecht aus.

Wo stehen wir in Sachen Digitalisierung?
Das Bundeswirtschaftsministerium sieht in seinem jährlichen Bericht „Wirtschaft Digital“ deutliche Fortschritte bei der Digitalisierung der Industrie. Gleichzeitig verharrt der „Wirtschaftsindex Digital“, der den Digitalisierungsgrad der deutschen Wirtschaft ausdrückt, bei 54 von 100 möglichen Punkten. Der Index ermittelt anhand der Felder: Nutzung digitaler Geräte, Stand der unternehmensinternen Digitalisierung sowie Auswirkungen der Digitalisierung auf die Firmen den Digitalisierungsgrad.

Immerhin ein knappes Drittel der Unternehmen in Deutschland stuft der Bericht aufgrund ihres Digitalisierungsgrads als „digital Fortgeschrittene“ ein. Noch etwas größer ist die Gruppe im „digitalen Mittelfeld“ mit rund 34 Prozent. Und mehr als ein Viertel der Unternehmen tut sich mit der Digitalisierung nach wie vor schwer: 19 Prozent sind „digitale Anfänger“ und knapp acht Prozent der Firmen „digitale Nachzügler“.

Ein hoher Digitalisierungsgrad eines Dienstleistungsunternehmens lässt darauf schließen, dass es bereits auf Cloud Computing und Big Data setzt – zumindest sind es die Technologien, die den Digitalisierungsgrad einer Firma am stärksten befördern. Das Internet der Dinge ist in der Industrie ein wichtiger Maßstab, der Einfluss auf Digitalisierungsgrad hat.

Der Bericht des Wirtschaftsministeriums ermittelt auch, welche Technologien bereits eingesetzt werden: Cloud-basierte Dienste etwa nutzen bereits fast die Hälfte aller Unternehmen, während nur neun Prozent auf Big Data setzen. 17 Prozent der Industriebetriebe digitalisieren im Feld Robotik & Sensorik, zehn Prozent setzen 3D-Druck ein.

Wichtig ist, dass nicht nur interne Verfahren digitalisiert werden. „Wer ausschließlich die Personalabteilung oder den Einkauf digitalisiert, der macht zwar einen wichtigen Schritt, schafft aber Technologiebrüche in seiner Prozesslandschaft und lässt Digitalpotenziale ungenutzt“, sagt Bitkom-Präsident Berg. Aber es wird in Zukunft nicht mehr ausreichen, wenn sich durch Investitionen in digitale Projekte Effizienzgewinne ergeben und die Kosten gesenkt werden können. Wenn die Unternehmen den Wandel nicht verschlafen wollen, müssen sie auch ihre Geschäftsmodelle in den Blick nehmen und neu denken.

Mehr Digitalstrategien
Es macht Hoffnung, dass die Zahl der Unternehmen steigt, die für sich eine Digitalstrategie erarbeitet haben. Die Firmen sind aktiv: Was nicht mehr ins digitale Zeitalter passt, verschwindet oder wird überarbeitet. Und immerhin kennt inzwischen jedes zweite Unternehmen das Plattform-Modell, das ganze Branchen wie Hotellerie, Handel sowie Musik- und Filmindustrie nachhaltig verändert hat. Gut zwei Drittel der Firmen nutzen die Plattformen in irgendeiner Weise für sich. HRS, Trivago und booking.com, drei Beispiele aus dem Reisesegment, sorgen für neue Rahmenbedingungen, zum Beispiel für eine hohe Preistransparenz, mitunter aber auch für schnelle, direkte Geschäftsabschlüsse. Schade nur, dass solche Plattformen in der Regel aus anderen Ländern stammen, wie auch Bundeswirtschaftsminister Dr. Peter Altmaier bei der Cebit-Eröffnung anmerkte.

Plattformen, der Boom bewegter Bilder, aufwendigere Internetseiten und neue Technologien sorgen dafür, dass für das eigene Geschäft die Anbindung ans Internet eine entscheidende Rolle spielt. Sie muss verlässlich und schnell sein.

Es sind zwei wesentliche Elemente, die die Digitalisierung in den Unternehmen vorantreiben. Zum einen die Vernetzung von Menschen und Maschinen sowie von Dingen untereinander. Dies erlaubt eine fast grenzenlose Verbindung von Prozessen in Unternehmen sowie neue Formen der Integration von Kunden in Unternehmensabläufe. Zum anderen die Virtualisierung, also die Fähigkeit, Prozesse und Produkte datenbasiert zu beschreiben. Gerade hierin liegt vor allem für Industrieunternehmen das eigentliche disruptive Potenzial der Digitalisierung. Produkte und Prozesse werden als Datenpakete abgebildet und können nahezu unbeschränkt verbreitet werden. Simulationen ersetzen aufwendige Testreihen und können ganze Prozessketten zielgerichtet optimieren. Die industrielle Produktion auch von Kleinstserien bis hin zu Einzelanfertigungen wird möglich. Dies berührt direkt die Wettbewerbsposition vieler mittelständischer Industriebetriebe, die stark sind bei Spezialanfertigungen nach individuellem Kundenwunsch. Die hohe Dynamik solcher Entwicklungen setzt die Unternehmen unter erheblichen Innovations- und Investitionsdruck.

