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Beharrlich ans Ziel

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Zahra Naghavi. Foto: privat.

Unternehmerin im Iran: Zahra Naghavi hat ihren Traum von der eigenen Firma umgesetzt. Im NW-Interview beschreibt sie ihren Weg dorthin. Und in wenigen Wochen kommt sie mit einer iranischen Unternehmerinnendelegation nach Niedersachsen.

Frau Naghavi, Sie sind Eigentümerin und Geschäftsführerin der Aras Baran Chemi. Was macht Ihr Unternehmen und wie sind Sie zum Unternehmertum gekommen?
Aras Baran Chemi (ABC) ist in Teheran ansässig. Ich habe das Unternehmen 1997 gegründet. Der Fokus lag zunächst auf dem Import und Vertrieb von modernster Laborausrüstung und Instrumenten für private und öffentliche Einrichtungen wie Universitäten, Forschungslabore, Petrochemie, Öl- und Gasfirmen, Wasser und Abwasserfirmen – und das zu konkurrenzfähigen Preisen. Inzwischen sind wir stolz darauf, mit Zunahme der iranischen Ölprojekte auch bei Industriearmaturen vertreten zu sein. Wir bieten iranischen Kunden Beratung und Fachwissen bereits in der Beschaffungsphase an und begleiten Ausschreibungen im In- und Ausland. Als Lead-Agentur betreuen wir Kaufabwicklung, Aufbau und Installation, Inbetriebnahme, Vor-Ort-Schulungen, Instandhaltung, Wartung und Reparatur.
Nach meinem Studium habe ich in einem Unternehmen gearbeitet. Ich fand aber immer schon die Idee, mich selbstständig zu machen, spannend. Also habe ich mich bemüht, alles zu lernen, was man als Managerin braucht. Ich habe von der Pike auf gelernt, zuerst Büroarbeit. Dann kamen erste Ausflüge in die Buchhaltung, ich war im Vertrieb bis hin zur Installation tätig, habe mich um Betrieb und Wartung gekümmert und versucht, die Mitarbeiter individuell und als Team für die Unternehmensziele zu motivieren. Es war damals wirklich schwierig, meinen Vorgesetzten zu überzeugen, dass er mich mehr lernen lässt, als meine Aufgaben umfassten. Ich habe aber alles daran gesetzt, seine Zustimmung und auch sein Feedback zu bekommen.
Als ich dann meine eigene Firma gründete, kannte ich mich mit allen Unternehmensprozessen aus. Zu der Zeit war es allerdings für mich als Frau noch etwas schwierig, gerade wenn es zum Beispiel um Leistungen wie Installation und Service ging. Aber ich hab’s geschafft, und ich genieße es.

Würden Sie sagen, dass Ihr Arbeitsalltag dem Ihrer männlichen Unternehmerkollegen entspricht? Oder wo liegen die Unterschiede, und worin sind sie begründet?
Wenn wir über die Arbeit selbst sprechen, so ist sie identisch. Unterschiede gibt es dann, wenn wir mit anderen Menschen interagieren. Hier geht es um kulturelle Barrieren. Normalerweise wird die Zusammenarbeit mit einem Mann der mit einer Frau vorgezogen. Männer gelten als stärker, mit besseren Verbindungen und Netzwerken, könnten leichter Kontakte knüpfen, hätten besseren Zugang zu finanziellen Ressourcen, seien geschmeidiger im Umgang mit Gesetzen und Vorgaben, hätten ein besseres Verständnis für rechtliche Belange, und so weiter.
Über Jahrhunderte waren Männer dominierend und konnten so Vertrauen im Geschäftsleben aufbauen. Sie haben alle möglichen Vorgaben und Einrichtungen für sich installiert, und fast alle Gesellschaften akzeptieren das. Erst seit einigen Jahrzehnten fordern Frauen ihre Rechte ein und die Beseitigung von Diskriminierung. Es braucht Zeit, bis Menschen an deine Fähigkeiten und dein Wissen glauben, ohne das Geschlecht zu beachten. Selbst Frauen ziehen es doch vor, mit Männern zu arbeiten! Und diese Sichtweise trifft nicht nur auf unser Geschäft zu, man kann es auch bei den unterschiedlichen Gagen von Schauspielern und Schauspielerinnen sehen, beim Honorar von Rechtsanwälten, bei der Altersvorsorge, und vieles mehr. Nur, wenn wir die nächste Generation lehren, Fähigkeiten, Verhalten, Wissen, Verdienst und Führung frei vom Geschlecht zu sehen, können wir diese Unterschiede abbauen.

Gibt es etwas, was Sie sich in Zukunft für die iranischen Unternehmerinnen – Ihre Töchter – wünschen würden?
Ich hoffe, dass es in Zukunft bessere Grundlagen und mehr Chancen für Frauen geben wird, damit sie leichter Unternehmen gründen können, mehr Sitze im Parlament oder auch in anderen wichtigen Positionen als Entscheiderinnen einnehmen.

 

An Einfluss gewonnen

Kamelia Karimi, niedersächsische Repräsentantin in Teheran, ist sich sicher: Frauen haben in den vergangenen Jahren im Iran in Wirtschaft und Politik an Einfluss gewonnen.

