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Pilosith: Aus Liebe zu Lehm

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Aus den Fehlbränden der Jacobi Tonwerke produziert Dieter Brauch Lehmputze. Foto: Insa Hagemann
Aus den Fehlbränden der Jacobi Tonwerke produziert Dieter Brauch Lehmputze. Foto: Insa Hagemann

Dieter Brauch hing seinen Job in der Betonbaubranche an den Nagel und gründete die Pilosith GmbH in Parensen bei Nörten-Hardenberg. Seit zwölf Jahren produziert der 58-jährige Unternehmer Lehmbauprodukte wie Putze und Farben.

Lehm ist Ton, Schluff und Sand“, erklärt Dieter Brauch beim Gang über das weitläufige Gelände der alten Ziegelei am Ortsende von Parensen nahe Nörten-Hardenberg. Der Geschäftsführer der Pilosith GmbH zeigt auf eine Lehmgrube, die sich über die Jahre mit Grundwasser gefüllt und zu einem kleinen Biotop für Pflanzen und Tiere entwickelt hat. „Hier gab es mergeligen, also kalkhaltigen Ton, den man für Dachziegel nicht verwenden konnte.“ Das prächtige, rot-weiße Firmengebäude der Ziegelei, Baujahr 1900, dominiert nach wie vor das Gelände, ebenso meterhohe Berge aus Sand und Ziegeln. Ein Baggerfahrer bewegt auf dem ansonsten menschenleeren Gelände mit einem Radlader Sand von A nach B. Eine Hochleistungs-Gesteinsmühle mahlt geräuschvoll Tonziegelmehl. Zwei Logos hängen an den Zäunen, die das Areal abgrenzen: Dispo und Pilosith. Die Firmen, die das Interesse an den Naturstoffen eint, sind eng miteinander verbunden. „Pilos ist griechisch für Lehm, lithos für Stein“, sagt Dieter Brauch und greift in die Erde, um zu zeigen, was das Gelände ausmacht: Erde mit einem hohen Anteil an Lehm und Ton. 1999 hatte der heute 58-jährige Unternehmer – zu dieser Zeit noch Vertriebsleiter beim Göttinger Massiv-Fertighausanbieter Selbstbau GmbH & Co. – ein Erlebnis, das sein Leben veränderte: „Damals wollte sich ein Kunde aus einem Massivhaus-Bausatz in drei Monaten ein Lehmbauhaus bauen. Ich dachte, das kann nicht sein. Ich bin dann dahin gefahren und habe das Haus betreten. Da hat sich mein Leben geändert. Von meiner Oma kannte ich noch das Raumklima im Fachwerkhaus.

Ich kam in den Neubau rein und merkte: Das ist ein tolles Raumklima.“ Der studierte Sozialwissenschaftler kündigte seinen Job und begann als Handelsvertreter bei einem Magdeburger Spezialunternehmen für Strohlehme zu arbeiten. Als die Firma nach einer Umstrukturierung insolvent ging, beschloss Brauch, sich selbstständig zu machen. 2006 gründete er Pilosith und verschrieb sich dem ökologischen Bauen mit trockenen Lehmbaustoffen. Zur Produktpalette gehören schwerpunktmäßig Lehmputze, Lehmwandplatten, Lehmsteine, Lehm-Dämmstoffe und Lehmfarben. „Wir arbeiten nur mit Naturstoffen“, so Brauch. Die Produkte – insbesondere Lehmputz aus Parensen – wurden unter anderem im Berliner Naturkundemuseum, in der Bötjerschen Scheune in Worpswede, im Tabalugahaus in Duderstadt, im Günter-Grass-Archiv in Göttingen und in der Universität von Palma de Mallorca verarbeitet. Für das Produktionsverfahren des Lehmputzes „UP 40“ wurde Pilosith 2008 mit dem Innovationspreis des Landkreises Göttingen ausgezeichnet. Bei dem Verfahren wird gebrannter Ton aus Ziegeln in den Lehm hineingearbeitet. Dadurch entsteht ein trockener, rein mineralischer Lehmputz, der auch für Normalverbraucher erschwinglich ist und unbegrenzt gelagert werden kann. Der Putz kann in großen Silos auf Baustellen geliefert und mit jeder Putzmaschine aufgetragen werden.

