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Hahnemühle FineArt baut fest auf Papier

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Seit mehr als 400 Jahren geht es bei Hahnemühle um das Papier und seine Ästhetik.

Ein Unternehmen, das seine Wurzeln tief in der Geschichte hat, aber längst auch ein Standbein im Computerdruck: Die Hahnemühle FineArt GmbH hat sich dem Papier verschrieben. In Dassel-Relliehausen ist von einer papierlosen Zukunft jedenfalls keine Rede.

Das Alter sieht man Hahnemühle nicht an. Seit mehr als 400 Jahren wird genau hier, in Relliehausen, Papier gemacht. Gemessen daran sind die weißen Zweckbauten, eingebettet in die Kulisse des Sollings, noch sehr, sehr jung.

Die Geschichte liegt nicht in den Gebäuden, sagt Ann Kristin Nohlen, Marketing-Chefin bei Hahnemühle. In den Maschinen vielleicht, oder genauer: in manchen Teilen, den wichtigen, die sich in den Maschinen seit weit mehr als 100 Jahren drehen. Aber noch mehr als in Land- oder Rundsiebmaschinen, sagt Nohlen, findet man die Geschichte in den Köpfen – im Selbstverständnis der Menschen, die bei Hahnemühle arbeiten. In der Papiermacherkompetenz seit 1584.

Damit gehört der Papierhersteller zu den ältesten Unternehmen nicht nur in Niedersachsen. Vor fast genau zehn Jahren veröffentlichte die Bank of Korea eine Liste lange bestehender Firmen; im darauf basierenden aktuellen Ranking in der Wikipedia schafft es Hahnemühle bei den Unternehmen, die mit Papier zu tun haben, weltweit auf Rang vier.

Brauereien, Gasthöfe, und sogar noch in etwas größerer Zahl Apotheken mögen ein vergleichbares Alter haben. Die Geschichte des Papiers und seiner Herstellung aber steht vielleicht noch auf einem eigenen Blatt, denn es ist, im tatsächlichen Sinn des Wortes, ein Kulturträger. Und das steht nach wie vor im Mittelpunkt bei Hahnemühle, jedenfalls in zweien der drei Geschäftsbereiche. Da wäre das Papier für Künstler: für Aquarelle, Skizzen, Zeichnungen, Öl- und Acrylmalkartons, für den gesamten grafischen Bereich. Traditional Fine Art heißt dieser Bereich. Kommt dabei die Farbe noch klassisch aufs Papier, arbeitet Hahnemühle im Bereich Digital Fine Art für den Digitaldruck. Die Inkjet-Beschichtung auf Aquarellpapieren sorgt für den richtigen Untergrund für Fotografie und Kunst. Nicht in erster Linie hochglanzbeschichtet, woran man vielleicht als erstes denkt beim Fotodruck, obwohl es das auch gibt. Sondern Künstlerpapiere, matt oder seidenmatt, mit unterschiedlich strukturierten Oberflächen. Ann Kristin Nohlen formuliert es nahezu vorsichtig: „In diesem Bereich, wage ich zu behaupten, sind wir Weltmarktführer.“ Die Flure der Hahnemühle-Zentrale hängen voll mit großformatigen Fotodrucken – zum Beispiel die fünf Hauptdarsteller der US-Erfolgsserie The Big Bang Theory, fotografiert von Starfotograf Mark Mann. Oder einer der Klitschko-Brüder. „Wir haben ein sehr, sehr schönes Produkt“, sagt die Marketing-Chefin. „Und wir wollen allen unseren Mitarbeitern zeigen: Das wird mit Eurem Produkt gemacht.“

Ansicht der Hahnemühle um 1950: Ein Stich aus einer NW-Ausgabe jener Zeit.

