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Der stationäre Handel kämpft. Mit digitalen Lösungen will er effizienter und wettbewerbsfähiger werden und gleichzeitig mit neuen digitalen Diensten den Rückgang der Besucher in den Geschäften stoppen. Kleine Lösungen wie ein Stift, der mehr kann als nur schreiben, sind ein guter Einstieg in die digitale Welt.

Seit sechs Jahren bereits setzt die IHT Timme GmbH & Co. KG aus Stadthagen den „Digipen“ ein. Der für rund 300 Euro erhältliche digitale Stift erfasst beim normalen Schreiben auf Papier die Daten und schickt diese via Bluetooth über ein verknüpftes Smartphone direkt an die Auftragsannahme in der Zentrale des Großhändlers für Werkzeug, Elektrowerkzeuge, Arbeitsschutz, Industriebedarf sowie Sanitär- und Heizungstechnik. Das System kostete das mittelständische Unternehmen mit 30 Mitarbeitern in fast sechs Jahren nur 3000 Euro. Aus dem Einsatz haben sich so viele Vorteile ergeben, dass es Geschäftsführer Ulrich Hacker schwer fällt, sie alle aufzuzählen. „Wir haben damit unsere Effizienz stark verbessern können“, sagt er, der das Unternehmen seit dem Jahr 2000 gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Dirk führt. Wurden früher viele Aufträge telefonisch vom Außendienst an den Innendienstmitarbeiter gegeben, so geht heute alles nahezu vollautomatisch. Die ausgefüllten Formulare werden unmittelbar nach der Aufnahme an die Auftragserfassung gesendet und dort sofort verarbeitet. Der Auftrag wird digital archiviert und kann auf Wunsch auch als PDF per E-Mail an den Kunden geschickt werden. So gewinnen die Mitarbeiter Zeit, um sich weiteren Aufträgen zu widmen. Bestellt der Kunde bis 16 Uhr, erhält er die Ware am nächsten Tag. Der digitale Stift ist nur ein Beispiel für die Digitalisierung bei IHT Timme. Schon vor acht Jahren haben die Zwillingsbrüder die ersten Schritte zum digitalen Wandel in ihrem Unternehmen unternommen. „Wir möchten alle unsere Prozesse digitalisieren, nach außen gegenüber unseren Kunden, aber auch nach innen“, unterstreicht Ulrich Hacker. „Die letzten drei großen Aufträge haben wir gewonnen, weil wir eine komplett digitale Lösung bieten konnten“. IHT Timme programmiert seinen Kunden, die inzwischen aus allen Teilen des Landes kommen, beispielsweise eigene Webshops, über die sie – oder auch ihre Außendienstmitarbeiter – Waren direkt beim Großhändler in Stadthagen bestellen können. „Aber wir sind natürlich auch noch vor Ort stark im Geschäft mit den Unternehmen im Schaumburger Land“, betont Dirk Hacker. Das Unternehmen hat einen Weg für sich gefunden, um auch in Zeiten der ständigen Vergleichbarkeit der Preise und sinkender Margen bestehen zu können.

Ulrich und Dirk Hacker, Foto: Insa Hagemann
Einkaufserlebnisse versus Leerstand

Dieser Weg der Veränderung für den Einzelhandel scheint alternativlos. Die Händler müssen ihre Geschäftsmodelle so effizient wie möglich gestalten – und auch neue wettbewerbsfähige Angebote entwickeln. Denn inzwischen gibt es Leerstände längst nicht mehr nur auf dem Land. Auch in kleineren Großstädten und Einkaufszentren in Vorstädten wird es immer schwieriger, alle Flächen zu füllen. Selbst wenn es in Metropolen noch Zuwächse bei den Besuchern geben mag, wie der Immobilienmakler Jones Lang Lasalle im Sommer verkündete, so zeigt die Entwicklung doch deutlich, dass der Druck auf den stationären Einzelhandel wächst. Viele Unternehmen haben sich längst an die neuen Zeiten angepasst, auch weil sie keine andere Wahl haben. „In den nächsten drei bis fünf Jahren werden radikale Veränderungen eintreten“, da ist sich Hans-Heinrich Bendix sicher. „Es werden Läden schließen ohne Ende“, sagt Bendix. Er muss es wissen, ist er doch seit vierzig Jahren im Geschäft. Zusammen mit seiner Tochter Hannah-Lara und seiner Frau Sabine führt er die Barrique GmbH. Das Unternehmen mit der Zentrale in Groß Lobke im Landkreis Hildesheim betreibt mithilfe eines Franchisesystems 30 Geschäfte in vielen deutschen Städten, in denen Weine, Liköre, Spirituosen, genauso wie Speiseöle, Feinkostartikel und besondere Geschenke verkauft werden. Bendix ist nicht allein mit seiner Einschätzung. Der Handelsverband Deutschland HDE rechnet sogar damit, dass bis zum Jahr 2020 deutschlandweit rund 50 000 Läden schließen müssen. Kein Einzelhändler möchte dazugehören. Deswegen haben viele Unternehmen ihre Bemühungen nochmals verstärkt, um dem Wandel zu begegnen. Agieren statt reagieren ist das Ziel, um im Wettbewerb mit den Online-Giganten Amazon, Zalando, eBay oder auch Notebooksbilliger zu bestehen. Der Handel musste sich zwar seit jeher an technische Neuerungen, gesellschaftliche Veränderungen oder auch neue Muster im Kundenverhalten anpassen, aber es ist die Frage, ob die heutige Zeit nicht einen nie dagewesenen Umbruch darstellt. Und bei allen Anstrengungen weiß niemand, wie der Wettbewerb am Ende ausgehen wird. Die Händler setzen vor allem auf die Digitalisierung ihres Geschäfts – und das in ganz verschiedener Ausprägung. Die Aktivitäten gehen heute weit über das bloße Anbieten von Waren über einen eigenen Onlineshop oder die bekannten Verkaufsplattformen hinaus.

