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Völlig klar: Bei jeder Unternehmensnachfolge kommt dem Seniorunternehmer eine zentrale Rolle zu. Er leitet den Stabwechsel rechtzeitig ein und bringt ihn – gemeinsam mit dem Nachfolger – zu einem guten Ende. Aber entspricht dieses Ideal auch der Realität? Die niedersächsischen Industrie- und Handelskammern haben weit über 500 Unternehmerinnen und Unternehmer aller Branchen im Alter von 55 bis 74 Jahren über ihre tatsächlichen Motive, Herangehensweisen und Ziele bei der Nachfolge befragt. Sind Niedersachsens Seniorunternehmer bereit für den Stabwechsel? Nur bedingt, sagt der Nachfolgereport der niedersächsischen Industrie- und Handelskammern.

Lediglich etwa jeder fünfte Seniorunternehmer hat die Nachfolge für sich und sein Unternehmen verbindlich geregelt. Damit bewegen sich viele auf dünnem Eis, und zwar umso mehr, je älter sie sind. Denn das Alter spielt eine wesentliche Rolle. Unter den Jüngeren im Alter von 55 bis 59 Jahren haben mehr als 85 Prozent noch keine verbindliche Regelung getroffen. Das kann zwar bereits erste negative Auswirkungen auf die Rating-Note der Hausbank haben, aber für diese Altersgruppe bleibt noch genug Zeit, um die Unternehmensnachfolge erfolgreich umzusetzen. Grundsätzlich zeigt der IHK-Nachfolgereport aber, dass die Unternehmer zu ihrer Verantwortung stehen. Für die meisten von ihnen ist der Erhalt des Unternehmens samt Arbeitsplätzen von zentraler Bedeutung. Eher nebensächlich ist hingegen der Verkaufspreis; auch wenn die „Herzblutrendite“ natürlich immer eine gewisse Rolle spielen wird. Außerdem ist fast jeder Seniorunternehmer bereit, dem Nachfolger sein Wissen und Können und natürlich auch seine Kontakte nach der Übergabe zur Verfügung zu stellen. Ferner hat die Mehrheit der Unternehmer auch Regelungen für den eigenen Todesfall getroffen. Allerdings droht der Staffelstab manchmal aus der Hand zu gleiten, und das nicht allein, weil die Zahl der Unternehmer mit einer wirklich verbindlichen Nachfolgeregelung noch zu klein ist. Hinzu kommt beispielsweise, dass ein gutes Drittel noch keine Vorstellung davon hat, ob das Unternehmen nun verkauft, verpachtet oder vererbt werden soll. Und der überwiegende Teil hat auch keinen Notfallplan, was die Existenz des Unternehmens unmittelbar bedrohen kann. Im Detail: Für über 60 Prozent der Seniorunternehmer sind der Fortbestand des Unternehmens und die Sicherung von Arbeitsplätzen wichtigstes Ziel der Unternehmensübergabe. Deutlich seltener werden die Abgabe unternehmerischer Verantwortung (gut 20 Prozent und ein hoher Verkaufspreis (gut 15 Prozent) genannt. Für eine erfolgreiche Unternehmensnachfolge bedarf es in der Regel eines mehrjährigen Vorlaufs,währenddessen die unterschiedlichsten Maßnahmen getroffen werden können. Mehr als zwei Drittel der Unternehmen nutzen diese Zeit. So geben 40 Prozent der Seniorunternehmer an, bereits einen Nachfolger ausgewählt zu haben. Gut ein Viertel hat die Übergabe bereits gegenüber Mitarbeitern, Geschäftspartnern oder anderen kommuniziert. Ebenfalls rund ein Viertel hat Beratungsangebote in Anspruch genommen, etwa beim Steuerberater oder bei der IHK. Sonstige Maßnahmen umfassen zum Beispiel die Bestellung eines Geschäftsführers, das Angebot von Praktikumsplätzen für Uni-Absolventen oder Coaching.