Gemessen daran ist der dritte Geschäftsbereich weniger sichtbar: Papier für die Filtration, für den technischen Einsatz – Fest-flüssig-Trennung beispielsweise, oder Teststreifen. Auch das macht Hahnemühle jetzt bereits seit weit über 100 Jahren. Alle drei Bereiche, sagt Nohlen, stehen in einem sehr gesunden und stabilen Größenverhältnis zueinander. Wie das genau aussieht, fällt aber unter die bei vielen Familienunternehmen spürbare Zurückhaltung. Lange mit dem Unternehmen verbundene Familien stehen hinter Hahnemühle, und an der Spitze mit Friedrich Nebel ein externer Geschäftsführer. Einen Fingerzeig, wohin sich das Unternehmen entwickelt, gibt aber die Mitarbeiterzahl: Aktuell sind es rund 180, Ende dieses Jahres könnte aber bereits die Marke von 200 erreicht sein. Ausbildung sichert auch bei Hahnemühle den Nachwuchs – Industriekaufleute, Maschinenführer, Mechatroniker. Und, natürlich, Papiertechnologen.

Die weitaus meisten Arbeitsplätze, etwa 160, sind am Stammsitz in Relliehausen angesiedelt, wo die gesamte Papierproduktion zu Hause ist, und in der kleinen Dependance in Einbeck. Dort werden Blöcke konfektioniert. Und dann sind da noch die Vertriebsstandorte, in den USA, in Großbritannien, Frankreich und China. Papier aus dem kleinen Dorf bei Dassel, das etwa genauso viele Einwohner hat wie Hahnemühle Mitarbeiter, geht heute in 85 Länder. Auch das Auslandsgeschäft wächst sehr stabil, sagt Ann Kristin Nohlen.

Und das in einer Zeit, die sich vom Papier verabschieden will? „Wir sehen’s hier etwas anders“, meint die Marketing-Chefin. Eigentlich ganz im Gegenteil: Der Wunsch, etwas selbst zu machen, zu schaffen, als Hobby in der Freizeit, nimmt eher zu – Entschleunigung, lautet ein wichtiges Stichwort. Hahnemühle bietet die Grundlage, um sich künstlerisch auszudrücken. Und dabei gibt es immer wieder neue Trends. Ann Kristin Nohlen nennt Urban Sketching – ein weltweites, loses Künstler-Netzwerk: Die Stadt-Skizzierer zeichnen oder malen urbane Ansichten von Städten und Dörfern und arbeiten über digitale Kanäle zusammen. Hahnemühle nimmt solche Trends auf und steht auch sonst in engem Kontakt mit Künstlern und Fotografen. Auch hier spielen die sozialen Netzwerke mittlerweile eine große Rolle. Ergebnis dieses Austauschs ist gerade das Grey Book, ein Skizzenbuch mit lichtgrauem Papier, das vorab von Künstlern getestet wurde. Und jedes Jahr gibt es einen Kalender mit Bildern auf Hahnemühle-Papier – Thema für 2019: Rot. Eine Frage übrigens, die aktuell immer häufiger gestellt wird: Ist Hahnemühle-Papier vegan? Ja, sagt Ann Kristin Nohlen, ist es. Außerdem gibt es mittlerweile Künstlerpapier, das mit Fasern aus Bambus gewonnen wird – der wächst schnell, worauf die Umwelterklärung des Unternehmens hinweist.

Aber es ist nicht allein die Grundlage für den künstlerischen Ausdruck, die Papier im digitalen Zeitalter wichtig bleiben lässt. Papier ist nicht nur Kulturträger, sondern noch immer auch Kulturbewahrer. Und bei Hahnemühle wissen sie, wovon sie sprechen, angesichts einer sich über mehr als vier Jahrhunderte spannenden Geschichte. Mit reinem Quellwasser für das beim Papiermachen so wichtige Wasser. Mit Familien, die über mehrere Generationen im Unternehmen arbeiten. „Jede Sorte Papier bedarf besonderen Augenmerks“, sagt Ann Kristin Nohlen. Es gibt Rezepte, aber auf bloßen Knopfdruck funktionieren sie nicht. Das gilt heute wie früher, und das hat seit 1584 die Papiermacherkompetenz in Relliehausen geformt.

Klaus Pohlmann

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