Wellner verlängert seine Regale Barrique

Das Modehaus Wellner aus Hameln beispielsweise hat erst vor wenigen Monaten eine Form der sogenannten digitalen Regalverlängerung umgesetzt. Mit zehn Tablets oder notfalls dem eigenen Smartphone können die Wellner-Mitarbeiter nun für die Kunden nach einem gewünschten Produkt suchen und es direkt bestellen, wenn es zum Beispiel in der richtigen Größe fehlt. „Mehrmals täglich wird dieser digitale Service genutzt“, sagt Geschäftsführer Holger Wellner, der in den letzten Jahren stark in die Digitalisierung investiert hat. „Zukunftsinvestionen“, die sich auszahlen. Die Umsätze über digitale Kanäle (auch den eigenen Online-Shop) liegen inzwischen bei rund zehn Prozent. Dieses Jahr rechnet Wellner
mit einem Umsatzplus von insgesamt ein bis zwei Prozent. Im nächsten
Jahr möchte das Modehaus mit seiner App auch die Beacon-Technologie nutzen, um seine Kunden anzusprechen. „Wir müssen diese Kanäle nutzen, da es der Kunde auch tut“, da ist Wellner sicher. Er hofft, dass die Hersteller in Zukunft ihn und andere Mittelständler bei der Digitalisierung stärker unterstützen. So fehlten bei der Regalverlängerung vielfach die Produktdaten, die für den Service nötig sind. Das Hamelner Modehaus setzt die immer wieder ausgesprochenen Empfehlungen an den Handel um: Einkaufserlebnisse schaffen, Ambiente und Atmosphäre bieten und für kleine Annehmlichkeiten sorgen.

Holger Wellner; Foto: Modehaus Wellner
Bei Barrique: Mit Verfügbarkeit punkten

Auch Barrique, der Franchise-Weinhandelder Familie Bendix, setzt seit Jahren neue Ideen um, um Kunden in die Geschäfte zu locken. Neben Weinproben und kleineren Events spielt dabei auch Technologie seit jeher eine große Rolle. Trotzdem hatten fast alle der 30 Standorte im Weihnachtsgeschäft 2016 mit sinkenden Besucherfrequenzen zu kämpfen – unabhängig von den Lagen. Als Google dann im Sommer dieses Jahres eine neue Möglichkeit schuf, lokal verfügbare Produkte online zu bewerben, war Barrique als einer der ersten dabei. „Für uns ist das eine unheimlich interessante Möglichkeit“, sagt Bendix. Denn wer nun online nach einem Wein sucht, stößt mitunter auf Weine, die um die Ecke in einem Barrique-Geschäft direkt gekauft werden können. So kann es tatsächlich gelingen, Kunden zum Kauf im Geschäft zu bewegen. Allerdings bleibt die Frage, ob sich Kunden wirklich in die Innenstädte bemühen, wenn der Weg dorthin weit ist und dort nur alte Parkhäuser, hohe Parkgebühren und vermeidbare Ampelstaus auf sie warten. „Es wäre gut, wenn hier in den Städten mal ein Umdenken einsetzen würde – und zumindest keine weiteren Hürden für den Handel und seine Kunden geschaffen werden“, findet Hans-Heinrich Bendix. Insbesondere für kleinere Einzelhändler ist es schwer, eine durchgängige ganzheitliche Digitalisierung zu erreichen. Bevor aus Angst vor Überforderung alles aufgeschoben wird, sollten Einzelhändler kleine Schritte gehen. Die digitale Welt muss – und wird wohl auch – nicht an einem Tag entstehen. Und man kann sicher sein, dass sie sich auch weiterhin ständig verändern wird.

Familie Barrique, Foto: Werner Kaiser

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Georg Thomas

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