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    Nix mit Stecker bei der Lurch AG

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    Benjamin Birkholz // Foto: Lurch AG
    Mit dem Verkauf importierter Küchenhelfer und Wasserfilter ist die Hildesheimer Lurch AG vor mehr als 20 Jahren gestartet. Inzwischen hat sich das Unternehmen vor allem mit manuellen Küchengeräten und Backformen aus Silikon einen Namen gemacht. Bis heute hat kein Produkt einen Stecker.

    Im Februar hat die Lurch AG auf der „Ambiente“ in Frankfurt/Main rund 30 Neuheiten vorgestellt. Eine davon ist das System „Base & Soul“. Ein stabiler Saugfuß kann, mit verschiedenen Aufsätzen bestückt, für Hackfleisch, zum Entsaften oder zum Reiben verwendet werden. Auch der Würfel- und Stifteschäler „Kubus“, mit dem sich etwa Kartoffeln zu Pommes stifteln oder zu Wedges zerkleinern lassen, zählt zu den Hits, die das Hildesheimer Unternehmen auf der Weltleitmesse für Konsumgüter gezeigt hat. Beide Produkte lassen sich allein durch Frauen- bzw. Männerkraft bedienen. Bis heute hat kein Lurch-Produkt einen Stecker. „Bei uns ist alles stromlos – aus Überzeugung“, so Michael Gierth, Marketingleiter bei Lurch. „Denn es gibt für viele Produkte eine überlegene Lösung, ohne dass man Strom braucht.“

    Insgesamt bietet das am Hildesheimer Flughafen angesiedelte Unternehmen 350 Produkte aus den Bereichen Kochen und Backen an. Das Sortiment umfasst Brot- und Kuchenbackformen, Sparschäler, Zerkleinerer, Pfannenwender, Siebe, Reiben, Schneebesen, Gewürzmühlen und neuerdings die besagte manuelle Küchenmaschine. Im vergangenen Jahr hat das 1995 von Matthias Schneider gegründete Unternehmen mit 40 Mitarbeitern einen Umsatz von 15 Mio. Euro erwirtschaftet. Der frühere Einkäufer bei Pelikan in Hannover startete mit dem Import von Küchenhelfern und Wasserfiltern, die er im deutschen Fachhandel verkaufte. 1997 brachte er sein erstes selbstentwickeltes Produkt „Spirali“ – einen Spiralschneider für Obst und Gemüse – auf den Markt. Weil das Unternehmen kräftig wuchs, stieg sein Bruder Johannes Schneider, bis dato Berater im brüderlichen Unternehmen, fest ein. Seit 1998 bilden die beiden den Vorstand der Aktiengesellschaft.

    Anfang der Jahrtausendwende spielten die aufkeimenden Kochsendungen den Hildesheimer Unternehmern gute Karten in die Hände. Eine besondere Rolle in dieser Phase hatte Tim Mälzer, der mit seiner Koch-Show „Schmeckt nicht, gibt’s nicht“ 2003 auf Vox startete. „Die Produktionsfirma hat sich an uns gewandt, ob wir für die Pilotsendungen Kochutensilien zur Verfügung stellen können“, erzählt Johannes Schneider. „Wir waren die Pioniere in diesem Bereich. Dann hat der Sender gemerkt, dass er daraus ein Geschäftsmodell entwickeln kann.“ Die Kooperation mit Vox legitimierte Lurch, das Logo der Sendung auf den Produktverpackungen abzudrucken. In seinen Koch-Sendungen verwendete der gebürtige Elmshorner unter anderem eine Allroundzange von Lurch. „Tim Mälzer mochte diese Zange von uns. Es war tatsächlich so, dass die Zuschauer die Produkte identifiziert und dann bei uns angerufen haben“, so Schneider. Bis heute ist die „All-in-One“-Zange aus Edelstahl der meistverkaufte Einzelartikel des Unternehmens, geschätzte zwei Millionen Stück davon gingen über den Tresen.

    Aktuell ist Lurch bei Verbrauchern in erster Linie durch seine Backformen aus Silikon bekannt, die besonders in den letzten zwei Jahren boomten. Die Produkte kamen bereits 1999 ins Sortiment und werden unter dem Markennamen „Flexiform“ verkauft. „Wenn die Leute von Silikon-Backformen sprechen, reden sie von Flexiform“, so Michael Gierth. Die aus Platin-Silikon produzierten Produkte zeichnen sich durch eine Anti-Haft-Wirkung, gute Energie- und Backeigenschaften sowie Flexibilität beim Herausnehmen und Verstauen aus. Lurch gewährt darauf 15 Jahre Garantie. Aber auch mit Reiben hat Lurch Standards gesetzt: „Wir waren die ersten, die mit Foto-Edging Reiben produziert haben“, berichtet Johannes Schneider. Bei diesem Verfahren entstehen besonders scharfe Kanten. Dadurch sind die Schneidflächen schärfer. „Wir haben als erste das Produktionsverfahren entdeckt und versucht, es hier zu vermarkten. Jetzt ist das Branchenstandard.“

    Am Firmensitz hat Lurch einen Showroom mit Küche eingerichtet, in dem die Mitarbeiter jeden Tag kochen und backen und so zu neuen Ideen kommen. Einer von ihnen ist Benjamin Birkholz. Der gelernte Koch entwickelt Rezepte, die Lurch auf seiner Internetseite oder in Broschüren an den Fachhandel weitergibt. Bewusst investiert Lurch nicht in Konsumentenwerbung und entwickelt stattdessen Ideen und Themen – wie etwa Brotbacken. „Es ist gerade sehr modern, Brot und Waffeln im Ofen selbst zu backen“, berichtet Schneider. Aus dieser Erkenntnis hat Lurch die Backform „Bun“ für Burger auf den Markt gebracht. „Wir haben mit keiner Form so viel Wachstum erlebt, wie mit dieser Burgerform“, so Schneider. Die Themen spiegeln sich auch am Point of Sale mit Prospekten und Thementischen für die Händler wider.

    Mit Preisen im oberen Mittelfeld bewegt sich Lurch im Wettbewerb mit Größen wie WMF, Kaiser oder Rösle. Etwa 70 Prozent des Umsatzes erzielt das Unternehmen mit Produkten aus der Kochsparte, 30 Prozent mit Backprodukten. Zwei Drittel des Umsatzes werden in Fachgeschäften und Cash & Carry-Märkten erzielt, ein Drittel online. Das Gros des Umsatzes wird in Deutschland generiert, etwa 20 Prozent in anderen europäischen Ländern – allen voran Österreich, Schweiz, Holland, Belgien und Luxemburg.

    Bei der Entwicklung neuer Produkte arbeitet die hauseigene Entwicklungsabteilung auch mit externen Designern zusammen. „Wir entwickeln die Produkte, wir designen die Produkte und wir suchen uns die entsprechende Kompetenz zur Produktion“, so Johannes Schneider. Der überwiegende Teil der Produkte wird in China, Taiwan und Korea hergestellt. „Wir würden gern mehr in Deutschland oder Europa produzieren, aber wir finden keine guten Produzenten“, stellt Schneider fest. „Das Problem in Deutschland ist, dass die meisten Produzenten Automobilzulieferer sind und geringe Stückzahlen ablehnen“, so der frühere Finanzmanager des Automobilzulieferers Wabco. „Am Ende sind asiatische Firmen in der Lage, auch kleinere Stückzahlen in Topqualität herzustellen – diese Flexibilität vermissen wir leider bei europäischen Anbietern.“