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Es sah es so aus, als ob der Iran schnell politisch und wirtschaftlich auf die große Weltbühne zurückkehren würde. Wieso es derzeit nur langsam vorangeht, erklärt Dr. Kamran Rezaie, Geschäftsführer der TÜV Nord-Niederlassung im Iran und Vorstandsmitglied der Deutsch-Iranischen Auslandshandelskammer im Interview.

Herr Dr. Rezaie, als Ursache für die Proteste Anfang des Jahres im Iran wurden auch wirtschaftliche Gründe genannt – teilen Sie diese Einschätzung?
Ja, absolut. Mit den Protesten wollten Teile der iranischen Gesellschaft den Verantwortlichen signalisieren, dass sie sich in einigen Bereichen andere Lösungen wünschen. Sie fordern mehr Transparenz in wirtschaftlichen Angelegenheiten, zum Beispiel beim Staatshaushalt oder den Haushalten von verschiedenen Organisationen. Denn manches, was die Menschen aus den Medien erfuhren, etwa über Zuschüsse an Organisationen, war für sie nicht nachvollziehbar. Hinzu kommt, dass die Kaufkraft aufgrund der Inflation in den letzten Monaten gesunken ist und die iranische Währung an Wert verloren hat. Diese Entwicklungen passen nicht in das Bild, das viele Iraner von ihrem Land haben. In ihren Augen ist der Iran mit seinen 80 Millionen Einwohnern ein reiches Land, mit vielen Bodenschätzen, einer jungen Bevölkerung und gut ausgebildeten Arbeitskräften, das somit viele Möglichkeiten und Chancen zum Investieren bietet. Viele Menschen können daher nicht verstehen, wieso der Iran nicht besser dasteht. Deswegen haben sie ihre Fragen laut vorgebracht.

Und wie schätzen Sie die Lage nach den Protesten ein, hat sich alles wieder beruhigt?
Aus den Reaktionen von Präsident Hassan Rohani und verschiedenen Regierungsvertretern kann man schließen, dass die Botschaft angekommen ist. Der Präsident hat direkt reagiert und versucht, die wirtschaftlichen Probleme des Landes und die Zusammenhänge klar darzustellen. Allerdings  wird man abwarten müssen, wie sich das in der nächsten Zeit entwickelt. Wenn die Erwartungen und Forderungen aus der Bevölkerung nicht ernst genommen werden, vermutet man, dass es wieder zu Protesten kommen wird.

Gibt es im Iran die Angst, dass neue Sanktionen verhängt werden?
Nein, das ist zurzeit kein Thema. Das kann ich sowohl aus meinem privaten als auch beruflichen Umfeld und vielen Gesprächen mit Vertretern der iranischen Wirtschaft und Organisationen sagen. Dort ist nie die Rede davon, dass die Sanktionen zurückkommen. Wir sprechen derzeit eher über die Haltung der iranischen Regierung zu den angesprochenen wirtschaftlichen Problemen im Iran und wie außenpolitisch die Zusammenarbeit mit der EU,  China und auch Russland ausgebaut werden kann. Viele Iraner wünschen sich, dass das deutsch-iranische Handelsvolumen schnell wieder auf das Niveau des Jahres 2010 steigt. Damals war Deutschland Irans wichtigster Handelspartner, so wie auch in den Jahrzehnten zuvor.
Auch ich persönlich rechne nicht mit neuen Sanktionen. Aber natürlich sorgt man in den USA schon für viele Ungewissheiten und Unsicherheiten, so dass man es schon für möglich halten könnte, dass Sanktionen in irgendeiner Art wieder herbeigeführt werden. Die EU und andere europäische Länder müssen jetzt wirklich handeln und das verhindern – so wie sie es auch schon getan haben. Das geschlossene Abkommen darf nicht neu verhandelt werden. Es gibt dort aus unserer Sicht keinen Änderungsbedarf, für den Iran ist das ein von allen Seiten unterzeichnetes, abgeschlossenes Kapitel.

