Start Themen Vor Ort 150 Jahre NW – Thomas Schwark befragt: Hannovers Wirtschaft museal, überall

150 Jahre NW – Thomas Schwark befragt: Hannovers Wirtschaft museal, überall

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Foto: Historische Museum Hannover

Die Niedersächsische Wirtschaft blickt auf 150 Jahre zurück. Grund genug, beim hannoverschen Museumschef  Professor Thomas Schwark nachzufragen, wie sich die Wirtschaft in der neuen Dauerausstellung des Historischen Museums wiederfindet, die im Herbst 2019 eröffnen soll. Die Antwort kurz gefasst: Überall wird Wirtschaft vorkommen.

Herr Professor Schwark, die Dauerausstellung zur Geschichte Hannovers im Historischen Museum wird gerade überarbeitet und soll im Oktober 2019 eröffnet werden. Welche Rolle spielen Wirtschaft und Wirtschaftsgeschichte in der Präsentation?
Die Wirtschaft wird keine eigene Abteilung erhalten. Sie spielt aber eine ganz wichtige Rolle und ist zentraler Faktor der Stadtentwicklung. Das gilt besonders für Städte, die nicht gegründet wurden, sondern sich – wie Hannover – entwickelt haben. Die Wirtschaft kann man nicht von der Stadtgeschichte abkoppeln, das Wirtschaftliche steht am Anfang jeder Stadtwerdung, Märkte markieren den Beginn.

Bei der neuen Ausstellung gehen wir von den Interessen aus, mit denen die Besucher ins Museum kommen. Es wird fünf Bereiche geben: Typisch Hannover. Die Stadtentwicklung seit dem Mittelalter. Migration. Wendepunkte der Stadtgeschichte. Und die Kutschenhalle. In jeder dieser Abteilungen findet Wirtschaft statt. Vielleicht etwas weniger in der Kutschenhalle, dort geht es natürlich um die Welfengeschichte. Aber wenn ein Besucher künftig die Halle betritt, stößt er als erstes auf einen Pflug. Damit wird die Wirtschaft als Grundlage der Adelsgesellschaft angesprochen. Merkantilismus ist ein Thema. Oder Ständegesellschaft, um den Besuchern deutlich zu machen, dass man dem Stand, in den man geboren wurde, nicht entfliehen kann. Und auch Leibniz arbeitete am Rande auf wirtschaftlichem Gebiet.

Ergänzend wird es noch zwei Bereiche im Obergeschoss geben, die sich mit Kleidung sowie mit Wohnen, Hygiene und Wärme beschäftigen.

Weitere Beispiele?
Wenn man sich die einzelnen Stationen im Bereich der Stadtentwicklung ansieht und bei der Gründung anfängt, dann geht es um den Handel, um Fernhändler, um Handwerker. Die braucht man, damit sich ein Markt überhaupt erst entwickelt. Oder Linden, zunächst die Nachbarstadt Hannovers, und der Lindener Berg, die sich in der Industrialisierung rasend schnell entwickelt haben. Wir wollen auch, dass es in der Ausstellung menschelt. Also stehen Personen im Mittelpunkt, hier etwa die Egestorffs, Johann und Georg, der Sohn

… dessen Neffe Fritz Hurtzig erster Präsident der Handelskammer Hannover war.
Und kommt man zu den Wendepunkten der hannoverschen Geschichte, einem weiteren neuen Ausstellungsbereich, dann findet sich die Wirtschaft überall wieder. Die Residenznahme der Welfen in Hannover 1636 führte zu ganz anderen, neuen Bedarfen, Perücken oder höfische Kleidung beispielsweise. Und sie gab dem Bauwesen neue Impulse, dazu wurden Fachleute aus Italien oder Frankreich nach Hannover geholt

Stichwort Migration.
Ja, nehmen Sie nur die Clemenskirche, gebaut von Tommaso Giusti. Es folgt die Franzosenzeit, die in Hannover überwiegend negativ konnotiert ist. Aber wirtschaftlich gesehen gab es Gewerbefreiheit! Und eine Abschaffung der Zünfte, die allerdings später wieder etwas verschämt zurückgenommen wurde. Dann 1866: Mit den Preußen fielen Zollschranken. Und damit sind wir mitten in der Industrialisierung, die vielleicht in Hannover etwas verspätet begann, aber dann zu einer Blüte führte. Das Neue Rathaus, der Prachtbau, zeigt, dass es Hannover damals unglaublich gut gegangen ist. Und auch das Wunder von Hannover, der Wiederaufbau in den 50er und 60er Jahren auf Basis des wirtschaftlichen Erfolgs, wird ein Thema sein.

Spannend wird ein elektronisches Modell der Stadt, das die beiden bisherigen Modelle ergänzt und unterschiedliche Aspekte zeigt, etwa die Verkehrsentwicklung oder die Militärstadt Hannover, die sie ja insbesondere bis zum Abzug der 1. Panzerdivision war. Aber zu sehen sind eben auch die Standorte von Wirtschaftsunternehmen, die ja stadtbildprägend sind. Nehmen Sie nur die Conti, Sprengel, Hanomag. Oder Bahlsen mit den Plänen für die Tet-Stadt, die einen ganzen Stadtteil umgestaltet hätten.

