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Eine solche deutsch-deutsche Firmengeschichte gibt es kein zweites Mal. Erst geflohen in den Westen, dann die Rückkehr, heute Aushängeschild des Harzes – der Schierker Feuerstein.

Willy Drube spürte es. Für sein Unternehmen gab es in der jungen DDR keine Zukunft. Das bestätigten dem Apotheker, zugleich Erfinder des Schierker Feuersteins, die Grenzsoldaten, die ihn – und wohl auch seinen Kräuterschnaps – schätzten. Schierke sollte Sperrgebiet werden. Der bei Kurgästen, Wintersportlern und Wanderern beliebte Ort am Fuß des Brockens lag zu dicht an der Grenze zur Bundesrepublik. Die Belieferung mit Rohstoffen wurde immer schwieriger. Deswegen schickte Drube eine seiner Töchter, Margret, 1951 mit dem geheimen Originalrezept des Schierker Feuersteins in den Westen, um dort eine Produktion aufzubauen. Sie war mit dem Zahnarzt Ernst Geyer aus Bad Lauterberg verheiratet. Und für den Neuanfang hatte der Unternehmer dort bereits ein Haus gekauft. Aus heutiger Sicht eine weitsichtige Entscheidung, die damals aber nicht ohne Folgen blieb. Als Willy Drube ein halbes Jahr später starb, durften seine Familienmitglieder aus dem Westen bereits nicht mehr einreisen.
Die Teilung zerriss nicht nur die Familie. Sie führte auch dazu, dass es den Schierker Feuerstein jahrzehntelang in zwei Ausführungen gab. Einen aus Schierke für die DDR, hergestellt nach der Kriegsrezeptur, die während des Zweiten Weltkriegs entwickelt wurde. Und einen nach Originalrezept aus Bad Lauterberg, den man nur in Westdeutschland kaufen konnte. Hier übernahm Dieter Geyer 1960 die Führung des Unternehmens von seinem Vater. Heute führt Geyers Tochter Britta Möller zusammen mit ihrem Mann Walter die Geschäfte der Schierker Feuerstein GmbH & Co. KG: „Mein Vater war immer davon überzeugt, dass es zur Wiedervereinigung kommt.“ Und ihm war immer klar, dass es nur einen Schierker Feuerstein geben durfte, also auch nur ein Unternehmen, erinnert sich die 51-Jährige heute.

Der Apotheker Willy Drube mit seiner Tochter (am Tisch) und seinem Enkel Dieter Geyer.

Als die innerdeutsche Grenze im Herbst 1989 plötzlich offen war, machte sich Dieter Geyer sofort auf den Weg nach Schierke. Britta Möller steckte damals mitten im Studium und war an dem besagten Abend zufällig zu Besuch bei ihren Eltern. „Der erste Eindruck der Apotheke, in der Willy Drube 1908 den ersten Schierker Feuerstein herstellte, war schlimm. Die Wände waren schwarz.“
Aber es war der Ursprung des Unternehmens. Und es gab Kindheitserinnerungen ihres Vaters, und den tiefen Wunsch, das Lebenswerk Willy Drubes, seines Großvaters, wieder aufzubauen. Einfach war das nicht. Dieter Geyer musste sogar richtig kämpfen, um das heruntergewirtschaftete Haus mitsamt dem Unternehmen zu reprivatisieren. „Mein Vater ist deswegen sehr häufig nach Magdeburg gefahren. Ich habe das damals nicht verstanden“, gesteht Möller, die wie selbstverständlich davon ausging, dass sie das Stammhaus problemlos zurückerhalten würden. Erst später habe er ihr davon berichtet, wie schwierig das war. Dass es überhaupt gelang, ist zu einem Teil auch einem Mitarbeiter des VEB Schierker Feuerstein zu verdanken, der ihm verriet, dass noch jemand anderes versuche, den Schierker Betrieb zu übernehmen. Ihr Vater war zwar im Testament seiner Vorfahren als rechtmäßiger Erbe eingetragen, doch auch der ehemalige Chef des Betriebs bemühte sich um die Fortführung. Verwandte konnten damals nicht mehr helfen, weil die Letzten im Zuge der vollständigen Verstaatlichung des Unternehmens im Osten 1971 ausgeschieden waren.
Letztlich wuchs zusammen, was zusammengehört. Und die Familie sanierte gleich nach der Wende das Stammhaus in Schierke mit großem finanziellen Aufwand. Dieter Geyer übernahm alle neun Mitarbeiter – bis auf den ehemaligen Leiter. Und für die Schierker Mitarbeiter organisierte er ein Auto, mit dem sie jeden Tag den Weg nach Bad Lauterberg fahren konnten – bis heute. Inzwischen pendeln jeden Tag noch zwei Mitarbeiter aus Schierke, von insgesamt 27.

