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Kontrastreich: Die neue Cebit – in Hannover

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Foto: Klaus Pohlmann
Die neue Cebit startet am 11. Juni. Das Konzept steht und soll die Digitalisierung in allen Facetten aufs hannoversche Messegelände bringen: Technikschau trifft  Digitalkonferenz trifft Partyzone.

Kontraste: Die neue Cebit wurde vorgestellt im hannoverschen Neuen Rathaus, das ja mit seinen mehr als 100 Jahren eigentlich ein altes ist. Die neue Cebit: Sie ist so anders, dass sie „eine Veranstaltung ohne Geschichte ist.“ Sagte Cebit-Chef und Messevorstand Oliver Frese in den historischen Räumen des Rathauses.

Ohne Geschichte? Die neue Cebit ist so neu und anders, dass man sie mit den Veranstaltungen 1986 bis 2017 nicht vergleichen kann. Meint Frese. Deshalb will er auch die Besucherzahlen nicht schätzen, obwohl der Ticketverkauf gut läuft, wie er sagt. Auch eine Vergleichszahl der Aussteller 2017 wird auf der Vorab-Pressekonferenz im Mai nicht genannt. Mitte Mai wurden jedenfalls 2500 bis 2800 Aussteller aus 70 Ländern erwartet, die elf Hallen des Messegeländes füllen sollen. „Und jeden Tag kommen noch Anmeldungen dazu“, sagte Frese damals.

Dass sich bei der Cebit nahezu alles verändert, weiß man schon länger. Ab 2018 soll die Messe Technologie und Emotion verbinden und genauso Geschäft und Festival: Kontraste eben. Digitalisierung soll in Hannover zum Erlebnis werden, verspricht Oliver Frese. Das allerdings ist kein Kontrast, denn was die Digitalisierung mit uns anstellt, erleben – oder erleiden – wir tagtäglich. Die Cebit mit ihrem neuen Konzept hat sich allerdings nichts weniger vorgenommen als zu dem Ort zu werden, an dem diese Veränderungen nicht nur gezeigt, sondern vor allem auch diskutiert werden.

Wie die Cebit in diesem Jahr aussieht, ist in den Grundzügen schon seit rund einem Jahr bekannt. Die Struktur steckt in vier Kunstbegriffen: d!conomy heißt der klassische Ausstellungsbereich, wo in den Messehallen Produkte und Lösungen gezeigt werden, die man „jetzt schon kaufen kann“, bringt es Cebit-Chef Frese auf den Punkt. Hinter d!tec verbirgt sich die Zukunft, also Forschung und Entwicklung mit Themen wie künstliche Intelligenz, Blockchain, Virtual und Augmented Reality. Hier finden auch die 350 jungen Unternehmen und Gründer ihren Platz. Über 500 Sprecher aus aller Welt und auf zehn Bühnen bilden zusammen das Konferenzprogramm unter dem Namen d!talk; der erste der fünf Messetage, der 11. Juni, ist sogar als reiner Konferenztag geplant. Und schließlich d!campus: Auf einer Fläche von zehn Fußballfeldern soll gefeiert werden. Konzerte sorgen für Party-Stimmung, Unternehmen können sich selbst und ihre Produkte feiern, die Besucher die CeBIT (und beim Public Viewing das Eröffnungsspiel der WM) und alle zusammen die Digitalisierung. Während die Messestände bis 19 Uhr besetzt sein sollen, ist die Partyzone bis 23 Uhr offen. Selbst das Essen war Oliver Frese noch eine Randbemerkung wert: Streetfood wird’s geben, „die Cebit wird auch anders schmecken.“ Neu gegenüber den bisherigen Plänen allerdings ist dies: Auch am letzten Messetag werden die Messehallen auf Wunsch der Aussteller geöffnet, werden die Stände besetzt sein. Das war ursprünglich noch anders geplant, aber „wir verändern auch noch Dinge im laufenden Prozess“, sagt Frese.

Und dann greift der Cebit-Chef nach ganz oben ins Fach: Was sich in Hannover gerade tut, sei derzeit „das größte Innovationsprojekt in der internationalen Veranstaltungsbranche.“ Der Zeitpunkt für diese Veränderung ist günstig, zumindest was die wirtschaftliche Situation der Branche angeht. Bitkom-Präsident Achim Berg wies Mitte Mai in Hannover auf den Bitkom-Index als Branchenindikator hin, der aktuell einen historischen Höchststand erreicht hat. 86 Prozent der deutschen IT-Unternehmen erwarten in diesem Jahr steigende Umsätze. Und: Die Branche sucht händeringend Fachkräfte. Auch das ist ein wichtiges Motiv, um zur Cebit zu kommen.

Dass Unternehmen wie Huawei, IBM, Salesforce, SAP  und Vodafone – sämtlich als so genannte Premiumpartner – im Juni nach Hannover kommen, überrascht kaum. Sie gehören zur klassischen Cebit-Klientel, genauso wie Datev, Intel, die Software AG, LG oder die Telekom. Oliver Frese rief aber auch Aussteller aus ganz anderen Branchen auf. VW ist ebenfalls Premiumpartner, und das Unternehmen wie Continental – dort arbeiten weltweit bereits über 16 000 Software-Ingenieure – ihren Platz bei der Cebit finden, zeichnet sich schon länger ab. Aber auch Aldi Nord wird in diesem Jahr dabei sein. Die Grenzen zwischen reinen IT-Anbietern als Ausstellern und Anwenderunternehmen, die als Kunden nach Hannover kommen, verschwimmen. Wer zur Cebit kommt, will am Puls der Entwicklung sein, beispielsweise erfahren, wie künftig online verkauft wird – und mitdiskutieren: Als Plattform genau dafür will sich die Messe etablieren.

