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Die Hilfe kommt, die Unsicherheit bleibt

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Blick vom Kurmittelhaus auf die Unterstraße in Bad Salzdetfurth Foto: Kurbetriebsgesellschaft Bad Salzdetfurth GmbH
Blick vom Kurmittelhaus auf die Unterstraße in Bad Salzdetfurth Foto: Kurbetriebsgesellschaft Bad Salzdetfurth GmbH
Das schwere Hochwasser im Juli 2017 hat in Niedersachsen Schäden in Millionenhöhe angerichtet und auch Unternehmen stark getroffen. Im Hilfsprogramm des Landes wirkt auch die IHK Hannover mit. Eine Bestandsaufnahme bei Unternehmen in Bad Salzdetfurth und Groß Düngen im Landkreis Hildesheim.

Dass es so schnell geht, hätte Gideon Panoussis nicht gedacht. Der Chef des griechischen Restaurants Akropolis aus Bad Salzdetfurth hat im März 4600 Euro aus dem Hochwasserhilfe-Fonds des Landes erhalten – wenige Wochen, nachdem er den Antrag gestellt hatte. Sein Restaurant liegt direkt an der Lamme, einem Nebenarm der Innerste, der am 26. Juli 2017 nach andauerndem Starkregen in der Region über die Ufer trat und weite Teile der Altstadt des Ortes überflutete. Wenige Kilometer weiter nördlich überschwemmte die Innerste mehrere Orte. Besonders schlimm traf es Groß Düngen und Hildesheim-Itzum, wo der kurz zuvor für rund 14 Mio. Euro sanierte Universitätsstandort unter Wasser stand. Das Hochwasser richtete in den Landkreisen Hildesheim, Goslar und Wolfenbüttel immense Schäden an, aber auch im Landkreis Holzminden sorgten die Wassermassen für Zerstörungen. Nach einer im März veröffentlichten Bewertung des Landes darf im Fall der Lamme von einem hundertjährigen Hochwasser gesprochen werden, während das Innerste-Hochwasser in solchem Ausmaße statistisch gesehen alle 25 bis 28 Jahre auftritt. Allein an der öffentlichen Infrastruktur gab es infolge der Überflutungen landesweit Schäden von 56 Mio. Euro. Wie groß der Schaden bei Unternehmen und Handwerksbetrieben war, kann noch nicht abschließend beziffert werden. Bis Mitte März hatten bei der NBank 20 Unternehmen Hochwasserhilfe beantragt. Noch bis Ende Juni (Eingang der Unterlagen bei der NBank) haben betroffene Unternehmen die Möglichkeit, Anträge zu stellen. Dabei unterstützt die IHK betroffene Unternehmen mit einem Plausibilitäts-Check hinsichtlich des entstandenen Schadens. Der Hochwasserhilfsfonds des Landes ist mit 50 Mio. Euro gefüllt, von denen fünf Millionen für Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft vorgesehen sind.

Foto: Georg Thomas

„Es ist toll, dass es diese Unterstützung überhaupt gibt“, findet Panoussis, dessen Eltern 1994 das griechische Restaurant in dem Kurort übernahmen. Weder sie noch er, der den Betrieb vor neun Jahren weiterführte, hatten damit gerechnet, dass sie jemals von einem solchen Hochwasser betroffen sein könnten. Nun hat sich das Bild des braunen, reißenden Stroms vor seiner Tür bei dem 43-Jährigen eingebrannt. Über die Fenster ergossen sich die Wassermassen in den Keller und zerstörten dort Heizung, Kühlschränke und kiloweise Ware. Wegen einer großen Veranstaltung am Wochenende und der Einschulungswoche mit vielen Reservierungen hatte er besonders viel eingekauft. Zwei Tage stand alles unter Wasser. Wegen des Stromausfalls im gesamten Ort musste er den kompletten Warenbestand vernichten und mehrere Familienfeiern absagen. Aber letztlich hat der Familienvater noch Glück gehabt, weil sein Gastraum vom Hochwasser verschont blieb. „Es waren zwei Stufen, vielleicht 30 Zentimeter, die uns gerettet haben“, erinnert sich Panoussis. Sonst hätte er wohl nicht nach gut einer Woche schon wieder die ersten Gäste bewirten können. Trotzdem schätzt er die Schadenssumme auf rund 30 000 Euro. Die Trocknung, eine neue Heizung für 11 000 Euro und die Umsatzausfälle musste er aus Ersparnissen bezahlen oder ausgleichen – versichert war er nicht. „Dass es einen selbst einmal trifft, hält man ja gern für ausgeschlossen – bis das Wasser plötzlich da ist.“

