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Die Oxxynova GmbH ist Marktführer und betreibt die letzte Anlage zur Herstellung von Dimethylterephthalat in Europa. Denn der Stoff, aus dem unter anderem PET werden kann, ist weitgehend ersetzt worden. Nun gibt es in Steyerberg eine große Anlage, viele Ideen und ausgeprägten Willen zur Veränderung.

Die Lage ist einzigartig. Einen idyllischeren Chemiestandort gibt es vielleicht in ganz Europa nicht: mitten im Wald, keine Nachbarn, kein Handynetz. Gleichzeitig steht hier, in Steyerberg, im Landkreis Nienburg, die weltweit größte Einzelanlage zur Herstellung von Dimethylterephthalat (DMT). Als die Anlage 1977 in Betrieb ging, war der Stoff, mit dem PET-Kunststoffe – von der Flasche bis zur Folie; und andere Polyester – hergestellt werden, ein Massenprodukt. „DMT hat sich in den letzten 20 Jahren vom ehemaligen Massenrohstoff zum Spezialitätenrohstoff für Nischenapplikationen entwickelt“, erklärt Dr. Klaus Puell, der zusammen mit Henning Buuk als Geschäftsführer die Verantwortung für das Unternehmen trägt. Die große Industrieanlage stellt das mittelständische Unternehmen dabei einerseits vor große Herausforderungen, bietet andererseits aber enorme Potenziale. Denn die Anlage, die Tag und Nacht an 365 Tagen im Jahr läuft, muss ausgelastet werden. Weltweit gibt es nur noch fünf Hersteller von DMT, das in Europa in heißer, flüssiger Form in Spezialtankwagen an Kunden geliefert wird, während in Asien die feste Form üblich ist. Bei den in Europa existierenden DMT-verarbeitenden Kunden ist Oxxynova gut positioniert. Bei einem Umsatz zwischen 80 und 100 Mio. Euro im Jahr sind wegen des Wettbewerbs zum PTA die Margen im angestammten DMT-Geschäft allerdings schwach, erklärt der Oxxynova-Geschäftsführer. „Allein für die Instandhaltung der Anlage kommen schnell Millionenbeträge zusammen. Die besondere Marksituation erfordert eine überdurchschnittliche Zuverlässigkeit, darum sind diese hohen Investitionen kompromisslos.“

Nachts noch imposanter: In Steyerberg steht die größte Einzelanlage zur DMT-Herstellung weltweit.

Doch bei Oxxynova sieht man eine klare Perspektive. Gerade erst hat das Unternehmen einen Millionenbetrag in eine neue Anlage mit einer Kapazität von 25 000 Tonnen investiert, die DMT in fester Form herstellen kann. Die weißen Briketts oder Flocken sind vor allem für den Export nach Asien gedacht. Dafür hat man unter anderem eine langfristige Partnerschaft mit einem japanischen Handelshaus geschlossen. Ziel ist es, sich neue Märkte zu erschließen. Und in Asien sei gerade ein Mitbewerber vom Markt verschwunden. Die Geschäftsführung teilt ihre Überzeugung mit den Gesellschaftern des Unternehmens: zwei süddeutschen Unternehmerfamilien und einem US-amerikanischen Hauptinvestor. Sie übernahmen die Firma im Februar 2016. Ihre Überzeugung fußt auf einer vor drei Jahren erarbeiteten Strategie. Im Kern steht das klare Bekenntnis, noch bis mindestens 2035 Dimethylterephthalat in Steyerberg zu produzieren, auch um den Abnehmern eine verlässliche Orientierung zu bieten. Die Unabhängigkeit vom DMT-Geschäft soll zunächst durch den Einstieg in das Recycling und die destillative Aufbereitung von Stoffströmen gelingen. „Hier wollen wir massiv wachsen“, sagt Dr. Puell. In vier Jahren solle der Aufbau eines dritten Bereichs das Konzept abrunden. „Bis Mitte der 2020er Jahre wollen wir prinzipiell unabhängig vom DMT sein“, erklärt der Geschäftsführer, der sich auch seinen 140 Mitarbeitern verpflichtet fühlt: „Das Team ist einzigartig. Wir arbeiten zusammen wie eine große Familie“. Mit der neuen Strategie soll der „Geburtsfehler“ geheilt werden, den man bei der Herauslösung des Unternehmens aus dem Evonik-Konzern im Jahr 2006 gemacht hat, als man ein „Monoproduktunternehmen“ schuf. Seit der Inbetriebnahme vor 40 Jahren durch die Dynamit Nobel AG war Steyerberg immer ein reiner Produktionsstandort gewesen. 240 000 Tonnen DMT könnte die Anlage im Jahr maximal herstellen. Oxxynova hat sich in den letzten Jahren ein flexibles, modulares Anlagenkonzept gegeben, mit der die Anlage mit ganz unterschiedlichen Produktionsvolumina gefahren werden kann. „Auch das trägt bereits maßgeblich zur angestrebten Diversifikation bei und eröffnet uns große Spielräume für unser neues Geschäftsfeld“, erklärt der Technische Geschäftsführer, Henning Buuk.

