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Impulsgeber 4.0

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Fotos: Klaus Pohlmann

Bis auf den letzten Platz ausgebucht: Das Praxisforum Industrie 4.0 zog im August rund 120 Teilnehmer nach Hannover. Wo steht die digitale Transformation? Das zeigten ganz konkrete Beispiele aus Unternehmen.

Nur zwei oder drei Mal spricht Björn Scharnhorst von Digitalisierung. Und doch trifft er beim Praxisforum Industrie 4.0 den Nerv vieler Zuhörer. Scharnhorst, Geschäftsführer der Exportverpackung Sehnde GmbH, geht es weniger um Technik als um Veränderung. Mitarbeiter für technische Modernisierung und den organisatorischen Wandel begeistern: Das haben sein Bruder Thorben und er sich vorgenommen, als sie in 5. Generation das 1858 gegründete Familienunternehmen übernahmen. Und das ist auch sein Thema vor den rund 120 Teilnehmern des Praxisforums. Wie wird aus einem erfolgreichen, traditionell geführten Mittelständler ein erfolgreiches Unternehmen, das für die aktuellen Herausforderungen richtig aufgestellt ist?
Für nahezu jedes Unternehmen ist die Digitalisierung heute einer der dicksten Brocken unter diesen Herausforderungen. Und Digitalisierung heißt nicht: Papier abschaffen. Das sagt Harald Ilisch, ebenfalls Referent beim Praxisforum (siehe rechts), kurze Zeit später. „Digitalisierung heißt: die Wertschöpfungsprozesse im Unternehmen digitalisieren.“
Hier ist das Unternehmen als Organisation gefordert. „Das Unglaubliche schaffen geht nur im Team“ – also muss man dieses Mannschaftsgefühl in die Organisation bringen, meint Björn Scharnhorst. Dazu gehört für ihn, authentisch zu sein: Wenn man Lean Management will, sagt er, muss man selbst dafür brennen, es vorleben. Dazu gehört auch, Mitarbeitern mehr Verantwortung zu geben und sie gleichzeitig zu befähigen, diese Verantwortung tragen zu können. Und Scharnhorst fordert einen anderen Umgang mit Fehlern: Schließlich muss man Mitarbeiter dafür begeistern, etwas voranzutreiben, nicht sie davon abschrecken. Dass bei der Exportverpackung Sehnde alles digitalisiert wird, was digitalisiert werden kann, versteht sich fast von selbst. Er und sein Bruder seien Technikfreaks mit „ungehörigem Innovationsdrang“, sagt Scharnhorst.

Björn Scharnhorst beim Praxisforum Industrie 4.0.

Schon längst geht es, wie Wirtschaftsminister Olaf Lies beim Praxisforum sagte, nicht bloß um Industrie 4.0, sondern um Wirtschaft 4.0. Das machte auch IHK-Präsident Dr. Christian Hinsch deutlich. Er vertrat nicht nur die IHK Hannover, einen der Hauptorganisatoren des Forums, sondern war als Vorstandschef der HDI Global SE gleichzeitig Hausherr der Veranstaltung. Stand Scharnhorst für einen mittelständischen Produktionsbetrieb, wechselte mit Hinsch die Perspektive zum global aufgestellten Dienstleister. Der HDI sei gleich in dreifacher Hinsicht betroffen: Die zunehmende Vernetzung verändere die Risiken, die ein Industrieversicherer abdeckt – „diese vielfältigen Abhängigkeiten müssen wir verstehen, damit wir für diese sich verändernden Risiken jederzeit die passenden Versicherungslösungen haben“, so Hinsch. Zweitens gehe es darum, die internen Prozesse zu digitalisieren Und schließlich biete der HDI mit der Cyberversicherung ein Produkt für den Fall, dass die Digitalisierung missbraucht werde oder zu Schäden führe.
Als IHK-Präsident wies Hinsch auf die Rolle der IHK als Impulsgeber hin. Viele mittelständische Unternehmen spürten den Veränderungsdruck, wüssten aber noch nicht, wie sie das Thema anpacken sollten. Hier hilft die IHK und hat deshalb mit der NBank, dem Kompetenzzentrum „Mit uns digital“ für Niedersachsen und Bremen, dem Netzwerk Industrie 4.0 Niedersachsen und die unabhängige Expertengruppe Indy4 um Rechtsanwalt Dr. Ulrich Herfuth auch in diesem Jahr das Praxisforum Industrie 4.0 organisiert.

Bereits in der Juli-Ausgabe der NW haben wir die Ansprechpartner zum Thema Industrie 4.0 in Niedersachsen zusammengestellt. Die Übersicht finden Sie hier: http://bit.ly/2fQfSqy

WS Kunststoff-Service

Durch die Datenbrille

Mit einer Datenbrille hat man die Hände frei und die Informationen immer vor Augen: Wassim Saeidi zeigte beim Praxisforum Industrie 4.0, wie bei WS Kunststoffservice in Stuhr diese Technik bei der Baugruppenmontage hilft. Die auf die Brillengläser projizierten Informationen verkürzen Anlernzeiten, verbessern die Qualität, erhöhen die Motivation – kurz gesagt: Die Datenbrille hilft dem Menschen, produktiver zu werden, wie Saeidi betont. Inzwischen berät WS Kunststoffservice auch andere Unternehmen bei dieser Technik.

Kaminski Waggonbau

Komplett vernetzt

Mit etwa 300 Mitarbeitern kontrolliert, wartet und repariert die Hamelner Kaminski Waggonbau GmbH Eisenbahn-Güterwagen. Getrieben zunächst vom Rationalisierungsdruck, hat das Unternehmen die Abläufe rund um die Waggon-Instandhaltung komplett digitalisiert. Das heißt unter anderem: Ein ERP-System statt Schränke voller Aktenordner mit Regelwerken. „Wir sind sehr, sehr papierlos geworden“, sagt Geschäftsführer Karsten Elstner. Und mehr noch: „Wir fahren sozusagen digital auf jedem Wagen mit.“ Stetige Überwachung, ständig verfügbare Daten, koordiniertes Ersatzteilmanagement – die Abläufe werden nicht nur schneller und für den Kunden transparent, sondern Kaminski hat sich über die Digitalisierung auch neue Geschäftsfelder erschlossen, etwa den Handel mit Ersatzteilen. Man sei mittendrin in der Vernetzung aller Schienenfahrzeuge. Die Zukunft? „Der Wagen selber sagt, in welchem Zustand er ist“, meint Elstner.

A-Tron Blockheizkraftwerke

Welche Daten? Alle!

Kenne ich heute meine Idee von morgen?“ Harald Ilisch unterstützt derzeit die A-Tron-Geschäftsführung. Das Unternehmen in Neustadt a. Rbge. entwickelt und baut Blockheizkraftwerke – und wartet dann die europaweit verteilten Anlagen. Dazu werden Daten, soweit rechtlich zulässig, zu knapp 700 Parametern gespeichert. Mehr Daten, als vielleicht gerade benötigt werden: Wer weiß, was man morgen gerne wüsste? Heute geht es bereits um bessere, an individuelle Laufleistung und Umgebungsbedingungen angepasste Wartung – und bald eine möglichst vorausschauende Instandhaltung.