Foto: Georg Thomas

Kein Versicherungsschutz, das trifft auch auf das Soleschwimmbad des Kurorts zu, das es besonders hart traf. Die im Keller eingebauten technischen Anlagen des Bads – Elektrik, Lüftung, Pumpen und Soleaufbereitung – standen bis zu 1,80 Meter tief im Wasser. Es gab nur eine Starkregenversicherung, die den Betreibern laut eigenen Angaben einst empfohlen wurde. „Und bei einer Überflutung durch Hochwasser sah die Versicherung keine Pflicht zu zahlen“, erklärt Thomas Rihn, Finanzverantwortlicher bei der Kurbetriebsgesellschaft Bad Salzdetfurth GmbH, die das Solebad betreibt. So blieb man zunächst auf dem Schaden sitzen, der sich inklusive der erzwungenen Schließzeit des Bads auf 2 bis 2,5 Mio. Euro belaufen dürfte – der Antrag zur Hochwasserhilfe ist bei der NBank noch in Bearbeitung. Immerhin konnte man die Ausfallzeit kurz halten, weil man den Ingenieur, der das Bad Ende der 1970er Jahre geplant und gebaut hatte, aus dem Ruhestand zurückholen konnte. Horst Benter brachte weitere ältere, erfahrene Fachleute für das Projekt zusammen und koordinierte die Reparaturen, sodass das Bad bereits am 16. Dezember vergangenen Jahres wieder öffnen konnte. „Die Technik ist nun auf dem neuesten Stand – und auch der Schutz vor Hochwasser durch Sicherungswände wurde verbessert“, sagt Rihn.

„Mein Vater hat hier 1994 ein Grundstück in einem Gewerbegebiet gekauft – und als solches ist es auch heute noch ausgewiesen“, sagt Stephanie Schreyer. Niemand habe sich vorstellen können, dass von der kaum sichtbaren Innerste in der Nähe mal eine solche Gefahr ausgehen könne. „Diese Hilflosigkeit“, dieses Gefühl, sich davor nicht schützen zu können, behagt der dynamischen Geschäftsführerin der F. A. Schreyer GmbH aus Groß Düngen überhaupt nicht. Auch die Tatsache, dass bislang in der Region noch keine größeren Maßnahmen zur Verbesserung des Hochwasserschutzes auf den Weg gebracht wurden, stört sie. „Das klingt alles sehr partiell, es fehlen große Überlegungen. Mit unseren 40 Mitarbeitern und einem 6000 Quadratmeter großen Lager kann ich ja nicht einfach wegziehen“, sagt die 45-jährige Chefin des 1830 in Hildesheim gegründeten Holzhandelsunternehmens. Und sie will es auch nicht. Immerhin konnte sie direkt nach dem Abfließen des Hochwassers den Blick nach vorn richten – da sich die Versicherung von Anfang an sehr kooperativ zeigte und auch für den Schaden von rund einer halben Million Euro aufkam. Die Versicherung schickte sogar ein sogenanntes Sanierungsteam, dass die Schäden in der Lagerhalle beseitigte, als das Wasser gerade erst ablief. In diesen Tagen kommen die Arbeiten zum Abschluss, auch die Ausstellung, in der die Kunden von Zimmermeistern und Tischlern aus der Region Türen und Holzbodenbeläge auswählen können, eröffnet wieder. Dann ist alles wieder beim Alten, nur dass niemand weiß, ob es bald wieder passiert.

Foto: Georg Thomas
Die Versicherung hat noch nicht bezahlt

Äußerlich hat auch das Bad Salzdetfurther Schuhgeschäft Meyer das Hochwasser längst überstanden. Allerdings warten die zwei Inhaberinnen Monika Voigt und Frauke Sander, die das Geschäft seit dem Jahr 2011 gemeinsam führen, noch immer auf die Zahlung ihrer Versicherung und somit auch auf die Auszahlung der Hochwasserhilfe des Landes. An den Tag im Juli mag sich Monika Voigt nur ungern zurückerinnern. Abends hatte sie mit ihrer Kollegin noch mit einer Pumpe versucht, das Grundwasser, das hin und wieder mal in den Keller des alten Fachwerkhauses drückte, abzupumpen. Am nächsten Morgen hatte das Hochwasser der Lamme dann bereits den gesamten Keller des Geschäfts geflutet. Während dort die Heizung ihren Dienst quittierte – es rauchte aus dem Kellerfenster – sickerte vorn das Wasser durch die Wände in das Geschäft. „Es war einfach nur schrecklich“, erinnert sich die 67-jährige Geschäftsfrau an die zwei Tage, die ihr auch gesundheitlich zusetzten. Als die Flutwelle vor der Tür abgeflossen war, dauerte es noch, bis Pumpen das Wasser wieder rausbefördert hatten – und der Schaden sichtbar wurde. Rund 100 Paar Schuhe und Gummistiefel, die im Keller lagerten, die Heizung, der Teppich und fast alle Schuhregale waren unbrauchbar. Es ärgert Voigt, dass sie noch kein Geld erhalten haben. „Die 15 000 Euro hat man ja nicht einfach so liegen.“ Auch so habe man es ja heute als kleines Schuhgeschäft nicht leicht, im Wettbewerb mit dem Onlinehandel und in Zeiten horrender Abnahmeverpflichtungen einiger Schuhmarken zu bestehen. Aber Aufgeben ist nicht ihre Sache.

Die meisten vom Hochwasser betroffenen Unternehmen haben sich für das Weitermachen entschieden. Die Blicke richten sich nach vorn. Aber sobald die Lamme oder Innerste auch nur etwas anschwellen, wie Anfang Januar dieses Jahres, sind die Bilder der Katastrophe und die Unsicherheit wieder da.
Zur Antragstellung: bit.ly/Nbank

Foto: F. A. Schreyer

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Georg Thomas

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