Cebit-Chef Oliver Frese. Foto: Marie Stach

 

Dazu gehören ohne Zweifel auch die gesellschaftlichen Effekte der Digitalisierung. Bitkom-Manager Achim Berg brachte ein Zitat mit nach Hannover, das tags zuvor im Handelsblatt erschien: „Digitalisierung ist, wenn das Machbare das Denkbare überholt“, schrieb der Strategieexperte Professor Klaus Schweinsberg in einem Beitrag über in digitalen Fragen arglose Chefs, die Bedeutung (digitaler) Unternehmensleitbilder und dem Wust an ethischen Fragen in Zeiten der Digitalisierung. Entsprechend holte Berg auch unmittelbar die digitale Ethik als mögliches Thema auf die Cebit. Ein Unternehmen, das dabei zuletzt im Zentrum weltweiter Diskussion stand, kommt in diesem Jahr erstmals nach Hannover: Facebook.

In der hannoverschen Innenstadt wird von solch ernsten Themen wohl nur wenig zu spüren sein. Die Feierwelle soll vom Messegelände bis ins Herz der Innenstadt, bis zum Kröpcke, schwappen. Als emotionaler Schlusspunkt ist am Abschlussfreitag dort ein Konzert geplant, umsonst und draußen. Wer spielt? Dieses Ass wollte Oliver Frese im Mai noch nicht aus dem Ärmel holen. Allerdings schon, dass die schwedischen Pop-Rocker von Mando Diao am Dienstag auf dem Messegelände konzertieren. Und dass Jan Delay die Cebit unterhält, war schon davor klar. Zwei der Höhepunkte, mit denen Frese Hannover zur Cebit etwas Expo-Gefühl zurückbringen will.

Achim Berg. Foto: Marie Stach

Was Oberbürgermeister Stefan Schostok natürlich gerne hört. Er betonte die Bedeutung der Messe für das Bild Hannovers als weltoffene Stadt. Und Oliver Frese betonte, dass neben der Stadtspitze auch Unternehmen wie die Verlagshäuser Madsack und Heise, der Handel mit der City-Gemeinschaft, Hotels und Gaststätten daran mitarbeiten, die neue Cebit zu einem Festival nicht nur auf dem Gelände, sondern auch in der Stadt zu machen.

Das soll helfen, aktuelle Zielgruppen der IT-Szene – die Blogger, die Influencer, die Gamer und die Drohnen-Piloten ebenso wie die Hacker, die Entwickler oder die CDOs, die Chief Digital Officers aus den Unternehmen – für die Cebit zu gewinnen. Überhaupt: Die Unterscheidung zwischen Fach- und Privatbesuchern, über die seit Mitte der 90er Jahre bei der Ausrichtung der Cebit teils leidenschaftlich diskutiert wurde, ist aus Oliver Freses Sicht Schnee von gestern: „Wir reden nur von Zielgruppen.“

Disruption, Transformation – Schlagworte, die in den vergangenen Jahren die Diskussion auf dem Messegelände prägten, probiert die Cebit in diesem Jahr nun für sich selbst aus. Dabei ist – außer Name und Ort – fast nichts beim Alten geblieben. Auch nicht bei den Cebit-Machern: „Wenn wir eine andere Veranstaltung wollen, dann müssen wir bei uns selbst mit den Veränderungen anfangen.“ Nach außen lebt vielleicht kaum jemand diese Veränderung so wie Pressesprecher Hartwig von Saß, dessen ganzes Team bei der Pressekonferenz in Cebit-T-Shirts unterwegs war – „vor zwei Jahren noch undenkbar.“ Und ein auffälliger Kontrast (womit wir wieder beim Thema wären) sogar zu seinem hemdsärmeligen Chef Oliver Frese und natürlich mehr noch zu Stefan Schostok in der klassischen Kluft des Oberbürgermeisters bei solchen Anlässen.

Kein Zweifel: Was die Cebit in diesem Jahr an Veränderungen plant, ist nur vergleichbar mit dem Einschnitt des Jahres 1986, als die damaligen Messevorstände Klaus Goehrmann und Hubert Lange die Computer – und damals auch noch die Bürotechnik – aus der Hannover Messe herauslösten. Und sie waren sich der Risiken sehr bewusst: soviel zur Geschichtslosigkeit. Achim Berg, der mit dem Bitkom hinter der Cebit steht, ließ aber im Mai aus der aktuellen Zukunftsdiskussion etwas die Luft raus: Einem so neuen Konzept, machte Berg deutlich, müsse man aber auch mehr als ein Jahr Zeit zur Entwicklung geben: „Die Industrie steht bereit.“

Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok. Foto: Marie Stach

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Klaus Pohlmann

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