Frau Karimi, Sie leiten in Teheran die niedersächsische Repräsentanz. Wie offen ist die iranische Wirtschaft und Politik Führungsfrauen gegenüber?
Mit dem Thema Frauen in der iranischen Geschäftswelt befasse ich mich bereits seit Jahren. In einer patriarchalischen Gesellschaft wie im Iran ist man natürlich weit weg von einer Gleichberechtigung wie etwa in mitteleuropäischen Ländern. Doch auch dort hat es Jahrzehnte gebraucht, bis man von annähernder Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau sprechen konnte. Wenn ich jetzt zurückblicke, kann ich schon behaupten, dass auch im Iran Frauen in den letzten Jahren in Wirtschaft und Politik an Einfluss gewonnen haben. So ist 2016 erstmals eine Frau zur Geschäftsführerin der bedeutenden National Petrochemical Company (NPC) ernannt worden und gerade ist eine Frau CEO der Iran Air geworden.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? Gibt es speziell im Iran Traditionen oder Zwänge, die Sie als Frau in einer Führungsposition berück-sichtigen müssen?
Mein Arbeitsalltag ist sehr vielseitig und ich treffe viele Menschen. Zum einen niedersächsische Unternehmensvertreter, die geschäftlich im Iran sind und auf meine Unterstützung zählen, aber auch iranische Firmenvertreter, die an wirtschaftlichen Kontakten mit Niedersachsen interessiert sind. Als Frau im Iran muss ich natürlich Regeln beachten, die man in Europa nicht kennt. Im Iran gilt die Scharia und damit besondere Vorschriften für Frauen und das Verhalten zwischen Männern und Frauen. So gilt die islamische Kleiderordnung mit der Pflicht zur Kopfbedeckung, Mann und Frau geben sich nicht zur Begrüßung die Hände und es gibt zum Teil im ÖPNV getrennte Abteile. Die Beachtung der Regeln mag für Europäer befremdlich sein, stellt allerdings für die meisten Frauen im Iran kein Problem dar, zumal die Handhabung dieser Vorschriften durchaus Spielräume lässt. Was das Miteinander zwischen Männern und Frauen in der Geschäftswelt angeht, so haben diese Regeln aber keinen Einfluss darauf, welche Anerkennung man als Frau, insbesondere als Führungskraft, erfährt. Das hängt letztendlich davon ab, was man kann und wie man das vermittelt.

Sie werden die erste iranische Unternehmerinnendelegation nach Niedersachsen führen. Welche Idee steckt für Sie und die mitreisenden iranischen Unternehmerinnen hinter diesem Projekt und welche Erwartungen sind damit verbunden?
Das Bild der iranischen Frau wird in deutschen Medien häufig verzerrt dargestellt. Ich habe schon häufig von deutschen Delegationsmitgliedern gehört, dass sie sich den Iran ganz anders vorgestellt hatten und erstaunt sind, wie viele Frauen in der iranischen Wirtschaft auch in Führungspositionen tätig sind. Auch die iranischen Geschäftsfrauen sind sehr daran interessiert, das Image der iranischen Frau im Ausland zu revidieren. Das gelingt natürlich am besten, wenn sie selbst Deutschland besuchen und damit auch gleichzeitig beitragen, die bilateralen Beziehungen zwischen Iran und Deutschland zu stärken. Die iranischen  Delegationsteilnehmerinnen sind schon sehr gespannt auf den Erfahrungsaustausch mit niedersächsischen Unternehmerinnen und erhoffen sich dadurch spannende Kontakte, aber auch Erkenntnisgewinne, die sie im Iran für eine kontinuierliche Verbesserung ihrer Situation nutzen können.

Die Fragen stellte Beate Rausch.

Die Emirate fördern Frauen

Dalia Abu Samra-Rohte in der IHK Hannover.

Vor gut drei Jahren berichtete das Nachrichtenmagazin Spiegel fast etwas erschreckt über eine Studie, nach der in den Vereinigten Arabischen Emiraten prozentual mehr Frauen in Führungspositionen arbeiten als in Deutschland. Gut, Deutschland bildete in dieser Statistik unter den Wirtschaftsnationen der Welt das Schlusslicht. Aber schon damals hieß es, die Emirate würden gezielt weibliche Führungskräfte anwerben. Und auch heute werden Frauen dort „sehr, sehr stark gefördert“, sagte Dr. Dalia Abu Samra-Rohte bei ihrem Besuch Ende Juni in der IHK Hannover. Samra-Rohte, geboren in Hannover und aufgewachsen in Elze, ist selbst stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der AHK für die Vereinigten Arabischen Emirate und leitet das Büro in Abu Dhabi.
Natürlich gibt es große Unterschiede in der arabischen Welt, was die Chancen für Frauen angeht. Auch das macht Samra-Rohte deutlich, sieht aber einen grundsätzlichen Trend Richtung Liberalisierung. Die äußerst weltoffenen Emirate sind da bereits ziemlich weit. Auch in anderer Hinsicht richtet sich der Blick in Dubai oder Abu Dhabi weit in die Zukunft, und zwar in eine ohne Öl, so die AHK-Expertin. Der aktuell niedrige Ölpreis sei ein weiterer Weckruf gewesen, sich mit den wirtschaftlichen Grundlagen von morgen zu beschäftigen. Wobei nicht allein die Krise um Katar die Antwort derzeit keineswegs leichter macht.