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Manufaktur trifft Marktführer: Es gibt wenige, die Bonbons so herstellen können, wie die Merkle & Biskup OHG aus Sulingen. Das kleine Unternehmen setzt auf Maschinen der Hänsel Processing GmbH, die weltweit zu den führenden Herstellern von Maschinen im Süßwarenbereich zählt.

Wenn Sie nicht gerade Süßwaren herstellen, dann kennen Sie dieses Unternehmen nicht. Gegessen haben Sie Bonbons oder Riegel, die mit Maschinen der Hänsel Processing GmbH aus Hannover hergestellt wurden, aber bestimmt schon. Besonders hoch ist die Wahrscheinlichkeit bei Karamellbonbons. In dem Bereich harter Bonbons ist Hänsel nämlich Weltmarktführer. Und auch bei den Anlagen, mit denen Riegel, Toffees, Geleeartikel oder Fondantmassen hergestellt werden, gehören die Hannoveraner zu den führenden Anbietern weltweit.
Zwischen 40 und 50 Anlagen stellt das Unternehmen jedes Jahr her. Nicht in Serie, sondern immer individuell angepasst an die Bedürfnisse der Kunden. Die Maschinen und Produktionslinien von Hänsel können die gesamte Herstellungskette von Bonbons, Weingummi oder Riegeln abbilden – vom Wiegen, bis zum Kochen, Formen und Abkühlen. Und wenn es kein passendes Anlagenkonzept gibt? Dann können die Hersteller auch nach Hannover kommen und im Anwendungstechnikum, dem CandyLab, mit den Entwicklern von Hänsel zusammen eine Lösung finden. Neben Süßwarenherstellern zählen zu den Kunden von Hänsel übrigens auch Pharmaunternehmen, die Hustenbonbons produzieren.

Schweißtreibende Aufgabe: Bei der Sulinger Bonbonmanufaktur wird auch noch per Hand gearbeitet, hier mengt Mitarbeiter Dominik Wilker Brausepulver unter.

Die Liste der Referenzen des hannoverschen Unternehmens ist lang. Da stehen Firmen aus Brasilien, Kuwait, Neuseeland oder China neben internationalen Konzernen aus Europa und den USA. „Unser Exportanteil liegt bei 95 Prozent“, erklärt Geschäftsführer Frank Temme. Wenig überraschend angesichts der Kunden aus der ganzen Welt. Aber auch in Deutschland kommt die Prozesstechnik aus Hannover zum Einsatz, zum Beispiel bei Kalfany, dem Hersteller der Pulmoll-Bonbons. Und auch ein bekannter Hersteller von Minz-Schokoladen-Täfelchen und ein namhafter Bonbonproduzent setzen seit Jahrzehnten auf Hänsel-Anlagen.
Neben diesen Großen ist man auch bei einem ganz kleinen Unternehmen in Sulingen froh, eine Hänsel-Bonbonprägelinie sein Eigen zu nennen. „Eine neue Anlage würde sicher mehrere hunderttausend Euro kosten“, schätzt Matthias Merkle. Bei einem jährlichen Umsatz von rund 2 Mio. Euro würde dies die Merkle & Biskup OHG wohl vor größte Herausforderungen stellen. Allerdings gibt es für die auf traditionelle Bonbons spezialisierte Manufaktur auch keinen Grund ernsthaft über eine neue „Strada“ – so der Markenname – nachzudenken. Denn die Anlage aus den sechziger Jahren, die die Bonbonmasse zu einem schmalen Streifen formt, aus dem beispielsweise kleine, süße Kugeln gestanzt werden, die dann abgekühlt werden, erfüllt ihren Zweck. Vor gut zwei Jahren erst hat das Unternehmen sie komplett überarbeitet. „Ich weiß allerdings nicht, ob sie bis zu meiner Rente durchhält“, flachst der 36-jährige Geschäftsführer.
Nennt man Frank Temme das Stichwort Sulingen, weiß er sofort Bescheid. Der Hänsel-Geschäftsführer kennt das Unternehmen, das bis zu einer Insolvenz vor drei Jahren Fischer fine sweets hieß. Der 48-Jährige ist nämlich auch für den Vertrieb in den USA, Kanada und Deutschland zuständig. Die Bonbonmanufaktur aus Sulingen führt Mathias Merkle seit der Insolvenz gemeinsam mit Jürgen Biskup.

Matthias Merkle, Geschäftsführer Merkle & Biskup OHG.