Es reicht nicht aus, die Personalabteilung zu digitalisieren: Bitkom-Präsident Achim Berg ermunterte bei der Eröffnung der Cebit die Unternehmen die Digitalisierung nun offensiv anzugehen.
Es reicht nicht aus, die Personalabteilung zu digitalisieren: Bitkom-Präsident Achim Berg ermunterte bei der Eröffnung der Cebit die Unternehmen die Digitalisierung nun offensiv anzugehen. Foto: Deutsche Messe

Digitale Denker gesucht
Unternehmen, die eher zu den digitalen Nachzüglern gehören, sorgen sich weniger um den langsamen Breitbandausbau als um ihr fehlendes Digitalisierungs-Knowhow. Ihnen fehlen die Ideen und das Wissen, um die Digitalisierung voranzubringen. Wie sollen sie ohne Fachleute den digitalen Wandel gestalten oder neue digitale Ideen entwickeln?

Immer mehr Firmen suchen Experten für künstliche Intelligenz, 3D-Druck oder Robotik. Gegenüber dem Vorjahr verdoppelte sich in den ersten drei Monaten des Jahres die Zahl der Stellenanzeigen, in denen digitale Fachkräfte gesucht werden, wie das Handelsblatt in seinem digitalen Job-Monitor ermittelt hat. Es bleibt nur die Frage, ob überhaupt genügend Menschen mit diesem Wissen auf dem Arbeitsmarkt sind. Somit dürften es insbesondere kleinere Mittelständler schwer haben, digitale Denker von sich zu überzeugen. Und dabei ist dort mutmaßlich der Bedarf am größten. In einer Studie des Softwareanbieters Oracle benannten knapp drei Viertel der befragten Unternehmen den Fachkräftemangel als größtes Hindernis auf dem Weg in die Digitalisierung. Neben der Gewinnung neuen Personals beansprucht es die Unternehmen zudem, ihre Mitarbeiterschaft für die digitalen Veränderungen zu begeistern. Wenn Beschäftigte die Worte Industrie 4.0 oder Digitalisierung hören, fürchten viele allein um ihre Arbeitsplätze, anstatt das Neue positiv zu sehen. Es gibt aber auch Beispiele, in denen es anders läuft: Die VHV Versicherung beispielsweise führt in diesem Jahr eine neue Schadenssoftware ein und schult alle Mitarbeiter im betroffenen Bereich. Da während der Schulung die tägliche Arbeit liegen bleibt, wird für diese Phase das Personal um etwa zehn Prozent aufgestockt. So gehen die Mitarbeiter mit einer ganz anderen Motivation an das neue Projekt heran, mit dem die Versicherung wieder ein Stück ihrer Digitalstrategie umsetzt.

Digitale Studienangebote kommen
Viele Hochschulen haben den wachsenden Bedarf an digital versierten Fachkräften bereits erkannt. So hat die Leibniz-Fachhochschule Hannover Anfang des Jahres den neuen dualen Studiengang Embedded Automation Design gestartet. Ziel ist es, Fachkräfte auszubilden, die sich im digitalen Zeitalter nicht mehr von früheren Grenzen zwischen Produktionstechnik und Produkt aufhalten lassen. Das neue Angebot entstand in enger Kooperation mit Continental. Die Göttinger PFH bietet ab Herbst den neuen Studienschwerpunkt „Digital Business“ in ihrem BWL-Studiengang „Business Administration“ an.

Schulen brauchen Unterstützung
Die digitale Ausbildung des Nachwuchses beginnt allerdings früher, bereits in den Schulen. Aus Sicht vieler Unternehmen sind die Schulen bislang nur in den seltensten Fällen so ausgestattet und aufgestellt, dass sie das Interesse der jungen Generation an technisch-mathematischen Denken wecken können. In zum Teil jahrzehntelang nicht sanierten Gebäuden sollen die Pädagogen digitales Denken lehren. Selbst wenn in die technische Ausstattung bereits investiert wurde, gibt es selten das Personal, das sich kümmert, wenn einmal etwas nicht funktioniert. Die Berufsschulen sollten insgesamt stärker auf die Ausbildung in MINT-Fächern und auf IT-Themen ausgerichtet werden, um den Bedarf an Fachkräften in Zukunft decken zu können. Zudem müssen die Lehrer gezielt weitergebildet werden, um die digitale Transformation begleiten zu können. Die Schulen benötigen eine leistungsfähige Internetanbindung, intelligente Produktionstechnik, WLAN und Cloud-Lösungen, um ihre Schüler mit modernen Arbeitsprozessen vertraut zu machen. Trotz aller Anstrengungen in Schulen und Hochschule ist absehbar, dass es noch längere Zeit einen Mangel an digitalen Experten in Deutschland geben wird. Somit wird wohl auch die Digitalisierung weiterhin nur langsam vorankommen, aber vielleicht braucht es dazu auch zunächst eine positive Betrachtung der Lage.

Digitale Unterstützung: Der auf der Cebit präsentierte Roboter ARMAR-6 vom Karlsruher Institut für Technologie erfasst Situationen und hilft, zum Beispiel indem er seinem menschlichen Kollegen ein Putzmittel anreicht.
Digitale Unterstützung: Der auf der Cebit präsentierte Roboter ARMAR-6 vom Karlsruher Institut für Technologie erfasst Situationen und hilft, zum Beispiel indem er seinem menschlichen Kollegen ein Putzmittel anreicht. Foto: Marie Stach

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Georg Thomas

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