Der Stammsitz in Schierke.

Zwischen Ost und West unterscheidet hier niemand mehr. „Wir sind ein Unternehmen“, sagt Britta Möller. Es gab gleich nach der Wiedervereinigung mal den Gedanken, die Produktion wieder nach Schierke zu verlagern. Allerdings hat die Familie die Idee schnell wieder verworfen. „Allein die Anlieferung des Alkohols per LKW wäre aufgrund der schmalen Straßen Schierkes praktisch unmöglich“, sagt die 51-Jährige. Aber dem Unternehmen liegt viel daran, eng mit dem Ort verbunden zu sein, schließlich liegt hier der Ursprung. Oberhalb des Orts steht die Feuersteinklippe, nach der der Kräuterschnaps, den der Apotheker der Erzählung nach für Kurgäste mit Magenproblemen erfand, benannt ist.
In der alten Apotheke „Zum Roten Fingerhut“ können Besucher heute vor allem Schierker Feuerstein und allerhand Fanartikel kaufen. Mehrmals im Monat führen Walter Möller und ein Mitarbeiter Touristen persönlich durch das Gebäude mit kleiner Ausstellung, in dessen Kellerräumen heute noch die Kräuter für den Schierker Feuerstein aufbereitet werden. Was dort genau geschieht, verrät der gelernte Destillateur und Brennermeister nicht. Auch die Frage nach den verwendeten Kräutern und ob sie aus Übersee oder aus heimischen Gefilden kommen, kann man sich getrost sparen.
Die eigentliche Produktion ist heute in Bartolfelde bei Bad Lauterberg konzentriert. In riesigen Tanks lagern dort der Schierker Feuerstein und der Grundstoff, der zuvor aus Kräutern und Neutralalkohol durch die sogenannte Mazeration im schonen den Kaltauszugsverfahren hergestellt wurde. Innerhalb einer Stunde kann das Unternehmen mehrere tausend 0,7-Liter-Flaschen des Kräuterschnapses mit rund 35-prozentigem Alkoholanteil abfüllen.
Der Schierker Feuerstein ist heute ein Aushängeschild des gesamten Harzes. „Kein anderes Produkt ist so eng mit dem Harz verbunden wie wir“, schätzt Walter Möller. Kommen viele Touristen in die Region, ist das auch gut für den Absatz des Kräuter-Halb-Bitters. Mit seinem rot-weißen Schriftzug ist das Unternehmen im Harz präsent, beim Brockenwirt, etlichen Imbissbuden, bei Sehenswürdigkeiten und auch an vielen Ortseingängen, an denen auf Bannern Veranstaltungen beworben werden. Auch als Namensgeber engagiert man sich: So soll in wenigen Monaten die Schierker-Feuerstein-Arena eröffnen, die auch im Sommer Touristen nach Schierke bringen soll. Früher unterstützte das Unternehmen auch den Skinachwuchs, bis sich die Branche der Spirituosenhersteller mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung aus dem Sponsoring im Kinder- und Jugendbereich verabschiedete. Auch von der auffälligen Werbung beim Boxen hat sich der Schierker Feuerstein zurückgezogen, seit Maske, Schulz und die Klitschkos Geschichte sind.

Der Markt für Spirituosen in Deutschland ist kein leichter Markt. Ähnlich wie beim Bier sinkt der Pro-Kopf-Verbrauch eher, wenn es auch mal ein positives Ausreißer-Jahr gibt. „Wir sind froh, dass wir unseren Absatz in etwa konstant gehalten haben“, sagt Britta Möller. Wachstum erhofftsie sich vor allem im Ausland. Hier hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren bereits erste Schritte gemacht, allerdings waren die Bemühungen bislang noch nicht nachhaltig erfolgreich. „Vielleicht sind wir dafür auch ein Stück weit zu klein“, vermutet ihr Mann. Aber die zwei wollen an dem Thema dran bleiben.
Sie führen das Unternehmen in vierter Generation. Es dauert nicht mehr lange, bis sich entscheidet, ob einer ihrer zwei Söhne in das Familienunternehmen miteinsteigt. Der 20-Jährige studiert derzeit BWL in Hannover und kann sich das durchaus vorstellen. Er könnte dann dazu beitragen, den Schierker Feuerstein erfolgreich ins Ausland zu bringen.

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Georg Thomas

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