Merkle kümmert sich mehr um das operative Geschäft, während Biskup für Strategie und Finanzen zuständig ist. Der Juniorchef legt auch schon mal selbst Hand an. „Kleinere Reparaturen an den Maschinen mache ich selbst“, sagt Merkle, der in die Fußstapfen seines Vaters Heinz getreten ist. Heinz Merkle hat das Unternehmen gleich neben dem Lloyd-Firmensitz in den letzten Jahrzehnten geführt, nachdem er es von Rudi Fischer übernommen hatte.
Mehr als 90 Sorten gehören zum Sortiment, das von traditionellen Cachou bis zu regenbogenfarbenen Einhorn-Bonbons reicht. Auch gebrannte Mandeln, Marzipanprodukte und Weingummi führt das Unternehmen – bis auf das Marzipan werden sie aber nicht in Sulingen hergestellt. In kleinen Tütchen und Kunststoffdosen finden die Produkte Abnehmer in Supermärkten und Geschenkeläden, wo sie meist unter der Marke „Merkle feine Spezialitäten“ zu finden sind. Jeweils 40 Prozent erwirtschaften diese beiden Vertriebswege. Auf den Onlineshop (suesswaren24.de) und den Verkauf an Schausteller entfallen die übrigen 20 Prozent.
32 Mitarbeiter zählt das Unternehmen. In der Branche gibt es nur noch wenige so kleine Unternehmen. „Und wir müssen die gleichen Regeln befolgen wie die Großen, zum Beispiel bei der Warenrückverfolgbarkeit“, erklärt Merkle. Es ist ein großer Aufwand angesichts der meist kleinen Bonbonmengen. Aber – die überschaubare Größe hat auch Vorteile. „Wir können als Nischenanbieter auch ganz kleine und individuelle Aufträge erfüllen.“ Besondere Bonbons sind ebenso wenig ein Problem wie spezielle Etiketten, die den Namen eines Ladens oder eine regionale Bezeichnung tragen. Dabei spielt den Sulingern auch der technische Fortschritt in die Karten. „Flexibilität ist für die meisten anderen ein Fremdwort, da auch die Anlagen immer größer werden“, sagt Merkle.

Die Sulinger Manufaktur Merkle & Biskup stellt seine Bonbons auf einer „Strada“ her, die in den sechziger Jahren von Hänsel in Hannover gefertigt wurde. Hänsel Processing zählt heute zu den führenden Anbietern solcher Anlagen.

Ältere, kleinere Maschinen durch neuere zu ersetzen – ist für Hänsel ein typisches Geschäft. Gerade in puncto Qualität und Wirtschaftlichkeit haben die Anlagen stark zugelegt. „Früher schaffte eine Maschine in einer Stunde mit Unterstützung von fünf oder sechs Mitarbeitern 500 bis 600 Kilogramm Bonbons, heute schafft eine Anlage mit einer Person zur Überwachung im gleichen Zeitraum 4000 Kilogramm vollautomatisch“, erklärt der Geschäftsführer.
Neben dem Vertriebsteam sind Messen ein wichtiger Verkaufsweg für Hänsel. Dort entsteht oft der erste Kontakt, wenn sich Süßwarenhersteller über neue oder verbesserte Technologien informieren. Von einer ersten Idee, über eine technische Skizze bis zu einer fundierten Planung und schließlich der Inbetriebnahme einer neuen Anlage vergeht mindestens ein Jahr. Vorausgesetzt das interessierte Unternehmen entscheidet sich schnell. Die reine Bauzeit einer Maschine liegt zwischen fünf und 12 Monaten, wobei ein Jahr nur für eine vollständige Produktionsstrecke benötigt wird, die sich aus mehreren komplexen Maschinen zusammensetzt. Während ein kleiner Kocher zum Erhitzen von Zucker-Glukosesirup-Gemischen bereits für etwa 50 000 Euro erhältlich ist, kann eine komplette Linie zur Produktion von 4000 Kilogramm Hartbonbons in einer Stunde auch bis zu vier Mio. Euro kosten.
Im vergangenen Jahr konnte Hänsel viele neue Maschinen ausliefern. „Ein Spitzenjahr“, sagt Temme. Gefragt waren zum Beispiel Maschinen, die Gummibärchen mit weicher Füllung herstellen können. „In den USA gibt es inzwischen in Supermärkten ganze Regalreihen mit Artikeln, bei denen Weingummi Vitamine, Spurenelemente und sogar medizinische Wirkstoffe zugesetzt worden sind“, berichtet der Geschäftsführer.
Vor acht Jahren übernahm der gebürtige Hannoveraner zusammen mit Heiko Kühn die Geschäftsführung im Rahmen eines Management-Buy-Outs. Zuvor war das 1911 in Dresden-Freital gegründete und seit 1948 in Hannover beheimatete Unternehmen viele Jahre Teil des Klöckner-Konzerns. Eine der schwersten Phasen mussten die zwei direkt am Anfang in der Wirtschaftskrise bewältigen, seitdem ging es für den Hidden Champion stetig bergauf. Die Umsätze stiegen und auch die Zahl der Mitarbeiter wuchs. Etwa 20 neue Arbeitsplätze entstanden seit ihrem Antritt.

Seit 2009 Anteilseigner und Geschäftsführer der Hänsel: Processing GmbH Frank Temme (li.) und Heiko Kühn.

Dazu trug auch die Übernahme eines Unternehmens bei, das sich auf die Verwertung von Resten spezialisiert hat, die bei der Süßwarenherstellung anfallen. Das Tochterunternehmen Candy-Recycling produziert Anlagen, die die Zucker- und Bonbonmasse wieder in ihre Einzelteile zerlegen kann. „Das hat sowohl aus Gründen der Rohstoffsicherung als auch zur Abfallvermeidung für die Firmen eine steigende Bedeutung“, sagt Temme. Die Zuckermasse müsste sonst teuer als Sondermüll entsorgt werden. Beide Firmen zusammen zählen rund 150 Beschäftigte. Glaubt man den Worten des Geschäftsführers muss man sich um die Zukunft der zwei Unternehmen keine Sorgen machen – im Gegenteil. Weltweit wachse die Bevölkerung und so würden auch in den kommenden Jahren mehr Süßigkeiten gegessen. Und für weiteres Wachstum ist Hänsel auch in Hannover auf jeden Fall gerüstet. „Platz ist auf unserem Firmengelände auf jeden Fall noch ausreichend vorhanden.“