Die Frage nach den ergriffenen Maßnahmen ergibt deutliche Unterschiede, je nachdem, an wen die Übergabe erfolgen soll. Bei einer familieninternen Nachfolge stellt sich die Situation zunächst verhältnismäßig entspannt dar. Knapp zwei Drittel der Senioren geben an, dass sie Sohn, Tochter oder ein anderes Familienmitglied bereits als Nachfolger ausgewählt haben. Und weitere gut zehn Prozent haben die Nachfolgersuche zumindest eingeläutet. Nur weniger als ein Fünftel hat noch nichts unternommen. Im Fall der unternehmensinternen Übergabe etwa an Mitarbeiter haben rund 40 Prozent der Unternehmer bereits einen Nachfolger ausgewählt und mehr als ein Viertel hat mit der Suche begonnen. Knapp 30 Prozent haben hingegen noch keine Maßnahmen ergriffen. Soll die Nachfolge aber außerhalb des Unternehmens erfolgen, dann steht nur sehr selten (7 %) bereits fest, wem man den Staffelstab in die Hand drücken kann. Fast ein Drittel hat damit begonnen, einen Nachfolger zu suchen, während 45 Prozent noch gar nicht aktiv geworden sind. Bei der Frage, an wen übergeben werden soll, sind die Seniorunternehmer für alle Optionen offen. Die familieninterne Nachfolge wird bevorzugt. 39 Prozent der Unternehmer wünschen sich das. Fast genauso viele (36 %) suchen außerhalb des Unternehmens – also etwa bei Wettbewerbern – nach einem Nachfolger. 25 Prozent streben eine unternehmensinterne Lösung an. Bei familieninternen Lösungen ist tatsächlich die Übergabe an den Sohn die bevorzugte Variante (60 %). Da der Anteil der Söhne und Töchter auch in Unternehmerfamilien gleich sein dürfte, ist das schon überraschend. Daher der Rat: Bitte auch die Töchter als Nachfolgekandidatinnen in den Blick nehmen! Innerhalb des Unternehmens soll zum einen an Mitgesellschafter (28 %), vor allem aber an Mitarbeiter (72 %) übertragen werden. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels können bei dieser Variante Fach- und Führungskräfte durch eine konkrete Perspektive an das Unternehmen gebunden werden: Dabei ist von der Übertragung von mehr Verantwortung über die Beteiligung an der Geschäftsführung oder am Unternehmen bis hin zur kompletten Nachfolge alles möglich. Wenn an Externe verkauft werden soll, dann vor allem an Gründer (43 %) und Wettbewerber (40 %). Der Verkauf an Finanzinvestoren spielt eine deutlich geringere Rolle (17 %). Bei der Frage nach der größten Herausforderung im Nachfolgeprozess ist das Ergebnis eindeutig: Über der Hälfte aller Seniorunternehmer fällt es schwer, einen geeigneten Kandidaten zu finden. Das liegt zum einen daran, dass der Arbeitsmarkt gegenwärtig potenziellen Nachfolgern viele attraktive Alternativen bietet. Zum anderen ist in Familienunternehmen der Automatismus vergangener Tage, nämlich dass Sohn oder Tochter das Unternehmen weiterführen, keine Selbstverständlichkeit mehr. Nachfolger werden damit zur absoluten Mangelware. Aber die Nachfolgersuche ist nicht das einzige Problem. Etwa jeder dritte Seniorunternehmer sieht in einem angemessenen Verkaufspreis oder der Ermittlung des Unternehmenswerts oder in familiären Aspekten die größte Herausforderung. Steuerliche Aspekte haben dagegen nur für rund jeden sechsten Unternehmer besondere Relevanz. Unter „Sonstiges“ werden unter anderem gesundheitliche Gründe, das „Loslassen können“ oder der Erhalt von Kundenstamm, Geschäftsidee und Unternehmensphilosophie angeführt. Bei den zu bewältigenden Herausforderungen gibt es jedoch sehr große Unterschiede bei einer Übergabe innerhalb oder außerhalb der Familie. Innerhalb der Familie spielen naturgemäß die damit zusammenhängenden familiären Aspekte eine zentrale Rolle. Hier müssen natürlich auch (erbschafts-)steuerliche Aspekte gelöst werden. Die Suche nach einem Nachfolger wird hingegen nur von gut 20 Prozent als problematisch angesehen. Die wichtigsten Fragen, die sich bei der Übergabe innerhalb der Familie stellen, sind vielmehr emotionaler Natur: „Will ich überhaupt (schon) aufhören? Wie kann ich das Unternehmen/Vermögen gerecht aufteilen? Darf ich meinen Kindern den hohen Arbeitseinsatz überhaupt zumuten?“ Und spätestens jetzt wird deutlich, dass auch die Nachfolgersuche im Familienkreis alles andere als einfach ist.

