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Im Zentrum der Bewegung 4.0

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Messechef Jochen Köckler bei der Abschluss-Pressekonferenz der Hannover Messe.

Bei rund 210.000, davon 70.000 aus dem Ausland. Gut 5000 Aussteller. Mit Mexiko ein Partnerland, das nicht nur 140 Aussteller, sondern auch zehn Mal so viele Besucher nach Hannover brachte. Und thematisch die Fortsetzung von Industrie 4.0 mit neuen Ebenen der Zusammenarbeit von Mensch und Roboter, stärkerer Bedeutung der Software und der immer klareren Perspektive maschinellen Lernens und Künstlicher Intelligenz. Wie kann man dieses Fazit der Hannover Messe in zwei Worte fassen? Es läuft.

„Die Veränderungen sind so schnell, dass man von einer Überraschung in die nächste tappt.“ Sagte Friedhelm Loh, Unternehmer und Vorsitzender des Ausstellerbeirats, zum Abschluss der Hannover Messe 2018. Und weil das so ist, schwärmte er von der Rolle der Industrieschau, der schon lange das Etikett „weltweit wichtigste“ und die diese Position Lohs Sicht in diesem Jahr noch ausgebaut hat. Beleg dafür ist das Bekenntnis eines Großteils der rund 5000 Aussteller, im nächsten Jahr wiederzukommen: Rund 60 Prozent, „das haben wir so noch nicht erlebt.“ Und viele wollen ihre Standfläche erweiterten, „das macht man nur“, sagte Loh, „wenn man etwas zu zeigen hat.“ In diesem Jahr sind nach seinen Worten 70 Prozent der Aussteller mit Neuheuten gekommen. Auch darin zeigt sich die Geschwindigkeit der Veränderung, wobei der Ausstellerbeiratschef vor allem kleine und mittlere Unternehmen als Innovatoren hervorhob. Und Messechef Jochen Köckler zitierte die Bundeskanzlerin: Beim Messerundgang habe Angela Merkel die Vertreter der aktuellen Robotergeneration Faust-auf-Faust begrüßt und erstaunt bemerkt, dass vor wenigen Jahren die Maschinen doch noch hinter Schutzgittern arbeiteten.

Friedhelm Loh, Chef des Ausstellerbeirates, gerät beim Rückblick auf die Hannover Messe 2018 geradezu ins Schwärmen.

Köckler ist bei der Abschlusspressekonferenz der Mann für die Zahlen: Rund 210.000 Besucher lautet seine optimistische Schätzung, leicht über der Erwartung also. 30 Prozent der Besucher kamen aus dem Ausland, vor allem aus China (6500), das auch bei den Ausstellern erneut ganz vorne lag. Auf den Plätzen, was die Besucherzahlen anging, folgten die Niederlande mit 5300 Besuchern, Polen mit 2700, die USA mit 1700 und dann schon Partnerland Mexiko mit 1400. Apropos USA: Zwei Jahre nach dem Partnerland-Auftritt der Vereinigten Staaten wagt die Deutsche Messe AG in diesem September mit der Hannover Messe den Sprung nach Chikago: Dort wird, aufbauend auf dem Erfolg der Partnerland-Beteiligung und der dadurch gestiegenen Bekanntheit der Marke Hannover Messe, erstmals unter diesem Namen eine Industrieausstellung veranstaltet. Für das diesjährige Partnerland Mexiko gab’s großes Lob, und der Partner 2019 steht schon fest: Schweden.

Kein Grund für Jochen Köckler, sorgenvoll nach vorn zu blicken: Bei der Hannover Messe läuft's.

Wohin die Reise im nächsten Jahr geht, deutete Friedhelm Loh an: Software soll auf der Hannover Messe eine – noch – größere Rolle spielen. Nur die Kombination von Soft- und Hardware liege die Erfolgsbasis, sagte er und äußerte die Erwartung, dass sich auch die großen Softwareunternehmen mehr und mehr auf der Hannover Messe sehen lassen.

Etabliert hat sich das Messe-Motto „Integrated Industry“, und zwar als Synonym für Industrie 4.0, wie Messechef Jochen Köckler betonte. Der ZVEI sprach in seinem Abschluss-Statement von der weltweiten Industrie-4.0-Bewegung, dessen Zentrum Hannover sei. Wie erfolgreich der Begriff, 2011 erstmals auf der Hannover Messe ins Spiel gebracht, mittlerweile ist, machte Wolfgang Wahlster bereits bei der Eröffnungsveranstaltung der Messe deutlich. Der Informatiker und Chef des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz hatte den Begriff damals als Jury-Vorsitzender für den Hermes Award ausgesprochen, Angela Merkel hatte ihn noch in der gleichen Veranstaltung aufgegriffen – und allein im vergangenen Jahr erschienen 70.000 Medienbeiträge, in denen dieser Begriff auftaucht. Für Wahlster war es die letzte Hannover Messe, insofern: Ende einer Ära.

Und was kommt jetzt? Es geht weiter mit Industrie 4.0 und Integrated Industry. Das Messethema mit der diesjährigen Ergänzung „Connect and Collaborate“, verbunden und zusammenarbeiten, trifft den Nerv der Zeit. Und das auch im übertragenen Sinne, bei der während der Messe beschworenen, von den Wirtschaftsvertretern an die Politik gerichtete Aufgabe, für freien Welthandel zu sorgen. Viele sahen in Mexiko mit dem nach wie vor angedrohten Mauerbau genau deshalb den richtigen Partner 2018: Die einzige Mauer, die Mexiko braucht, ist die vor dem eigenen Tor beim Spiel gegen die deutsche Mannschaft im Juni bei der Fußball-WM in Russland, hatte VDMA-Chef Carl Martin Welcker bei der Messeeröffnung gesagt. Was bei Mexikos Staatschef Enrque Pena Nieto wenige Minuten später mit der Bemerkung konterte, dass Fußballspiele nicht durch Mauern, sondern durch Talent entschieden würden.

Und damit zurück zur Verbindung von Wirtschaft und Technik in der Industrie: Die Entfaltung von Talenten ist hier weit wichtiger als im Sport, angesichts der von Friedhelm Loh beschworenen Hochgeschwindigkeits-Entwicklung. In diesem Jahr sieht der ZVEI den nächsten großen Sprung der Industrie 4.0 geschafft, und zwar mit neuen Formen der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine sowie in neuen Wertschöpfungsketten. Bei der Abschlusspressekonferenz tauchte überraschenderweise die Künstliche Intelligenz nur am Rande auf. Dabei beherrschte sie doch zu einem großen Teil das Medienecho auf die Hannover Messe 2018. Aber ohne Zweifel sind die beiden Buchstaben K und I die nächsten Treiber der Hannover Messe. Klar mag Integrated Industry den Nerv der Zeit treffen. Aber entscheidend für die Hannover Messe ist, dass sie die Entwicklung der Industrie widerspiegelt. Und da braucht man sich um die Industrieausstellung derzeit nicht zu sorgen: Sie dürfte auch in den nächsten Jahren der Ort sein, an dem die sich Industrie auf dem Weg in ihre Zukunft trifft. Das nächste Mal übrigens, kein Aprilscherz, vom 1. bis 5. April 2019.

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Klaus Pohlmann

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