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Es war schon eine Überraschung, als bekannt wurde, dass 2018 die Cebit mit völlig neuem Konzept und nicht mehr im März, sondern im Juni an den Start gehen wird. Die Messe steht vor ihrer größten Veränderung, seitdem sie 1986 aus der Hannover Messe herausgelöst wurde. Wie ist der Stand der Vorbereitung?

Nur der schwarze Schriftzug auf weißem Grund: So steht das Cebit-Logo auf der Website der Deutschen Messe AG. Der weiße Untergrund passt: Die Cebit 2018 ist tatsächlich ein neues, unbeschriebenes Blatt. Manchmal werde er gefragt, sagt Cebit-Sprecher Hartwig von Saß, was sich bei der Cebit ändert. Seine Antwort braucht nur ein Wort: „Alles.“

Na ja, fast alles. Als es 2016 losging mit den Plänen für die neue Cebit, mit Workshops und Design Thinking, waren zwei Dinge gesetzt: Name und Ort. Die Cebit bleibt die Cebit in Hannover. „Auf alle anderen Fragen wollten wir auf keinen Fall die schon bekannten Antworten geben“, sagt von Saß.
Was bereits klar ist: Der neue Termin im Sommer, nächstes Jahr vom 11. bis zum 15. Juni. Der erste Tag, ein Montag, ist reserviert für Konferenzen und die Presse, der letzte Messetag gehört neuen, auch jungen Zielgruppen. Schon mit dem neuen Termin und diesem neuen Ablauf löst sich die Cebit von dem, was sie lange war: ein Ableger der Hannover Messe, der jedes Jahr im März über die Bühne ging, ziemlich genau vier Wochen, bevor die Industrie das Messegelände füllte. CeBIT und Hannover Messe schwangen jahrelang im Gleichklang – am Vorabend die Eröffnung mit Bundeskanzler, Bundeskanzlerin oder Bundespräsident, dann fünf bis acht Messetage von 9 bis 18 Uhr und am Ende eine Pressekonferenz. Das Erscheinungsbild beider Messen war sogar von der gleichen, geschwisterlich geteilten roten Farbe geprägt. Die hat jetzt die mit dem Thema Industrie 4.0 so stark auftrumpfende Hannover Messe für sich allein. Die neue Cebit, sagt Hartwig von Saß, hat keine exklusive Farbe. Mal ist sie gelb, mal ist sie lila, mal türkis, eben vor allem eines: bunt.
Was noch bekannt ist: die vier Bereiche der neuen Cebit. Sie heißen d!conomy, d!tec, d!talk und d!campus. Für den 2015 eingeführten, etwas sperrigen Begriff d!conomy haben die Cebit-Macher keineswegs nur Lob geerntet. Jetzt dient er als Muster, um die Einzelteile der Messe zu benennen. Aber der Name ist nur das Etikett. Entscheidend ist, was dahintersteckt. Daran wird gerade gearbeitet. Bewegen wir uns vom Vertrauten in Richtung Neues: d!economy umfasst den traditionellen Messebereich. Hier zeigen die Aussteller, was sie haben, und traditionsreiche Themen wie Sicherheit, Lösungen für die öffentliche Hand oder was für die Digitalisierung von Prozessen in Unternehmen benötigt wird, werden in den hannoverschen Messehallen ihren Platz haben.

Verantwortungsträger: Oliver Frese, Vorstandsmitglied der Messe und für die neue Cebit zuständig.