Bei der familienexternen ist die Suche nach einem Nachfolger naturgemäß schwieriger, da der zunächst einmal überhaupt gefunden werden muss. Übertragung, weil überhaupt erst einmal ein Nachfolger gefunden werden muss. Dies gilt bei der Nachfolge innerhalb des Unternehmens (gut 60 Prozent), aber erst recht, wenn unternehmensextern gesucht wird (knapp 80 Prozent). Eine große Herausforderung bei der Nachfolge außerhalb des Unternehmens ist auch der Kaufpreis (60 %) – sicher auch, weil härtere Verhandlungen erwartet werden, da ein Externer erst von den Vorzügen des Unternehmens überzeugt werden muss. Die Unternehmer sind im Grunde bereit, sich mit dem eigenen Ende auseinanderzusetzen und verbindliche Regelungen zu schaffen. So haben immerhin gut 60 Prozent der Seniorunternehmer eine Regelung für den eigenen Todesfall getroffen und ein Testament oder Erbvertrag in der Schublade. Das ist auch deswegen wichtig, weil selbst bei einer perfekt vorbereiteten Unternehmensnachfolge das Risiko eines plötzlichen Ausfalls des Unternehmers immer bestehen bleibt. Auffällig ist, dass solche Regelungen häufiger in Unternehmen mit vielen Mitarbeitern anzutreffen sind. Wenn nur gut jeder fünfte Seniorunternehmer zwischen 55 und 74 Jahren die Nachfolge für sich und sein Unternehmen verbindlich geregelt hat, heißt das allerdings: 78 Prozent der Unternehmer könnte es kalt erwischen, wenn sie nicht (endlich) tätig werden. Differenziert nach Altersgruppen fällt das Zeugnis unterschiedlich aus: Den 86 Prozent der Unternehmer zwischen 55 bis 59 ohne verbindliche Regelung bleibt immerhin noch genug Zeit, um die Unternehmensnachfolge erfolgreich umzusetzen, wenn man mit einem Zeitbedarf zwischen drei bis zehn Jahren für Planung und Umsetzung rechnet. Wenig überraschend: Mit zunehmendem Alter steigt auch der Anteil der Unternehmer, die ihre Nachfolge und damit letzten Endes das Weiterbestehen ihres Betriebes verbindlich geregelt haben. Doch die Quote von 54 Prozent bei der Altersgruppe über 70 bedeutet, dass bei fast jedem zweiten Chef, der auch im fortgeschrittenen Rentenalter noch an der Spitze seines Unternehmens steht, die Unternehmensnachfolge in wesentlichen Aspekten ungeklärt ist. Im Ergebnis wird es vermutlich viele Seniorunternehmer geben, die irgendwann ungewollt als Letzte das Licht im eigenen Unternehmen ausmachen müssen.

Über alle Altersgruppen haben zehn Prozent der Seniorunternehmer angegeben, dass sie keine Unternehmensnachfolge anstreben, sondern ihre Firma aus unterschiedlichsten Gründen – etwa, weil sie das Unternehmen als nicht zukunftsfähig einschätzen – stilllegen wollen. Diese Gruppe benötigt naturgemäß keinen Übergabeplan und wurde bei der Frage nach einer verbindlichen Nachfolgeregelung von vornherein ausgeklammert. Die oft fehlende Verbindlichkeit bei der Nachfolgeplanung zeigt sich auch bei der Frage, ob das Unternehmen verkauft, verpachtet, verschenkt oder vererbt werden soll. Gut 40 Prozent der Seniorunternehmer haben sich hier noch nicht entschieden. Die Unternehmensübertragung durch Verkauf wird dabei von deutlich mehr als einem Drittel favorisiert. Fast jeder Fünfte plant, sein Unternehmen zu verschenken oder zu vererben. Wenn das Unternehmen innerhalb der Familie übertragen werden soll, dann erfolgt das in den allermeisten Fällen per Schenkung bzw. vorweggenommener Erbfolge (43 %). Diese Variante spielt bei einer Übertragung außerhalb des Unternehmens erwartungsgemäß so gut wie keine Rolle. Stattdessen wird hier von zwei Dritteln ein Verkauf angestrebt. Auch bei einer Übertragung innerhalb des Unternehmens ist der Verkauf Favorit (39 %). Allerdings ist hier die (emotionale) Nähe zwischen den beiden Parteien in immerhin acht Prozent der Fälle so groß, dass eine Schenkung beabsichtigt ist. Fast allen Seniorunternehmern liegt ihr Betrieb auch nach der Übergabe am Herzen. 96 Prozent sind bereit, den Nachfolger auch nach dem Stabwechsel zu unterstützen. Diese Unterstützung soll nach dem Wunsch der Seniorunternehmer als Beratung gegen Honorar (54 %) oder im Rahmen einer Anstellung (21 %) erfolgen; jeder vierte Seniorunternehmer stünde sogar unentgeltlich zur Verfügung. Dabei darf es ruhig ein wenig länger dauern: So sind über 60 Prozent der Seniorunternehmer bereit, mehr als ein Jahr nach der Übergabe noch mit Rat und Tat zu unterstützen. Bei der Dauer der Unterstützung unterscheiden die Seniorunternehmer nur wenig zwischen der Übergabe innerhalb der Familie und innerhalb des Unternehmens. Geht das Unternehmen an einen Externen, soll jedoch möglichst nach weniger als einem Jahr Schluss sein. Die Unternehmensnachfolge ist in den allermeisten Fällen eine komplexe, langwierige Aufgabe, die zwar neben dem Tagesgeschäft, aber keineswegs einfach nebenbei bewältigt werden muss. Erschwerend kommt hinzu, dass der Seniorunternehmer natürlich keine Erfahrungswerte hat. Umso wichtiger ist, sich intensiv mit dem Ende des eigenen Unternehmerdaseins auseinander zu setzen. Dabei ist es keine gute Idee, auf Zeit zu spielen. Vielmehr sollte so früh wie möglich eine verbindliche Übergaberegelung gefunden werden. Schließlich hat die Unternehmensnachfolge nicht nur eine private, sondern auch eine gesamtwirtschaftliche Bedeutung. Es geht um nichts weniger als den Fortbestand des Unternehmens und die dort vorhandenen Arbeitsplätze.