Produktion von Lehmputz in Parensen. Foto: Insa Hagemann
Produktion von Lehmputz in Parensen. Foto: Insa Hagemann

Pilosith-Lehmputze werden zu 50 Prozent in Altbauten und zu 50 Prozent in Neubauten verputzt. 2017 hat das Unternehmen mit drei festangestellten Mitarbeitern einen Umsatz von 500 000 Euro erwirtschaftet. Etwa 90 bis 95 Prozent davon wird in Deutschland erzielt. Fünf Handelsvertreter übernehmen den Vertrieb in den Baustoffhandel. Ansonsten hat Pilosith in der europäischen Gemeinschaft „schon fast alle Länder beliefert.“ Dabei gibt es durchaus Besonderheiten: „Nach Norwegen liefern wir nur das Tonmehl, also den fetten, trockenen Lehm, als trockene Sackware“, erklärt Brauch. Engster Partner bei der Produktion ist Dispo. Das Unternehmen produziert unter anderem Sportböden, etwa für Tennisplätze. Darin verarbeitet Dispo gemahlene Tondachziegel – B-Ware der Jacobi Tonwerke. Das Ziegelmehl ist einer der Hauptbestandteile in den Pilosith-Produkten. Über einen Dienstleistungsauftrag produziert Dispo nach Vorgabe von Pilosith und übernimmt die Versandlogistik.

„Alles für Lehm, Lehm für alle“ lautet der Leitspruch von Pilosith. Dementsprechend berät Brauch Bauinteressierte, Architekten, Handwerker und ist Dozent bei Handwerks- und Architektenkammern. Mit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim (HAWK) betreibt der gelernte Betonfacharbeiter Lehmforschung und hat mit zwei Professoren das Netzwerk Lehm gegründet. Pilosith ist Mitglied im Dachverband Lehm und im Internationalen Verband der Naturbaustoffhersteller. Bei InVeNa haben sich 35 Unternehmen zusammengeschlossen, die die Inhaltsstoffe ihrer Produktpalette vollständig deklarieren.

„Ich liebe Lehm“, sagt Brauch lächelnd. Sein Besprechungsraum ist mit bräunlicher Lehmfarbe gestrichen. Es ist eine von 180 Farben, die Pilosith anbietet. „Die Farben nehmen Stoßbelastungen – zum Beispiel Feuchtigkeit im Bad – auf und sind diffusionsoffen“, erklärt er. „Das beste Beispiel war ein Hund, der hierher kam, und die Wände abgeschlabbert hat.“

Das Bundesforschungsministerium hat das Thema Bauen mit Lehm in einem Projekt aufgegriffen. Dabei ist der Film „Lehm: Baustoff der Zukunft“ entstanden, in dem Handwerker und Baustoffproduzenten – darunter auch Dieter Brauch – die Qualitäten des Baustoffes erläutern. Den Youtube-Film haben wir auf unserer Website verlinkt: nw-ihk.de.

Die Lehmfarben gibt es in über 180 Farbtönen. Die Wand- und Deckenanstriche sind lösemittelfrei, dauerelastisch, feuchtigkeitsregulierend, antistatisch und waschfest. Foto: Insa Hagemann
Die Lehmfarben gibt es in über 180 Farbtönen. Die Wand- und Deckenanstriche sind lösemittelfrei, dauerelastisch, feuchtigkeitsregulierend, antistatisch und waschfest. Foto: Insa Hagemann
Regelmäßig werden Putzproben an einer Testwand aufgebracht. Foto: Insa Hagemann
Regelmäßig werden Putzproben an einer Testwand aufgebracht. Foto: Insa Hagemann