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Mitarbeiter im Fokus

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Foto: Tarek Abu Ajamieh

Arconic in Hildesheim hat nahezu seine komplette Belegschaft in drei Tagen zum Thema Industrie 4.0/Digitalisierung geschult. Neben der Information stand die Motivation der Mitarbeiter im Mittelpunkt.

Wie schafft man es, seine Mitarbeiter für den Themenkomplex Industrie 4.0/Digitalisierung zu interessieren, ihnen Ängste zu nehmen und sie für Weiterbildung zu motivieren? Diese Fragen hat Jens Harde, Geschäftsführer der Fairchild Fasteners Europe – VSD GmbH mit Sitz in Hildesheim zur Chefsache erklärt. Zusammen mit seiner Führungsriege hat der 55-jährige Firmenchef ein einzigartiges Projekt entwickelt, bei dem Anfang Dezember nahezu alle Mitarbeiter am Standort Bavenstedt geschult wurden.

Das 1982 gegründete Unternehmen, das seit dem Jahr 2002 zum US-amerikanischen Arconic-Konzern (früher Alcoa) gehört, produziert mit 320 Mitarbeitern Teile für die Luft- und Raumfahrtindustrie und den Automobilbereich. Sicherheit und Qualität werden in diesen Branchen groß geschrieben. Die Hildesheimer Arconic-Niederlassung verfügt über verschiedene Zertifikate und Luftfahrtzulassungen. „Wir haben hier in neue Anlagen investiert und müssen extrem auf die Sicherheit achten – auch bei neuen Technologien“, so Harde.

„Wir haben die Mitarbeiter in der Vergangenheit zu wenig in den Mittelpunkt gestellt“, ist er überzeugt. „Aber Industrie 4.0 funktioniert nur, wenn Sie die Mitarbeiter mitnehmen. Das muss ein Prozess des Wollens sein.“ Zwei Monate lang hat Harde mit seinem zehnköpfigen Managerteam am „Arconic 4.0 Hildesheim Operations Event“ gearbeitet. Ergebnis ist ein aus fünf Stationen bestehender Parcours zu den Themen: Was ist Digitalisierung?, Technik 4.0, Arbeit/Lernen 4.0, Datensicherheit/Datenschutz sowie Produktion 4.0. Der Parcours mündet in der Fertigung im sogenannten Glassroom, wo Bosch-Mitarbeiter die Einsatzmöglichkeiten von Robotern zeigen.

Foto: Barbara Dörmer

Anfang Dezember war es soweit: Die Mitarbeiter aus allen Unternehmensbereichen konnten sich an drei Tagen in jeweils knapp einstündigen Schulungen über wesentliche Inhalte zum Thema Industrie 4.0/Digitalisierung informieren. Morgens um neun Uhr startete die erste Schulung mit rund 15 Teilnehmern, abends um 23 Uhr endete die letzte, um den Mitarbeitern aus allen Schichten eine Teilnahme zu ermöglichen. Den Start der Schulungen hat der Firmenchef meist persönlich übernommen.

95 Prozent der Belegschaft nahm an den Schulungen teil. Danach sollen sich die Mitarbeiter auf Basis von Selbsteinschätzungen für Weiterbildungen bewerben. „Wir haben hier ein Programm aufgesetzt, wo wir sechs Qualifikationsstufen haben, in denen wir am Ende des Tages Mitarbeiter beschult haben wollen. Denn nur über den Arbeitsabbau durch Digitalisierung zu reden ist nicht richtig. Man eröffnet sich durch die Weiterqualifikation auch Berufschancen“, so Harde. Danach führt die Personalabteilung Einzelgespräche und legt fest, welche Weiterbildungen für wen in Frage kommen. Im Februar beginnen die Weiterbildungen. Die Mitarbeiter erhalten nach erfolgreichem Absolvieren ein firmeneigenes Zertifikat.

„Das ist ein einmaliger Prozess, den Mitarbeiter mitzunehmen. Dafür haben wir keine Beispiele gefunden“, stellt Harde fest. Nach dem dreitägigen Event ist der Firmenchef „super zufrieden“ und meint: „Was auch gut ist: Die Kollegen üben Kritik. Wir werden im Nachgang auch die Fragen aufarbeiten, wir wollen Antworten darauf geben.“ Der Glassroom wird in Zukunft eine besondere Funktion haben: „Wir werden neue Technologien künftig erst über den Trainingsraum einführen. Das soll ein gemeinsam getragener Prozess sein.“

Foto: Barbara Dörmer
Der Parcours

„Worum geht es beim Thema Industrie 4.0?“, fragt Jens Harde zu Beginn des Parcours. „Das haben wir Anfang des Jahres mal versucht, für uns zu beantworten. Dann haben wir gemerkt, wie viele Themen dabei eine Rolle spielen und eine Landkarte entwickelt – auch für unsere Kunden.“ Anhand der grafischen Karte erklärte er unter anderem, was das vom Smartphone bekannte Tracking für die internen Prozesse bedeutet.
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„Wer hat den Begriff Industrie 4.0 noch nicht gehört?“, fragt Fertigungsleiter Uwe Welge an der zweiten Station. Fast alle Teilnehmer schütteln den Kopf. Welge erläutert die Entwicklung der industriellen Produktion mit Beispielen aus Telekommunikation und Musik
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An der Station Technik 4.0 erklären Manufacturing Engineering Manager Guido Becker und IT-Manager Ronald Kloust die neuesten Entwicklungen: „Viel besser ist es, die bestehenden Werkzeuge intelligenter zu machen“, erläutert Becker und nennt als Beispiele wie RFID-Chips an den Transportboxen die Lagerhaltung intelligenter machen oder ein Roboter, der Produkte als gut oder schlecht identifizieren kann. Dann gibt es Zuckerwatte als Belohnung, und zwar von einem extra für das Projekt aufgebauten Roboter.
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Die Personalabteilung übernimmt an der Station Arbeit/Lernen 2.0 das Ruder. „Wir haben ein Konzept erarbeitet, das die Mitarbeiter auf sechs Leveln qualifiziert“, erklärt Mirja Gaida. Für die Weiterbildungen, die mit einem firmeneigenen Zertifikat enden, können sich die Mitarbeiter ab Januar bewerben. „Wie ist denn die Alterseinschätzung für die Weiterbildung?“, will ein Teilnehmer wissen. Dafür gebe es keine Vorgaben, so die Personalleiterin, alle Mitarbeiter kämen für alle Level in Frage.
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Um das Thema Datensicherheit und Datenschutz geht es an Station vier. Matthäus Kozlowski, Mitarbeiter des hannoverschen Unternehmens Praemandatum, berichtet, welche Daten das Unternehmen erhebt und erklärt, dass sich alles im rechtlich korrekten Rahmen bewegt und die Daten sicher und geschützt sind.
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Im Glassroom, der fünften und letzten Station, zeigen Bosch-Mitarbeiter wie ein kollaborierender Roboter Teile verschiebt und wie eine lernende Bildverarbeitung so programmiert werden kann, dass sie fehlerhafte Produkte erkennt.

Foto: Barbara Dörmer

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Barbara Dörmer

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