Wie muss man sich das neue elektronische Modell vorstellen?
Es ist ein Stadtgrundriss, bei dem sich die einzelnen Themen vor dem Auge des Besuchers entwickeln.

Welche Präsentationsformen wird es in der neuen Ausstellung noch geben?
Im Bereich Migration etwa geht es zum Zu- und auch Abwanderung. Das Grundmotiv ist: Heimat Hannover. Wir planen dazu eine eigenwillige Inszenierung mit Wohnzimmeratmosphäre – die allermeisten Menschen wünschen sich doch ein Wohnzimmer. Thematisch geht es zum Beispiel um die Arbeitskräfte, die im 19. Jahrhundert aus Polen nach Hannover kamen und in Döhren in der Textilindustrie arbeiteten. Oder in Linden den Lindener Samt produzierten.

Wenn es um Menschen geht, die nach Hannover kamen und dann vertrieben wurden, ist man bei der jüdischen Geschichte der Stadt, die auch für die Wirtschaft wichtig ist.
Natürlich wird sich die Ausstellung mit dem Nationalsozialismus beschäftigen. Das Hauschild-Foto der brennenden Synagoge bildet eine Überleitung zum Thema Volksgemeinschaft – in der Menschen Schritt für Schritt das Leben unmöglich gemacht wurde. Die Beschäftigung damit wird aber sehr reduziert sein, mit Verweis auf den Lernort Demokratie am Neuen Rathaus.

Viele Juden haben sich in Hannover zu Hause gefühlt, dachten patriotisch. Es geht um die Bedingungen, unter denen diese Menschen hier wirtschaftlich erfolgreich waren. Darum, wie sie hier heimisch wurden. Wir haben es mit Menschen zu tun. Die bei uns wohnen. Die sich hier niederlassen. Bei ihren Familien bleiben. Das bringt Heimat. Hannover wird zur Heimat.

Von den fünf Bereichen der neuen Dauerausstellung fehlt noch Typisch Hannover.
Das Beste kommt zum Schluss. Typisch Hannover: Das ist die Bel Etage, der Raum direkt über dem Eingang. Viele Besucher werden nur bis in diesen Bereich kommen. Wir werden hier auch ganz viel vom ursprünglichen Dieter Oesterlen wiederentdecken, der bei der Architektur des Museumsgebäudes ganz stark mit der Außenwelt korrespondieren wollte: Man blickt aus den Fenstern direkt auf die historischen Fachwerkgebäude, die nach dem Krieg dort hingestellt wurden. Es sind sozusagen externe Exponate.

Es geht darum, was Hannover ausmacht, und auch dabei spielt die Wirtschaft natürlich eine Rolle. Bei der Ausstellung über hannoversche Marken im vergangenen Jahr haben wir zur Abstimmung gestellt, was Hannover ist: Messestadt? Transporterstadt? Aber in diesem Bereich wird man auch das niedersächsische Hallenhaus finden, auch ein Teil der Wirtschaft – der Einschluss ländlicher Gebiete durch die wachsende Stadt Hannover.

Die neue Dauerausstellung wird also gesättigt sein mit ökonomischen Aspekten.

Werden in der neuen Ausstellung diese ökonomischen Aspekte eher unternehmens- oder mehr sozialgeschichtliche Aspekte im Vordergrund stehen?
Beides. Soziale Fragen werden natürlich bei der Industrialisierung besonders deutlich. Aber Unternehmen wie Appel, Sprengel und Pelikan haben natürlich die Stadt geprägt, fast jeder hat eine Beziehung dazu.

Wie hat sich in den vergangenen Jahren die Wahrnehmung der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte entwickelt?
Wirtschaftsgeschichte hatte es in den letzten 20 Jahren nicht so leicht. Alle Welt machte plötzlich Kulturgeschichte. Das ist wieder auf dem Rückzug. Wirtschaft und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft beginnt neue Relevanz zu bekommen.

Vernetzung ist ein allgegenwärtiges Thema. In Hannover ist Wirtschaftsgeschichte nicht nur im Stadtbild überall präsent, sondern einige Unternehmen – beispielsweise im Pelikan-Turm oder beim HDI – haben eigene historische Präsentationen. Ist eine Vernetzung mit solchen Orten geplant?
Nein. Aber natürlich gibt es Kontakte. Und ich würde mir wünschen, dass sich diese Kontakte intensivieren, um der Stadtgeschichte willen.

Im Bereich Typisch Hannover wird es auch einen weißen Fleck geben, eine gestaltbare Fläche, die zur Dauerausstellung gehört, aber mit wechselnden Präsentationen belegt werden kann. Wunderkammer nennen wir das. Hier kann zum Beispiel Unternehmensgeschichte gezeigt werden. Genauso soll dieser Bereich natürlich auch beispielsweise Kirchen, Parteien oder Gewerkschaften zugänglich sein. Was dort zu sehen ist, muss natürlich etwas mit Geschichte zu tun haben. Das ist unser Auftrag. Wir wollen Orientierung aus der Vergangenheit für die Gestaltung der Gegenwart geben: Wenn man sich schnell nach vorne bewegt, muss man manchmal in den Rückspiegel schauen.

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Klaus Pohlmann

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