Führungsduo: Die Geschäftsführer Dr. Klaus F. Puell (li.) und Henning Buuk.

Ein Grund dafür, dass Unternehmen das DMT von Oxxynova noch nachfragen, ist, dass es hochwertiger als PTA ist. „An einer Stelle ist DMT qualitativ reiner“, sagt Puell. Bei bestimmten Produkten sei das nach wie vor ein wichtiger Faktor, zum Beispiel im Automobilbereich, aber auch bei hochwertigen Elektronikbauteilen und im Medizinbereich. Wohin wird der Weg von Oxxynova führen? Es sieht aus, als würde die Strategie aufgehen. „Mit dem Einstieg in das Recycling und die Destillation vor drei Jahren haben wir voll ins Schwarze getroffen.“ Immer mehr Unternehmen wollen oder müssen chemische Stoffgemische aufbereiten – weil das Kreislaufwirtschaftsgesetz es so verlangt. Im vergangenen Jahr wurden bereits über 12 000 Tonnen an unterschiedlichen Stoffströmen in Steyerberg aufbereitet, nach 0 Tonnen im Einstiegsjahr 2014. Das Geschäft lohnt sich, trotz „harter Lernkurve“, die man zu durchlaufen habe. Die Zahl der Anfragen steigt, „obwohl es noch nicht einmal auf unserer Homepage steht“, wie Puell sagt. Oxxynova profitiert plötzlich von Faktoren, die jahrzehntelang eher zum Nachteil waren. Es gibt ausreichend Platz: Die nötigen Tanks für die Destillation konnte man direkt neben der Anlage aufstellen. „Auch der Bahnanschluss ist inzwischen ein Riesenvorteil“, sagt der Technische Geschäftsführer.
Und dann ist da auch noch die kleine Renaissance des Dimethylterephthalats. „Das DMT noch einmal für neue Applikationen gefragt sei – da hätte ich vor ein paar Jahren kaum drauf gewettet“, gesteht der Geschäftsführer. DMT werde seit einigen Jahren für hochspezielle Polyesterverbindungen und auch zur Herstellung von phthalatfreien Weichmachern eingesetzt, die als Ersatz für die in vielen Bereichen inzwischen verbotenen phthalathaltigen Weichmacher zunehmend gefragt sind. Unter mehreren Ersatzprodukten, habe „das auf Basis von DMT große produktionstechnische Vorteile“, sagt Puell. Zuletzt sei das Wachstum „explosionsartig“ gewesen. Allein in Europa gebe es einen Markt von über 150 000 Tonnen, der bisher überwiegend aus Importen besteht. „Wir schauen uns diese Entwicklung sehr genau an und sehen durchaus große Potenziale“, sagt Puell. Im Wald, in Steyerberg. Hier liegt vielleicht eine echte Erfolgsgeschichte in der Luft.

Plötzlich von Vorteil: Oxxynova-Geschäftsführer Puell ist froh, über einen Bahnanschluss zu verfügen.