Was ist von der Aufbruchsstimmung nach dem Ende der Sanktionen geblieben?
Seit einigen Monaten heißt es: Abwarten. Der große Aufschwung, den wir uns eigentlich erhofft hatten, ist erstmal ausgeblieben. Vor anderthalb Jahren und Anfang 2017 hatten wir hier ja eine richtige Goldgräberstimmung. Fast jede Woche reisten damals Unternehmerdelegationen aus EU-Ländern und insbesondere Deutschland in den Iran. Diese Aufbruchstimmung haben wir alle genossen. Niemand dachte damals, dass es so plötzlich ruhiger werden könnte. Inzwischen laufen nur noch die kleinen, eher überschaubaren Geschäfte, die meisten großen Investitionsprojekte ausländischer Investoren ruhen. Es würde anders aussehen, wenn EU und USA in Sachen Iran wieder zu einer einheitlichen Linie zurückkehren würden und zu dem abgeschlossenen und verhandelten Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) stehen. Solange die Lage so ist wie sie ist, gibt es bei Investoren verständlicherweise Bedenken, die der Iran allein nicht beseitigen kann. Ähnlich sieht es ja bei der Frage der Finanzierung größerer Projekte aus.

Wie wird Niedersachsen heute im Iran wahrgenommen?
Deutschland hat immer ein Plus, einen guten Ruf, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in anderen Bereichen. Aber die Unterteilung Deutschlands in Bundesländer ist den meisten Iranern fremd, abgesehen von denjenigen, die bereits über Kontakte in ein bestimmtes Bundesland verfügen. Eine bayerische oder hessische Delegation nimmt man hier eher als deutsche Gruppe wahr. Wir verstehen aber, dass die verschiedenen Regionen ihre Besonderheiten vorstellen möchten, so wie es die Repräsentanzen der verschiedenen Bundesländer im Iran regelmäßig tun. Das Land Niedersachsen hat mit der Eröffnung einer Repräsentanz im Iran sicher einen richtigen Zug gemacht, denn allein dies hat viele Unternehmer auf die Wichtigkeit dieses Bundeslandes und die industriellen Gegebenheiten aufmerksam gemacht.

Die Fragen stellte Georg Thomas.

Dr. Kamran Rezaie, studierte in Wien Maschinenbau, bevor er in seiner Heimat die TÜV Nord Niederlassung aufbaute. Foto: TÜV Nord Iran
Dr. Kamran Rezaie, studierte in Wien Maschinenbau, bevor er in seiner Heimat die TÜV Nord Niederlassung aufbaute. Foto: TÜV Nord Iran
Starthilfe vom Land

Die Vertretung des Landes Niedersachsen im Iran wurde 2016 als erste Repräsentanz eines deutschen Bundeslandes eröffnet. Seither unterstützt Kamelia Karimi, Niedersachsens Repräsentantin im Iran, niedersächsische Unternehmen, die bereits auf dem iranischen Markt aktiv sind oder dieses planen. Die Vienna Advantage GmbH aus Zetel beispielsweise hat Anfang Januar einen Kooperationsvertrag mit der iranischen Firma Faraz Tech Verton abgeschlossen. Das deutsche Software-Unternehmen ist seit 2005 in der ERP-Entwicklung tätig. „Wir freuen uns, den Schritt in den iranischen Markt getan zu haben. Ausgehend von der Delegationsreise des niedersächsischen Wirtschaftsministeriums im November 2016 haben wir uns intensiv mit diesem Markt beschäftigt und mit Varaz Tech Verton einen kompetenten Partner für diesen Markt gefunden. In diesem Prozess wurden wir von Seiten der Repräsentanz durch Kamelia Karimi stets kompetent beraten und unterstützt“, berichtet Gunter Wilken, Director Business Development des Unternehmens.