Konferenzen und Diskussionsrunden laufen künftig unter dem Begriff d!talk. Das Konferenzprogramm hat bereits in den vergangenen Jahren immer mehr Bedeutung gewonnen. Jetzt zielen die Cebit-Macher mitten ins Geschehen, wollen auf zwölf Bühnen in den Hallen mit hochkarätigen Sprechern passend zur jeweiligen Messe-Umgebung die gerade prickelnden Themen nach vorne bringen. Weit oben auf der Cebit-Themenpyramide, die in den vergangenen gut zwölf Monaten entstanden ist, stehen Themen wie Robotik, das Internet der Dinge oder Arbeit 4.0. Konferenzsprache ist Englisch, am d!talk-Design sitzt gerade ein Team der Hochschule Hannover.
KI, Künstliche Intelligenz, steht ebenfalls ganz oben bei dem, was die Cebit thematisieren will. Das wäre gut aufgehoben im dritten Bereich d!tec. Dort soll es um die Welt von morgen mit der Wirtschaft von morgen gehen, und hier finden sich zum Beispiel die 21 Fraunhofer-Institute wieder, die bereits für 2018 zugesagt haben. Allerdings finden sie sich auch an einem neuen Ort auf dem Messegelände wieder, und das gilt für alle Aussteller. Jeder einzelne zieht um, und zwar nicht nur, weil der neue Zuschnitt der Messe es erfordert: Der Umzug für alle soll deutlich machen, dass die Cebit mit den bisherigen Abläufen bricht.
Bleibt d!campus. Hier wird die neue Cebit besonders greifbar, einen vergleichbaren Bereich gab es bislang nicht. Das „pulsierende Herz der neuen Cebit“ (wie Messevorstand Oliver Frese bei der Vorstellung des neuen Konzepts im Frühjahr sagte) schlägt unter dem Expo-Dach, das erstmals bei einer Messe in Hannover diese zentrale Rolle einnimmt, denn die neue Cebit wird in den Hallen rund um die riesige Holzkonstruktion ausgetragen. Und auf dem d!campus kreuzen sich die Wege der Besucher, hier ist der Ort für Austausch und Kommunikation: Treffpunkt mit Veranstaltungen, Musik, Essen, Entspannung, das den ganzen Tag über. „Und abends ziehen wir dann die Regler für die Musik hoch, so stelle ich mir das vor“, meint Hartwig von Saß und spricht von der neuen Herausforderung für die Messe-Macher, diesen Campus den ganzen Tag über zu choreografieren. Übrigens öffnet die Cebit im nächsten Jahr von 10 bis 19 Uhr, und der d!campus bleibt in der Hoffnung auf laue Sommerabende bis 23 Uhr geöffnet. Cebit-Tage könnten lang werden.

Es wird bunt, und Bernhard Rohleder hat es allen schon gezeigt: Als zum Abschluss der Cebit in März das neue Konzept angekündigt wurde, saß der Bitkom-Geschäftsführer mit fröhlichem Fußkleid auf dem Podium.

Es ist, als ob man das Lebensgefühl vieler Unternehmen der Cebit-Branche auf das Messegelände übertragen wollte. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen? Diese klare Trennung gilt in Softwareschmieden, IT-Startups, Fintechs, Coworking-Spaces oft genug als längst überholt. Genau diese Unternehmen und ihre Mitarbeiter will die Cebit zurückgewinnen. Und die Messe soll nicht nur jünger werden, sondern sich wieder mehr und mitten in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die digitale Transformation platzieren. So, wie es zu den Hochzeiten der Cebit war, als der PC seinen Siegeszug antrat oder die Entwicklung des Internets in Hannover verhandelt wurde.
Der Versuch, diese Position zurück zu gewinnen, ist der Grund für die Komplettüberarbeitung der IT-Messe. Damit wird auch klarer, warum Oliver Frese in diesem Jahr zwar von der Cebit 2017 als „Super-Veranstaltung“ sprechen konnte, aber gleich darauf die neue Cebit ankündigte. Nach den herkömmlichen Maßstäben war die Messe in diesem Frühjahr ein Erfolg mit mehr als 200 000 Besuchern und über 3000 Ausstellern. Aber aus Sicht der Messe-Verantwortlichen war die Zeit für das neue Konzept reif, und die Arbeit daran hatte bereits Mitte 2016 begonnen.
Die Cebit jedenfalls steht vor der größten Veränderung, seit sie 1986 als Messe auf eigene Beine gestellt wurde. Disruption, die plötzliche, umwälzende Veränderung eines Geschäftsmodells, war ein Schlagwort der vergangenen beiden Cebit-Jahre. Nun hat die neue Cebit selbst disruptive Züge: „Wir verlassen jeden Tag 20 Mal die eingetretenen Pfade“, sagt Hartwig von Saß. Und: „Viel mehr hätten wir nicht ändern können.“ Aufbruchstimmung, Lust an der Veränderung, Öffnung nach allen Seiten, das macht das Cebit-Gefühl in Hannover derzeit aus. Hubert H. Lange, vor über 30 Jahren einer der Verantwortlichen für die Abnabelung von der Industriemesse, berichtete rückblickend von der großen Nervosität beim Neustart damals. Wie steht’s damit heute? Konzentriert-euphorisch, so beschreibt es von Saß, mit Respekt vor der Cebit und vor der Aufgabe. „Nein, nervös sind wir nicht.“ Aber das kommt vielleicht noch.

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